Missbraucht als Kind: Dorthin zurück, wo das Leid vor 46 Jahren begann

Von: Amien Idries
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Eine Tour gegen das Vergessen: Markus Diegmann sammelt Unterschriften gegen die Verjährung von Kindesmissbrauch. Dazu macht er Station, wo immer man ihn mit seinem Wohnmobil hinlässt: In Berlin... Foto: Markus Diegmann
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...in Heinsberg... Foto: Markus Diegmann
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...oder auch in Aachen. Foto: Markus Diegmann
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In seinem Heimatdorf Wipperfeld gab es jedoch Probleme. Foto: Markus Diegmann

Aachen. Schützenfest in Wipperfeld. Es ist der Termin, vor dem Markus Diegmann seit Beginn seiner Tour am meisten Angst hat. Der ihm durchwachte Nächte im Wechsel mit schweißgebadeten Alpträumen gebracht hat, weil hier der Ursprung von allem liegt. Von ihm als Mensch, der nicht nur durch eine Hölle gegangen ist und immer noch geht, und von ihm als Aktivist, der seit einem halben Jahr auf Deutschlandtour ist, um Unterschriften gegen die Verjährung von sexuellem Missbrauch von Kindern zu sammeln.

Auf dem Wipperfelder Schützenfest wurde Diegmann vor 46 Jahren das erste Mal sexuell missbraucht. Fünf Jahre alt ist er da. Ein blonder Wildfang aus einer großen Familie, der wie so viele Dorfkinder dem Schützenfest entgegenfiebert, weil es dort die große weite Welt und die eine oder andere Mark gibt. Der kleine Markus gerät an einen Schießbudenmann, der ihn Gewehre laden lässt und in seinen Wohnwagen lockt. Weiße Laken, entblößtes Glied, Scham und Schuldgefühle bei Markus.

Das muss man wissen, um nur ansatzweise nachvollziehen zu können, was diese Rückkehr für Diegmann bedeutet. Er ist heute ein erwachsener Mann und hat viel erlebt. Er war erfolgreich als Unternehmer, jettete für eine amerikanische Firma um die Welt, arbeitete für ein Paragliding-Magazin. Immer auf Achse, immer in Bewegung und immer auf der Flucht vor Wipperfeld.

Man könnte sagen, das Dorf im Oberbergischen hat es nicht gut gemeint mit Markus. Der einmalige Missbrauch auf dem Schützenfest ist nämlich nur der traurige Startpunkt für eine kaum vorstellbare Leidensgeschichte. Als der Schießbudenmann längst weitergezogen ist, wird Markus erneut Opfer.

Ein Untermieter auf dem elterlichen Hof lockt den Sechsjährigen mit Chips und Cola und verlangt dafür Gegenleistung. Streicheln, Penis anfassen, diese Sachen. Über Jahre geht dieses Martyrium, verschärft durch einen Bekannten des Vaters, der sich ebenfalls an dem Jungen vergeht.

2013 der totale Zusammenbruch

Irgendwann flieht Diegmann. Er heiratet früh, wird selbst Vater, verlässt seine Frau, behält engen Kontakt zum Sohn, kommt aber nicht zur Ruhe. Weil Ruhe für ihn bedeutet, dass die Erinnerungen hochkommen. Die Bilder, die Gerüche, die Geräusche. Die müssen im Unterbewusstsein bleiben, wofür er viel tut. Er absolviert erst eine handwerkliche Ausbildung, spezialisiert sich dann auf computergestützte Fräsmaschinen, macht sich selbstständig und seine erste Million.

2003 dann der erste größere Zusammenbruch, der ihn kurz innehalten lässt und die Erinnerungen wieder ins Bewusstsein spült, was schmerzhaft, zu schmerzhaft ist. Er startet wieder durch, wird zunächst Journalist, der sich mit dem Gleitschirmfliegen befasst, und heuert später bei einer US-amerikanischen Softwarefirma an. Er reist um die Welt, reißt 80 Stunden in der Woche runter und fühlt sich vordergründig gut, weil er einfach nicht die Zeit hat, an die Vergangenheit zu denken.

2013 dann betriebsbedingte Kündigung, totaler Zusammenbruch. Aber nicht das Ende. Diegmann macht sich seine Missbrauchsgeschichte erstmals wirklich bewusst. Er beginnt eine Therapie und kann wohl das erste Mal um sich trauern. Nachdem er die tiefsten Täler überwunden hat, reift in ihm der Entschluss, etwas zu tun.

Sinneswandel bei Diegmann

Diegmann ist ein Macher, und deshalb macht er was. Nicht weniger als eine Million Unterschriften will er auf seiner „Tour 41“ sammeln. Eine Freundin leiht ihm Geld für ein Wohnmobil, Anfang 2017 startet er mit seinem Hund Picasso. Die beiden tingeln durch die Republik. Stellen sich vor das Brandenburger Tor, den Aachener Glaskubus und an so ziemlich jede Stelle, an denen es ihnen erlaubt wird. Das Wohn- wird dann zum Infomobil. Diegmann erzählt von sich, sammelt Unterschriften und hört vor allem viele Geschichten. Jede einzelne herzzerreißend, jede einzelne steht für das Schicksal eines Kindes, dem die Zukunft geraubt wurde.

Nach einem halben Jahr könnte man die 21.000 bislang gesammelten Unterschriften als ernüchternd bezeichnen. Vor allem, wenn man die angestrebte Million zum Maßstab nimmt. Bei Diegmann hat aber ein Sinneswandel stattgefunden: „Ich habe festgestellt, dass mein Ziel wahrscheinlich weniger eine konkrete Anzahl an Unterschriften ist. Mir geht es inzwischen mehr darum, für das Thema eine Öffentlichkeit zu schaffen“, sagt er im Gespräch mit unserer Zeitung.

Große Medienpräsenz

Und das ist ihm gelungen. Es gibt eine große Medienpräsenz für ihn und seine Tour. Überregionale Medien und Regionalzeitungen haben über ihn berichtet. Seinen größten Auftritt hatte er aber beim SWR. In der Talkshow „Nachtcafé“ erzählte er Moderator Michael Steinbrecher unter der Überschrift „Was mich nicht loslässt“ von seiner Missbrauchsgeschichte.

Gerade die Tatsache, dass Diegmann in der Sendung sichtlich mit sich und seinem Schicksal zu kämpfen hat, bringt ihm viele Sympathien ein. Die Menschen verstehen, dass da jemand sitzt, der einen Mühlstein um den Hals trägt, sich aber nicht aufgibt, sondern gegen seine Vergangenheit ankämpft.

„Ich dachte zu Beginn meiner Tour, dass es gar nicht so sehr um mich, sondern um das Thema geht. Ich habe aber verstanden, dass die Menschen sich dieser schlimmen Thematik durch mich viel besser nähern können“, erklärt Diegmann. Er erhält viel Zuspruch. Menschen sammeln inzwischen selbstständig Unterschriften, eine Frau hat begonnen, einen Blog über Diegmanns Tour zu schreiben, und sogar ein Dokumentarfilm soll entstehen.

Dieser Zuspruch ist allerdings nur die eine Seite der Medaille. Diegmann muss auch gegen viele Widerstände ankämpfen. Da gibt es Kommunen, die ihm entweder gar keinen Stellplatz anbieten oder ihm hohe Standgebühren abknüpfen, und es gibt auch Menschen, die es als Schande empfinden, dass sie von Diegmann mit diesem Thema „belästigt“ werden.

Womit wir wieder in Wipperfeld wären. „Der erste Termin, den ich mir für meine Tour vorgenommen habe, war das Schützenfest in meinem Heimatdorf“, sagt Diegmann. Das war bereits im Winter 2016 und das Fest im Juli noch weit weg.

Der Termin rückte näher und mit ihm ein körperlich wahrnehmbares Unbehagen. Er schlief noch schlechter als sonst, fuhr schneller aus der Haut, hatte vermeintlich grundloses Herzrasen und Schweißausbrüche aus dem Nichts. Alles in ihm wehrte sich gegen diesen Termin im Herzen der Finsternis. Dennoch war ihm klar, dass sich seine Tour im Prinzip nur um dieses Schützenfest drehte. Darum, sich dorthin zu stellen, wo alles begann.

Er hatte eine mündliche Zusage des Schützenvereins. Zwei Tage vor dem Fest dann der Schock: Die Erlaubnis wurde zurückgezogen. Er sei nicht willkommen. Diegmann vermutet, dass der Grund ein großes Bild auf seinem Wohnmobil vom Artikel aus unserer Zeitung ist.

Die Überschrift lautet: „Der lebenslange Schatten des Schießbudenmanns“. Der Schützenverein fürchte, dass dadurch alle Budenbesitzer auf dem Schützenfest in ein falsches Licht gerückt würden. „Das war ein Schlag ins Gesicht“, sagt Diegmann, der auch heute – vier Wochen danach – noch sichtlich unter dieser neuerlichen Zurückweisung zu leiden hat.

Enttäuschung im Heimatdorf

Diegmann setzte über seinen Bruder, der Mitglied des Schützenvereins ist, alle Hebel in Bewegung. Am nächsten Tag bekam er doch die Zusage, nur um dann wieder enttäuscht zu werden. Der Verein hatte ihm zwar eine Stelle reserviert, dort war aber kein Platz für sein Wohnmobil. „Wir haben ihm einen zentral gelegenen Stellplatz freigehalten, und ich wollte auch für seine Sache unterschreiben“, sagt Hermann-Josef Böhlefeld, Brudermeister der Schützenbruderschaft Wipperfeld, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Warum Diegmann dann nicht auf dem Festplatz aufgetaucht ist, kann sich Böhlefeld nicht erklären, was vermutlich daran liegt, dass er keine Vorstellung davon hat, dass Diegmanns Wohnmobil viel mehr ist als ein Wohnmobil.

Es ist für ihn wie ein Schneckenhaus. Wenn ihm alles zu viel wird auf der Tour, dann zieht er sich dorthin zurück. Ohne fühlt er sich nackt und verletzlich. Vor allem in Wipperfeld. Deshalb war für ihn ein Stellplatz ohne Wohnmobil keine Option. Diegmann stellte sein Mobil schließlich außerhalb des Festgeländes hin und schaute von dort dem Schützenumzug zu.

Ob nun Böswilligkeit des Vereins oder einfaches Missverständnis, für Diegmann ist klar: „Ich glaube, dass es dort keine Bereitschaft gibt, sich mit dem Thema Kindesmissbrauch auseinanderzusetzen. Dazu würde nämlich gehören, sich selbst zu hinterfragen und auch das Milieu infrage zu stellen, in dem so etwas gedeihen kann.“ Diegmann sagt das mit einer Wut, die seine seelische Verletzung nur mühsam kaschieren kann.

Diese Geschichte geht aber noch weiter. Nicht nur, weil Diegmanns Tour weitergeht, sondern auch, weil auf dieser Tour auf Negatives meist Positives folgt. Am Tag nach dem Erlebnis im 1700-Seelen-Dorf macht Diegmann in der nächstgelegenen Stadt Wipperfürth Station. Er erhält viel Zuspruch und 1050 Unterschriften. Das ist das zweitbeste Ergebnis auf seiner Tour. Besser war nur Aachen mit 1257.

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