Millionen-Streit: Am Nürburgring geht es rund

Von: Christian Lindner und Dietmar Brück
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Da war die Welt im Freizeitpar
Da war die Welt im Freizeitpark am Nürburgring noch in Ordnung. Im Juli 2009 hatten Formel-1-Rekordweltmeister Michael Schumacher und RTL-Moderator Kai Ebel (vorne) auf der Achterbahn ihren Spaß. Doch das ist lange her. Die Bahn stockt, die Gästezahlen im Freizeitpark liegen hinter den Erwartungen, und die Finanzierung wackelt. Jetzt ist ein heftiger Streit zwischen Betreibern und Besitzern ausgebrochen. Foto: imago-sport/Kräling

Adenau. Die Ursprungsmeldung aus der Vorwoche las sich so: Wegen Gästemangels erwägen die Betreiber des Freizeitparks am Nürburgring, Teile der Anlage im Winter zu schließen. Und der Geschäftsführer der Nürburgring Automotive GmbH (NAG), Karl-Josef Schmidt, präzisierte: „Die Besuchermengen, die man mal erwartet hat, als man das Ganze plante, haben sich so nicht eingestellt.”

Noch sei aber keine Entscheidung gefallen: „Wir sind mit dem Land im Gespräch.” Aus dieser Gemengelage hat sich inzwischen eine politisch hochexplosive Mischung in Rheinland-Pfalz ergeben. Schließlich hat Schmidt noch angemerkt, dass eine Teilschließung des Ring-Boulevards mit vielen Geschäften „eine sinnvolle Konsequenz aus der Erkenntnis ist, dass sich die Investition nicht so rentiert hat, wie man sich das vorgestellt hat”.

Besucherzahlen des rund 330 Millionen teuren Freizeitparks nannte er zwar nicht. „Es sind aber auf jeden Fall deutlich weniger, als man mal gedacht hatte.”

Der Park kommt einfach nicht auf Schwung. Das mag auch an der pannengeplagten Achterbahn „Ringracer” liegen, deren Start wegen technischer Probleme seit zwei Jahren immer wieder verschoben wurde. Die geplante Hauptattraktion soll laut Schmidt aber noch dieses Jahr in Betrieb gehen. Die Betreiber hätten die fehlenden Unterlagen inzwischen bei der Genehmigungsbehörde nachgereicht - grünes Licht gebe es allerdings noch nicht.

Und nun wird scharf geschossen. Die Betreiber ließen verlauten, dass sie den Besitzer und Verpächter des gesamten Nürburgrings, die Nürburgring GmbH, für den Schaden in Regress nehmen könnten. Damit wäre auch die Landespolitik betroffen, denn die Nürburgring GmbH gehört zu 90 Prozent dem Land Rheinland-Pfalz, zehn Prozent hält der Kreis Ahrweiler.

Seit dem Wochenende heißt es nun „Kollisionskurs am Nürburgring”: Das Land hat als Besitzer des Rings ein Mahnverfahren gegen die Pächter der legendären Rennstrecke eingeleitet, eben jene NAG Nürburgring Automotive. Das hat nach Informationen der „Rhein-Zeitung” in Koblenz postwendend die Drohung der NAG ausgelöst, 140 der 380 Arbeitsplätze am Ring abzubauen, wenn die Pacht nicht auf fünf Millionen Euro pro Geschäftsjahr beschränkt würde. An die Vereinbarung aus dem Pachtvertrag, 2012/13 auf zehn Millionen Euro und im Jahr darauf auf 15 Millionen Euro zu erhöhen, sei nicht zu denken.

Der zuständige Innenminister Roger Lewentz teilte der Zeitung mit, dass das Amtsgericht Mayen als zentrales Mahngericht in Rheinland-Pfalz mit seiner ausdrücklichen Billigung gebeten wurde, der Geschäftsführung der NAG eine förmliche Mahnung zuzustellen. Nach seinen Worten sind die Pächter dem Land mittlerweile rund vier Millionen Euro schuldig geblieben. Die NAG wiederum hält der Nürburgring GmbH und damit faktisch dem Land vor, ihnen als Pächter inzwischen rund zehn Millionen zu schulden.

Minister Lewentz bedauert, dass die NAG dem Land „mit der Kündigung ihrer eigenen Beschäftigten droht”. „Die Arbeitnehmer am Ring werden instrumentalisiert”, kritisierte der Sozialdemokrat. Nach seiner „festen Überzeugung” kann am Ring „gutes Geld verdient werden” - und wird dort von der NAG „auch gutes Geld verdient”.

Lewentz betont, dass es geltende Verträge gibt, die „so genau formuliert sind, dass jeder wusste, was er unterschreibt”. Um beurteilen zu können, ob eine Pachtminderung geboten ist, müsse die NAG erst einmal alle Zahlen vorlegen. Das hatten die Ring-Pächter der Nürburgring GmbH nach den Worten des Ministers bislang verwehrt.

Die Geschichte nimmt dramatisch Fahrt auf. Jetzt kündigte die NAG an, dem Land doch Einblick in ihre Bücher zu gewähren: „Obwohl dies weder vertraglich vereinbart noch von einer vertrauensvollen Zusammenarbeit geprägt ist, haben wir die Unterlagen zusammengestellt”, heißt es in dem Brief an den Aufsichtsrat des Ring-Verpächters Nürburgring GmbH.

Innenminister Lewentz hält es für möglich, dass am Ende des Studiums all dieser Zahlen eine „juristische Bewertung” steht.

Roger Lewentz sagte der „Rhein-Zeitung” wörtlich: „Wenn die NAG die Verträge nicht einhalten möchte, kann das am Schluss für sie im Rückzug vom Ring münden.” Mehr noch: Der Minister kündigt an, die Verpachtung des Rings auszuschreiben, wenn die NAG die Verträge auflösen will. Lewentz abschließend: „Drohkulissen beeindrucken mich überhaupt nicht. Ich habe das Interesse des Landes zu vertreten.”

Natürlich ging die Geschichte auch am Mittwoch weiter: Die rot-grüne Landesregierung ist nicht im Geringsten bereit, den millionenschweren Forderungen der Ring-Betreiber nachzugeben. Die Pächter indes bleiben auf ihrem Kurs. Ein Nervenkrieg um Millionen Euro zeichnet sich ab.

Mehrere rot-grüne Landespolitiker erklärten, dass sie sich von den Betreibern der Rennstrecke und des Freizeitparks nicht erpressen lassen wollen. Wirtschaftsministerin Eveline Lemke (Grüne) redete Klartext: „Wenn die Betreiber nicht in der Lage sind, den Betrieb so zu führen, dass sie die Pacht einspielen, tut mir das leid.”

Vom Wirtschaftsministerium, das auch für Tourismus zuständig ist, gibt es jedenfalls keinen zusätzlichen Cent für die Ring-Pächter. Lemke wörtlich: „In meinem Etat ist hier nichts vorgesehen.”

Ihrer Ansicht nach hatte die Nürburgring-Automotive GmbH vor Vertragsschluss genug Zeit, die wirtschaftliche Lage zu prüfen. Vor allem NAG-Mitgesellschafter Kai Richter darf sich ihrer Ansicht nach nicht beschweren: „Er hat das Zukunftskonzept doch mit entworfen.”

Ein Sprecher der Automotive GmbH, deren Spitze zu Gesprächen mit der Nürburgring GmbH zusammenkam, wies den Vorwurf der Erpressung zurück: „Das ist keine Erpressung, sondern die Darstellung der Fakten nach der zweiten Saison am Nürburgring.”

Von CDU und FDP kam harsche Kritik. FDP-Landeschef Volker Wissing: „Es ist unverantwortlich, dass die Landesregierung unter Kurt Beck 300 Millionen Euro Steuergelder in ein Vorhaben steckt, das auf Wunschdenken basiert.”

Zugleich sorgte eine Datenpanne für Wirbel. Auf der Internetseite des Umweltministeriums wurden laut „Rheinpfalz” versehentlich knapp 60 Seiten veröffentlicht, die auch die Finanzströme am Ring dokumentierten.

So wird der 330-Millionen-Freizeitpark am Nürburgring bezahlt

Das Land Rheinland-Pfalz hat 330 Millionen Euro für den Ausbau des Nürburgrings zu einem Freizeitpark investiert. Der Nürburgring GmbH (90 Prozent Land, 10 Prozent Kreis Ahrweiler) und ihrer Tochter MSR gehören sämtliche Immobilien am Ring. Im Klartext: Das Land ist Eigentümerin des Rings und hat den Komplex samt Freizeitpark, Hotels, Grüne Hölle und Rennstrecke verpachtet.

Einnahmen erzielt allein der Pächter, die Nürburgring Automotive GmbH (NAG). Da die ganze Anlage noch nicht sofort rentabel sein kann, wurde für die „Einschwungphase” eine gestaffelte Pacht vereinbart: im ersten Jahr null (es wurden aber bereits zwei Millionen Euro gezahlt), im zweiten Jahr fünf, im dritten zehn, ab dem vierten 15 Millionen Euro Mindestpacht.

Wird mehr verdient, gehen davon zunächst 90 und später 85 Prozent an die Nürburgring GmbH. Und weitere Vereinbarung: Wird die Mindestpacht übertroffen, kann die Automotive GmbH jeweils zwischen 10 und 15 Prozent der 3,2 Millionen schweren rheinland-pfälzischen Spielbankabgabe einbehalten. Diese Abgabe ist für die Ring-Finanzierung eingeplant.

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