Missverstanden: Er will doch nur bohren

Von: Madeleine Gullert
Letzte Aktualisierung:
8944317.jpg
Undifferenzierte Debatte: Das Bohren nach Gas in Gestein tief in der Erde wird mit dem umstrittenen Fracking gleichgesetzt. Es gibt aber Bohrmethoden, bei denen keine giftige Chemie eingesetzt wird. Genau die will ein Forscher erproben. Foto: stock/Rüdiger Wölk
8944584.jpg
Verhinderter Forscher: Axel Preuße findet keine Geldgeber, die ihn bei seinen Probebohrungen im Münsterland unterstützen, weil sie nicht in Zusammenhang mit Fracking gebracht werden wollen. Foto: RWTH

Aachen. Wer unkonventionelles Gas sagt, sagt vermutlich auch das böse F-Wort: Fracking. In der öffentlichen Wahrnehmung gehört das eine zum anderen dazu. Fälschlicherweise, sagt Axel Preuße, der in das Spannungsfeld um die umstrittene Methode zur Gasgewinnung geraten ist.

Niemand will als Geldgeber für ein Forschungsvorhaben der RWTH Aachen im Münsterland auftreten. Preuße, Leiter des Instituts für Bergbau, fühlt sich missverstanden. Aber von vorne: Das Institut besitzt seit 2006 eine sogenannte Aufsuchungserlaubnis für wissenschaftliche Zwecke im Münsterland und Teilen des östlichen Ruhrgebiets. Große Konzerne erhalten solche Genehmigungen zu kommerziellen Zwecken. Vor wenigen Tagen hat die Bezirksregierung Arnsberg die sogenannte Aufsuchungserlaubnis für die Aachener Uni bis Mai 2017 verlängert.

Der Naturschutzbund (Nabu) NRW und einige Bürgerinitiativen in der Region fürchten, dass die RWTH im Münsterland und im Ruhrgebiet die umstrittene Fracking-Methode anwenden will. Zumindest aber sei das Vorhaben der Hochschule der Türöffner für den Einsatz der Technologie, kritisiert der Nabu NRW. Die Aachener Experten würden das zudem nicht beherrschen. Der Hauptvorwurf: Man gehe davon aus, dass der Verlängerungsantrag der Aufsuchungserlaubnis zur Erforschung von Kohlenwasserstoffen den Einsatz von Fracking nicht ausschließe, teilte der Nabu auf Anfrage mit.

Moderne Bohrtechniken erproben

Das stimme schlichtweg nicht, sagt Axel Preuße. Ihm gehe es um sogenanntes Flözgas. Als Flöz bezeichnet man eine Schicht mit nutzbarem Gestein, in diesem Fall Kohle.

In Nordrhein-Westfalen gibt es große Vorkommen an Kohleflözen. Die Experten gehen davon aus, dass es darin 2200 Kubikkilometer Gas gibt. „Es ist realistisch, davon zehn Prozent zu gewinnen“, sagt Volker Wrede, Fachbereichsleiter Energie und Rohstoffe des Geologischen Dienstes NRW. Aus einer Tonne Kohle lassen sich im Schnitt zehn Kubikmeter Gas gewinnen. Bei etwa der Hälfte aller Flözgaslagerstätten weltweit funktioniert die Gasgewinnung ohne Fracking, erklärt Wrede.

Ob das auch im Münsterland der Fall sein könnte, genau das will Preuße erforschen. Sein Ziel bis 2017 ist, die geologischen Bedingungen der Flözgaslagerstätte mit modernen Bohrtechniken zu erkunden und zu erforschen, ob es möglich ist, ohne Fracking Gas aus der Lagerstätte zu generieren.

Wie das geht? „Seit etwas mehr als zehn Jahren kann man mit sogenannten minimalinvasiven Bohrungen Flözen folgen, ähnlich wie bei einer Schulter- oder Knieoperation“, erklärt Preuße. Es ist also möglich horizontal zu bohren, nicht mehr nur vertikal. „Man bohrt quasi einen Nadelstich durch das Flöz.“

Zunächst muss das Wasser aus dem Flöz abgepumpt werden. Sobald der Druck sinkt, entweicht das Gas von allein in ein Bohrloch, erklärt Wrede. Diese Methode ist möglich, weil sich das Flözgas in 1000 bis 2000 Metern Tiefe befindet. Andere unkonventionelle Gase wie Schiefergas befinden sich tiefer. Dort ist durch Bohrungen allein keine Gasgewinnung möglich, weil die Gesteine wesentlich dichter sind als die Kohle, so Wrede. Bei diesem Gaslagerstätten gibt es zurzeit keine Alternative zum Fracken.

Die Flöz-Bohrtechnik sei gut erprobt und besonders unproblematisch, funktioniert aber nicht überall, erläutert Wrede. Absenkungen des Bodens seien nicht zu befürchten, weil bei Bohrungen die Flöze nicht entfernt werden. Es entstehe also kein Hohlraum. In den USA und Australien werde die Methode schon länger angewandt. In Münster will jetzt das Unternehmen HammGas Probebohrungen starten. Das ist irgendwann auch Preußes Ziel. Noch liegt dieses Ziel aber in weiter Ferne.

Ohnehin müsste Preuße – wie auch bei kommerziellen Nutzern üblich – zunächst einen Betriebsplan vorlegen, dem die zuständige Bezirksregierung in Arnsberg dann auch noch zustimmen müsste. Eine Aufsuchungserlaubnis ist keine Fracking-Genehmigung: „Weder Fracking noch irgendeine konkrete Tätigkeit ist allein mit der Bergbauberechtigung zulässig“, erklärt Andreas Nörthen, Sprecher der Abteilung Bergbau und Energie der Bezirksregierung. Und erst zu Beginn dieser Woche hatte Bundesumweltministerin Barbara Hendricks (SPD) betont, dass die umstrittene Fracking-Methode zur Erdgasgewinnung in Deutschland auch zukünftig weitgehend verboten bleiben soll.

Nicht differenziert

Doch Preuße ist in die Mühlen der Debatte geraten. Der RWTH fehlen derzeit die Mittel für die teuren Probebohrungen. Eine externe Finanzierung in der jetzigen Situation ist schwierig, „weil weder Gelder aus der Wirtschaft noch öffentliche Gelder zu mobilisieren sind“, klagt Preuße. Bohren bedeutet nicht Fracken, betont er. Doch, das beobachtet auch Wrede, es werde alles, was mit unkonventionellem Gas zu tun habe, mit Fracking gleichgesetzt. Hatte sich Preuße 2011 in einem Interview mit den „Ruhr-Nachrichten“ noch sachlich und nicht besonders kritisch zu Fracking geäußert, möchte er jetzt dazu lieber gar nichts mehr sagen. Leider werde angesichts der hitzigen Debatte nicht mehr differenziert, sagt er. Preuße kennt die Sorgen der Menschen. Wenn er bohre, werde er auch fracken, glaubten sie. In vorauseilendem Gehorsam würde die RWTH bei den Bohrungen jedoch, wenn es je dazu kommt, so kleine Bohrdurchmesser wählen, dass Fracking gar nicht möglich sei, weil das Gemisch nicht durch die kleinen Bohrlöcher passen würde.

Leserkommentare

Leserkommentare (4)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert