Aachen - Mit dem Rhönrad durch zehn Länder pilgern

Mit dem Rhönrad durch zehn Länder pilgern

Von: Annika Kasties
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Pilgerreise nach Osten: Noch steht die schwarze Gepäcktasche halbleer neben dem Rhönrad, doch in wenigen Tagen macht sich Shahin Sadatolhosseini mit seinem außergewöhnlichen Sportgerät auf den Weg auf eine einjährige Wanderung in den Iran. Foto: Annika Kasties

Aachen. Es gibt viele Dinge, die Reisende mit auf ihren Weg nehmen. Ein gutes Buch, ein Stativ für die Digitalkamera, ein Stofftier, mit dem sie für ihre Facebook-Freunde vor Sehenswürdigkeiten posieren. Nicht so Shahin Sadatolhosseini.

Die Vorbereitungen für seine anstehende Tour sind alles andere als gewöhnlich. Der Aachener will in sein Heimatland Iran reisen. Nicht mit dem Flugzeug, nicht mit dem Zug – sondern zu Fuß, mit dem Rhönrad an der Hand, und das innerhalb eines Jahres.

Die Idee für das ungewöhnliche Unterfangen schlummerte schon seit geraumer Zeit in dem Künstler und Choreographen. 30 Jahre nach der Flucht seiner Familie nach Deutschland will der 44-Jährige erstmals in seine Heimat zurückkehren. „Klar könnte ich mich einfach ins Flugzeug setzen und rüberfliegen“, räumt er ein. „Aber dadurch, dass ich den Weg zu Fuß gehe, nehme ich jeden Schritt anders wahr.“

Tausende Menschen wandern jährlich auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela. Sadatolhosseinis Pilgerpfad führt ihn nun gen Osten.

Dass er das Rhönrad zum Begleiter wählte, ist seiner persönlichen Bindung zu dem Gerät geschuldet. Das Rad ist für Sadatolhosseini mehr als nur ein Sportgerät. Es begleitet ihn seit seiner Jugend. Ein Jahr nach seiner Ankunft in Aachen, einer fremden Stadt in einem fremden Land, entdeckte er das damals noch fast völlig unbekannte Sportgerät für sich. Es wurde zu seinem ständigen Begleiter.

In Aachen ist er das Aushängeschild der lokalen Rhönrad-Szene. Er etablierte die Sportart im Hochschulsport der RWTH Aachen. Da er nach wie vor die iranische Staatsbürgerschaft hat, vertrat er den Iran auch bei Weltmeisterschaften im Rhönradturnen.

Sadatolhosseini bezeichnet das Rad als seine „konstante Inspirationsquelle“. Die Wanderung mit dem kreisrunden Gerüst in den Iran, sie ist sein persönlicher Weg, seine deutsche mit seiner persischen Identität zu verbinden.

In einer Sporthalle des Hochschulsportzentrums der RWTH zeigt Sadatolhosseini, wie diese Zusammenführung aussehen soll. Mit einem festen Ruck zurrt er den schwarzen Gurt am Rhönrad fest. Ein lautes „ratsch“, ein kontrollierender Blick. Auf den Holzplatten, auf denen Turner normalerweise ihre Füße positionieren, liegt eine schwere Gepäcktasche. Dunkel, wasserfest und mit zwei Spanngurten fest an das Stahlgerüst gebunden. 40 Kilogramm wird die Tasche in wenigen Tagen wiegen. Dazu kommt eine Gerüstkonstruktion, in die er seine Kamera einhängen kann.

Sadatolhosseini, der in Aachen Design studierte, will seinen ein Jahr währenden Weg nach Asien fotografisch und filmisch festhalten. Der Choreograph ist zufrieden. Gegen diese Befestigung dürfte auch die Schwerkraft nicht ankommen. Turnen könne er mit dem Rhönrad so zwar nicht mehr. „Das wäre, als hätte ich 40 Kilogramm schwere Schuhe an.“ Aber dafür übernimmt das Rad auf seiner Reise Aufgaben, die über das rein Artistische hinausgehen. „Das Rhönrad ist nicht mein Ballast, sondern meine Stütze“, versichert Sadatolhosseini, während er das Rad durch die Halle rollt. Es dient ihm als Tragesel und als Kamerakran, in Extremfällen sogar als rundes Dach über dem Kopf.

In dicht besiedelten Regionen wie Deutschland will sich Sadatolhosseini den Komfort nicht nehmen lassen, auch in Jugendherbergen zu übernachten. Auch Online-Zimmervermittlungen wie „Airbnb“ und Couchsurfen will er nutzen.

Doch je weiter ihn seine Wanderung führen wird, desto schwieriger dürfte es mitunter werden, eine Unterkunft zu finden. Für den Ernstfall hat er vorgesorgt. Eine Hängematte lässt sich in das Rhönrad einhängen, darüber kommt eine Plane zum Schutz vor Wind und Regen: „Das ist dann wie ein Schneckenhaus.“

Zurückgezogen wie eine Schnecke möchte er seine Reise jedoch nicht verbringen. Ein Ziel sei schließlich, Kontakte zu Menschen zu knüpfen. „Ich möchte Fragen aufwerfen, Impulse geben und selbst von meinen Begegnungen lernen.“ Das Rhönrad spielt dabei eine wichtige Rolle, betont Sadatolhosseini, denn es sichert ihm Aufmerksamkeit. Wo auch immer er mit seinem Rad entlangrollt, die Menschen gucken hin, stellen Fragen, wollen wissen, warum er mit dem Gerät unterwegs ist.

Auch seine Route wählte der 44-Jährige so, dass er durch möglichst spannende Orte rollen kann. „Ich gehe nicht annähernd den kürzesten Weg, sondern den interessantesten.“

Von Aachen geht es über Köln zunächst in Richtung Dresden. Dort reizen den Iraner nicht unbedingt die barocken Bauten. Er möchte vielmehr an einem Montag in der Stadt aufrollen, wenn Anhänger der „Pegida“-Bewegung durch die Innenstadt laufen. „Das dürfte interessant werden“, vermutet Sadatolhosseini. Mit Menschen ins Gespräch zu kommen und sie mit ihren Vorurteilen zu konfrontieren, gehört auch zu seinen Zielen.

Anschließend geht es weiter nach Südosten: Prag, Wien, Budapest. Über die Balkanroute soll ihn seine Reise nach Asien führen, durch den Kaukasus wandert er schließlich in seine Geburtsstadt Teheran. Die Route werde er der aktuellen politischen Situation entsprechend anpassen. „Das ändert sich so dermaßen schnell, da bringt es nichts, die genaue Strecke ein Jahr im Voraus zu planen.“

In Zahlen ausgedrückt, ist Sadatolhosseinis Projekt eine beeindruckende Ansammlung von Ziffern. In 365 Tagen will er durch mehr als zehn Länder und zwei Kontinente wandern. Dabei plant er, eine Strecke von etwa 7000 Kilometern zurückzulegen. Sein Rhönrad wird sich dafür 1.036.423 Mal um die eigene Achse drehen. Das ist nicht nur für sein Sportgerät eine Bewährungsprobe.

Etwa 30 bis 40 Kilometer will der passionierte Sportler täglich zurücklegen, zumindest in der Anfangszeit. „Im Hochgebirge wird das aber ganz anders aussehen“, versichert er. Zehn Kilometer am Tag seien dann schon eine gute Leistung. Wenn Sadatolhosseini über die Beweggründe seiner Wanderung spricht, fällt das Wort „Selbstfindung“.

Als seine Familie 1985 den Iran verließ, befand sich seine Heimat mitten im Krieg mit dem Irak. Die politische Situation wurde seiner Mutter zu heikel: Sie floh mit ihren beiden Söhnen nach Deutschland. Seitdem kann Sadatolhosseini das Leben in seiner Heimat nur noch aus der Distanz verfolgen. „Ich war 13 Jahre alt, als ich nach Deutschland kam. Jetzt kehre ich als erwachsener Mann zurück. Das ist natürlich eine ganz andere Wahrnehmung.“

Es ist ein nachdenklicher Mann, der im Geräteraum des Hochschulsportzentrums der RWTH im Schneidersitz auf einem Berg blauer Matten sitzt und über das spricht, was ihn auf seiner Wanderung erwarten könnte. „Man muss manchmal auch den schweren Weg gehen, um etwas Schönes zu finden“, meint Sadatolhosseini.

So war es, als ihn der Krieg nach Deutschland führte und er sich entgegen seinen Erwartungen in die Stadt Aachen verliebte. So werde es sicherlich auch im kommenden Jahr sein. Sadatolhosseini weiß, dass viele Menschen den Zeitpunkt seiner Wanderung für gefährlich oder zumindest für ungünstig halten. Die politischen Ereignisse haben ihn bei der Planung seiner Wanderung sprichwörtlich überrollt.

Während er zu Fuß über die Balkanroute gen Osten wandert, geht er Tausenden Menschen entgegen, die vor Krieg und Verfolgung nach Europa fliehen. An einigen Stellen könnte seine Reise durchaus heikel werden. Auch auf den beschwerlichen Weg der Flüchtlinge will Sadatolhosseini aufmerksam machen. Anhand von Fotos möchte er ihre Geschichten erzählen. „Ich kann als Perser bei den Menschen ganz andere Reaktionen erreichen als die meisten Reporter.“

Auch die Anschläge in Paris hätten indirekt seine Reise beeinflusst, erzählt er. Mögliche Sponsoren, die nach seinen Angaben großes Interesse daran gezeigt hätten, Sadatolhosseini zu unterstützen, seien nach den Ereignissen vom 13. November wieder abgesprungen. „Mit meinem Namen kann ich die Suche nach Sponsoren jetzt vergessen“, vermutet er. Ausbremsen lassen will er sich davon jedoch nicht. Auch nicht von Bedenkenträgern. „Natürlich kann mir unterwegs jemand auf den Kopf schlagen und mich beklauen. Doch das kann in Deutschland genauso passieren wie in der Türkei und jedem anderen Land.“

Der Optimist ist sich sicher: „Fast alle Schäden im Leben sind verkraftbar.“ Und mit einem Rhönrad an der Hand, ist ihm zumindest ein ständiger Begleiter sicher. Am Dienstag beginnt Shahin Sadatolhosseinis Wanderung mit dem Rhönrad in den Iran.

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