Aachen - Mit 80 Jahren in der Ballettschule: Pirouetten im Spiegelsaal

Mit 80 Jahren in der Ballettschule: Pirouetten im Spiegelsaal

Von: Andrea Zuleger
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Möglichst elegant versuchen die Teilnehmer der Gruppe sich im Raum zu bewegen. Foto: Harald Krömer
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Ein paar Erinnerungsstützen hängen neben dem Spiegel: Musik, Timing, Körperlinie und Ausdruck müssen stimmen. Foto: Harald Krömer
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Pirouetten durch den Spiegelsaal: Die meisten Tänzerinnen sind zwischen 60 und 80 Jahre alt, manche gar über 80. Foto: Harald Krömer

Aachen. Mehrere Frauen tanzen in der Tanzschule „Freudensprung“ unter der Leitung von Thorsten Müller. Das Besondere: Sie sind größtenteils über 65 Jahre alt, manche sogar über 80. Aber wenn sie tanzen, merkt man ihnen das Alter kaum noch an.

„Ihr guckt hier jetzt für den polnischen König unter Eurem gehobenen Arm hindurch, und jede von Euch ist die Favoritin des Königs. Guckt ihn an.“ Es ist einer dieser Thorsten-Sätze, der seinen Schülerinnen sofort ein Lächeln ins konzentrierte Gesicht zaubert. Ein Satz, der Silhouetten strafft, Wirbelsäulen streckt, Schultern senkt und Köpfe hebt. Die „Favoritinnen des Königs“ tanzen Pirouetten quer durch den Raum und versuchen an alles zu denken, was wichtig ist: die Beinhaltung, die Fußstreckung, die Schrittfolge. Und natürlich an den Blick ins imaginäre Publikum: „Die Leute haben schließlich bezahlt“, ruft Thorsten Müller seinen „Mädels“ zu.

Im Spiegelsaal der Aachener Tanzschule „Freudensprung“ gibt es kein Publikum, und hier tanzen auch keine kleinen Mädchen im rosa Tutu, sondern gestandene Frauen – manche von ihnen jenseits der 80, die meisten weit über 60. So steht Romy kurz vor ihrem 70., Dietlinde ist dieses Jahr 80 geworden, Gisela ist 74, Margrit 76, Marie-Helen 78. Claudia gehört mit ihren 58 Jahren noch mit zu den Jüngsten. Jane ist, so die Überlieferung, die Älteste. Seit wann genau sie die 80 überschritten hat, möchte sie aber nicht preisgeben. „Was hat das Alter mit dem Tanzen zu tun“, fragt sie.

Man sollte meinen: viel. Ballett steht für Körperbeherrschung auf höchstem Niveau, für Disziplin, Makellosigkeit und Jugendlichkeit. Geht das noch im Rentenalter? „Auf jeden Fall“, sagt Thorsten Müller. Und er muss es wissen. Er ist selbst Profi-Tänzer gewesen und war in den 80er Jahren Ballettmeister des Aachener Theater-Ensembles. Heute fährt er jede Woche dreimal aus seiner Wahlheimat, dem belgischen Spa, nach Aachen, um für „seine Damen“ eine besondere Ballettstunde zu geben. Herausfordern soll sie, aber nicht überfordern: „Ich weiß, wo es zwickt und zwackt. Ich bin ja selbst nicht mehr der Jüngste.“

In einem Alter, in dem sich manche Menschen nur mit einem Ächzen aus dem Fernsehsessel erheben, schweben diese Damen durch den Ballettsaal, beugen sich bis zu ihren Zehen hinunter und heben das Bein auf die Ballettstange. Natürlich geht nicht mehr alles: Thorsten Müller vermeidet wegen der Sturzgefahr allzu gewagte Sprünge und sucht meist etwas langsamere Musik aus. Auf die sorgfältig ausgeführten Übungen an der Stange, auf Plié, Grandplié, Arabesque und Attitude folgen das Einüben der Choreographie, das Dehnen und schließlich Drehungen durch die Diagonale des Raumes. Hin und wieder verpasst mal eine Schülerin den Einsatz, manchmal kommt eine bei den Pirouetten ins Trudeln, aber gerade Drehungen hält Thorsten Müller für wichtig: „Wenn man regelmäßig Drehungen übt, ist das auch eine gute Vorbeugung vor Schwindel.“

Für die Tänzerinnen steht die körperliche Fitness noch nicht einmal im Vordergrund, sondern die Glücksgefühle nach dem Training: wieder geschafft.

Romy zum Beispiel sprüht geradezu vor Begeisterung. In jungen Jahren hat sie Leichtathletik gemacht, später kam Jazzdance dazu. In den mittleren Jahren hatte sie wie die meisten der Ballett-Damen durch Familie und Beruf wenig Zeit für Hobbys: „Ich habe das aus Zeitgründen nicht geschafft. Und irgendwann habe ich gedacht, dass ich zu alt für einen Einstieg bin.“ Bis sie vor fast zehn Jahren von dieser Stunde hörte, in der auch andere ältere Damen tanzten.

Kindheitstraum

Immer wieder taucht das Wort Kindheitstraum auf. Claudia wollte als Kind zum Ballett, aber „bei vier Geschwistern konnte man nicht jedes Kind einzeln fördern“. Bei Margrit war es ähnlich: Dass sich dieser Traum vom Tanzen doch noch erfüllt, ist für sie ein großes Glück: „Als Kind wollte ich schon tanzen. Ich weiß, dass es heute nicht mehr so elegant aussieht, aber das ist mir egal. Von innen fühlt es sich auf jeden Fall frei, leicht und schön an“, sagt Margrit.

Auch Dietlinde hat erst mit Mitte 40 mit dem Tanzen begonnen, das ist immerhin schon 35 Jahre her. Inzwischen, mit 80, muss sie sich an so manchem Morgen im Winter etwas motivieren, den Weg aus der Eifel bis zur Ballettschule mit dem Auto zu fahren: „Aber ich habe nach jeder Stunde gute Laune. Wir sind verschwitzt und total kaputt, aber wir sind glücklich.“

Das Tanzen fordert nicht nur die Muskeln, sondern auch das Gehirn und spricht durch die Verbindung von Musik und Bewegung auch das Gefühl an: „Es ist für mich eine Zeit höchster Konzentration, eine Art positiver Stress. Dazu kommt die Musik, die auf den Punkt genau mit den Bewegungen harmoniert“, sagt Marie-Helen.

Mittlerweile hat sich das „Seniorenballett“ auch bei Jüngeren herumgesprochen. Carrie und Noemie, 37 und 27 Jahre alt, komplettieren seit kurzer Zeit die Truppe. Sie profitieren von der Erfahrung der Gruppe, aber auch davon, dass Choreographien lange und langsamer geübt werden: „So kann man die Bewegungen sehr präszise ausführen“, sagt Carrie.

Die Kessler-Zwillinge

Ballettmeister Thorsten Müller ist die gute Seele der Truppe: Er hat in seiner Zeit als Profi schon viel erlebt und gibt das auch gerne mal zum Besten: „Ich hab‘ schon mit den den Kessler-Zwilllingen getanzt, mich kann nichts erschüttern“, sagt er, wenn mal eine Sequenz nicht so klappt. Er schaut genau hin, korrigiert sanft, drückt aber auch mal beide Augen zu, wenn es angebracht ist: „Das Schöne ist, dass wir frei von jedem Leistungsdruck sind“, sagt er. Er sieht vor allem Vorteile im Arbeiten mit den „älteren Semestern“: „Sie sind zuverlässig, nicht mehr so ichbezogen, keine Zicken eben.

Da ist ein großer Gruppenzusammenhalt. Wir kümmern uns halt umeinander“, sagt der 64-Jährige. Weil er jede Einzelne mit ihren Schwächen und Stärken kennt, muss nicht alles total synchron sein. Wer mal ein Hüft- oder Schulterproblem hat, darf sich auch mal ein bisschen schonen. Was nicht heißt, dass der Ehrgeiz fehlt: Jede möchte für sich weiterkommen, sich verbessern und Haltung bewahren. Aber eben für sich selbst. Na ja, und eventuell noch für den polnischen König. Den bei Thorsten unterm Arm....

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