Maastricht - Mit dem Zahnkratzer durch die Kreidezeit

Mit dem Zahnkratzer durch die Kreidezeit

Von: Ulrich Simons
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Vor aller Augen: Im offenen Labor, dem „open lab“, schält Präparator Hans Peeters die Saurierknochen aus dem Kalkstein. Der Block im Vordergrund enthält einen Teil des Kiefers. Deutlich sind fünf Zähne zu erkennen. Foto: Ulrich Simons

Maastricht. Über seine Hände hat sich eine feine, weiße Staubschicht gelegt. Zwischen Daumen und Zeigefinger hält Hans Peeters einen „Scaler“, wie ihn Zahnärzte benutzen, um bei ihren Patienten den Zahnstein zu entfernen. Vorsichtig und hoch konzen­triert kratzt er an dem Kalksteinblock, der vor ihm auf dem Tisch liegt.

Was in dem Block drin ist? Peeters lächelt und zuckt mit den Schultern. „Verrassing“, sagt er. Überraschung. Ein bisschen sei die Arbeit wie Goldsuchen. Nur dass er nicht Gold sucht, sondern Millionen Jahre alte Dino-Überreste in ebenso altem Gestein.

Hin und wieder pustet Peeters auf die Stelle, die er gerade bearbeitet hat, und der Abrieb macht sich in einer kleinen Wolke aus dem Staub. Der Mann hat Routine: Sein schwarze Pulli ist picobello, was in dieser Umgebung schon was heißen will.

Auf dem Präsentierteller

Seit vielen Jahren arbeitet der heute 69-Jährige als einer von etwa 15 Präparatoren im Naturhistorischen Museum in Maastricht. Zunächst beruflich, nach seiner Pensionierung ehrenamtlich und seit einigen Tagen „auf dem Präsentierteller“.

Vor den Augen der Museumsbesucher holt Hans Peeters in einem so genannten „open lab“ den jüngsten Schatz des Museums ans Tageslicht und beantwortet geduldig alle Fragen. Zum Beispiel die, warum er keine größeren oder gar elektrischen Geräte bei seiner Arbeit verwendet. „Viel zu riskant“, schüttelt er den Kopf. Denn die Dino-Knochen seien weicher als der umgebende Kalkstein. Da könnte zu schnell etwas Wertvolles kaputt gehen.

Es war der 10. September vorigen Jahres, als für Carlo Brauer nach 23 Jahren ein Traum in Erfüllung ging: In den ENCI-Zementwerken am Maasufer, nur wenige Kilometer vom Museum entfernt, polterten plötzlich Knochen in seine Baggerschaufel – der gut erhaltene Kiefer eines „Mosasaurus“.

Als man acht Meter weiter in der gleichen Schicht Schwanzwirbel des Tieres fand, kannte die Begeisterung der Paläontologen keine Grenzen mehr. In Blöcken wurde die Gesteinslage abgetragen und ins Museum verfrachtet.

„Carlo“, wie der Dino zu Ehren seines Entdeckers getauft wurde, wurde schnell berühmt. Das Besondere an ihm: Er lag in größerer Tiefe als alle bisher am St. Pietersberg gefundenen Fossilien und ist daher der älteste Mosasaurus aus der Umgebung von Maastricht.

„Der Mosasaurus war der Tyrannosaurus Rex der Meere“, erklärt Paläontologe Anne Schulp, der die Ausstellung zusammengestellt hat. Ein Fleisch fressender, bis zu 18 Meter langer Gigant mit fast faustgroßen Zähnen. Ein Killer, der nicht lange seiner Beute hinterherjagte, sondern sich – angetrieben von einem gewaltigen Schwanz mit einer äußerst effektiven „Schwimmflosse“ an dessen Ende – auf seine Opfer stürzte. Selbst große Meeresschildkröten mit ihrem Panzer zerbröselten unter seinem Gebiss wie Blätterteig. Aber wie kam der vor 65 Millionen Jahren in unsere Region?

Anne Schulp deutet auf eine Art Globus. Von innen werden die Erdteile an die Kugeloberfläche projiziert, und wenn man die Kugel dreht, geschieht Erstaunliches: Die Kontinente beginnen zu wandern, driften auseinander und formen neue Erdteile. Immer tiefer geht es in die Vergangenheit unseres Planeten, die unterschiedlichen Erdzeitalter ziehen vorüber, bis schließlich Pangäa entsteht, der große Ur-Kontinent. Plattentektonik im Zeitraffer.

Steuert man gezielt die Mosasaurus-Zeit an, liegt der rote Punkt, der unsere heutige Region markiert, am Rande einer Ur-Nordsee, genau wie in dem Studenten-Kalauer: „Wenn Holland nicht wär, läg Aachen am Meer.“

Zwei Jahre Arbeit am Schädel

Im Innenhof umweht Musik vom benachbarten Konservatorium einen begehbaren Glaskubus. Hier drin liegt ein besonderes Prachtexemplar. Der fein herauspräparierte Schädel eines Mosasaurus, noch halb vom Mergel umschlossen, weil der weiche Knochen sonst zerbrechen würde.

Zwei Jahre lang hat Präparator Hans Peeters an dem fast sechs Tonnen schweren Block gekratzt und geschabt, den sie damals mit einem Kran übers Dach gehoben und im Hof abgesetzt haben, weil er in dem früheren Kloster vermutlich im Keller gelandet wäre.

Faszinierende Urzeit-Giganten: Zwischen 25 000 und 30 000 Besucher geben sich jährlich am De Bosquetplein die Türklinken in die Hand, die – natürlich – einem Saurierkopf nachgebildet sind. Und der letzte Monat im alten Jahr, erzählt Anne Schulp, sei der beste Dezember aller Zeiten gewesen. Carlo sei Dank!

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