Aachen - Mit „Bio-Aktien“ Gemüse aus erster Hand

FuPa Freisteller Logo

Mit „Bio-Aktien“ Gemüse aus erster Hand

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
5248030.jpg
Garantie auf Bio aus erster Hand: Bosse an seiner neuen Wirkungsstätte, wo er eng verzahnt mit den Ernteabnehmern zusammenarbeitet.
5247985.jpg
Demeter-Bauernhof in Hanglage mit freiem Blick auf Vaals: Landwirt Daniel Bosse (li.) und ein Teil seiner Kunden aus dem Pilotprojekt Solidarische Landwirtschaft. Foto: A. Herrmann

Aachen. Als wäre dieser hügelige Flecken Erde ein Stückchen heile Welt. Unbegrenzt schweift der Blick von Aachens äußerstem Westen über Vaals auf die holländische Schweiz, frei laufend gackern ein paar Hühner, während die beiden Haflinger Samson und Lila oben auf der Wiese übermütig tollen, nach hinten ausschlagen – und die herumtänzelnde kläffende Mischlingshündin Ronja nur knapp einem Hufschlag entgeht.

Selbst der nicht enden wollende Winter trübt auf dem Demeter-Hof Gut Wegscheid die Stimmung nicht: „Bei den Temperaturen der letzten Wochen verschiebt sich halt alles nach hinten“, sagt der Landwirt Daniel Bosse gelassen. Nach Übernahme des rund 250 Jahre alten Hofes am 1. März hat er die vier kalten Wochen dazu genutzt, das Pilotprojekt „Solidarische Landwirtschaft“ (Solawi) vor Ort anzugehen, die 18 Hektar großen Äcker, Wiesen und Gartenländer in Augenschein zu nehmen, den Pflug zu prüfen, die Ackerfräse, den Hexler und den Umzug mit Frau und vier Kindern von Bonn nach Aachen vorzubereiten.

100 Euro monatlich pro Mitglied

Dort wird der 34-jährige Diplom-Agraringenieur zum landwirtschaftlichen Pionier in der Region. Denn: Bosse verkauft über die Initiative Solawi monatliche Ernteanteile von 100 Euro, gezahlt von 70 stillen Teilhabern, die nötig sind, um den Hof wirtschaftlich zu betreiben. Die Verlockung für den Käufer: Ob Obst, Gemüse, Getreide oder Brot – stets verlässlich ist die lupenreine Bio-Qualität, immer frisch, im saisonalen Einklang mit dem Kreislauf der Jahreszeiten. Zudem solidarisch verbunden mit dem Bauern und den anderen Erntebeziehern. Nur ein naiver, ökospleeniger Traum – zusätzlich entfacht von den Skandalen der Lebensmittelindustrie?

Die Antwort kam schnell. Bereits die Gründungsversammlung von Solawi am 20. Februar war ein Renner – 54 Interessierte kamen, bis heute schon wurden 63,5 der anvisierten 70 Ernteanteile verkauft, die Zahl der Mitglieder steigt stetig (siehe auch Info-Box).

„Grundlage der Idee ist, dass eine Gruppe die Abnahme der Lebensmittel garantiert und vorfinanziert, was notwendig ist, um diese zu erzeugen. Alle teilen sich die damit verbundene Verantwortung, das Risiko, die Kosten und die Ernte“, sagt der Stolberger Unternehmensberater Ulrich Prinz (49), der Solawi in der Region eta-blierte. Bundesweit ist die Bewegung schon in 30 Bauernhöfen aktiv.

Jung und Alt, Singles und Familien zählen zu den Menschen, die in Zukunft mit den Grundnahrungsmitteln von Gut Wegscheid versorgt werden. „Faszinierend“ findet das der Aachener Softwareentwickler Oliver Pesch. „Dieses Projekt bietet eine große Chance, im persönlichen Lebensumfeld konkret etwas zu verändern und sich unabhängig von der Industrie zu machen“, sagt Pesch, der Mitglied der Finanzgruppe der „Solawisten“ ist, die mit dem Landwirt arbeitet. Dies gilt auch für den Elektrotechniker Herwig Hahn, für den der direkte Abnahmeweg „ohne Zwischenhändler besonders wichtig“ ist.

Eine Win-Win-Situation für beide Seiten: Der Bauer bekommt eine Abnahmegarantie der Solawi-Mitglieder, also der Verbraucher. Die wiederum erhalten im Gegenzug Einblick und Einfluss auf die biodynamische Produktion. Daniel Bosse kann es kaum noch erwarten, bis es losgeht. Das erste Saatgut wartet auf das Ende der Kältekapriolen – unter anderem Radieschen, Rettich, Mangold, Rübstiel, Kresse, Möhren. Auch längst beschaffte 250 Kilo Pflanzgut für die Kartoffeln kommen noch nicht zum Einsatz.

Gleichwohl läuft die freiwillige Mitarbeit aktiver „Solawisten“ weiter. Hier werden in diesen Tagen die knapp 200 Apfelbäume und Himbeersträucher beschnitten, dort das Heu geholt. „Für mich ist es ein Geschenk, draußen in der Natur anpacken zu können“, sagt Sandra Spinneken, die bei einem katholischen Hilfswerk überwiegend im Büro arbeitet. Langfristig ist für freiwillige Mitarbeit eine Verrechnung von Ernteanteilen geplant, auch eine Aufstockung der 70 Abnehmer. „Aber wir schauen zunächst einmal, wie das erste Jahr läuft und bauen auf den Erfahrungen auf“, so Sandra Spinneken.

Wöchentliche Abnahme

Als Mitglied der Kerngruppe, die Bindeglied zwischen allen Abnehmern und dem Landwirt ist, wird die 40-Jährige auch mit der Abholung der jeweiligen Ernteanteile befasst sein. Ein- bis zweimal pro Woche zu festgelegten Zeiten. „Es gibt keine Zuteilung, es wird jedoch durch Mails und einen Anschlag im Abholraum eine ungefähre Empfehlung der Abnahmemenge gegeben“, so Sandra Spinneken. Es bestehe aber „keine Verpflichtung, sich ganz genau an diese Empfehlung zu halten“. Merke: Wer keinen Spinat mag, nimmt halt mehr Kohl.

Als Faustregel gilt: Ein Ernteanteil von 100 Euro deckt den Grundnahrungsbedarf eines Erwachsenen ab, bei 70 Personen entspricht dies einem Jahreseinkommen von 84 000 Euro für Daniel Bosse. Hinzu kommen zirka 12 000 bis 15 000 Euro an Fördergeldern der EU für den Hof.

Von knapp 100 000 Euro muss der Landwirt also den kompletten Betrieb bestreiten – inklusive Saatgut, Reparaturen, Lohn für zwei Aushilfskräfte, Futter und so weiter. „Mein Gehalt habe ich in der Kalkulation ganz unten angesetzt“, sagt der junge Bauer, dessen Frau berufstätig ist – freilich mit hoffnungsvollem Blick in die Zukunft: „Das ist erst der Anfang, wir werden uns entwickeln.“

Leserkommentare

Leserkommentare (1)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert