Millionen illegale Arzneimittel verkauft: Prozess in Aachen

Von: Marlon Gego
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Potenzpillen, Schlankheitsdragees, Tabletten gegen Haarausfall: Einer internationalen Bande wird in Aachen der Prozess gemacht.

Heinsberg/Roermond/Aachen. Die Pakete kamen aus Heinsberg, sie enthielten Potenzmittel, Schlankheitspillen und Arzneien gegen Haarausfall. Die Medikamente stammten aus Chemiefabriken in Asien, eine Bande, die aus bis zu 16 Menschen bestanden haben soll, importierte sie illegal nach Roermond in den Niederlanden, verkaufte sie über verschiedene Internetseiten an Kunden in Deutschland und schickte die Pakete von Heinsberg aus los.

Weil die Medikamente in Europa nicht zugelassen waren und die Bande Steuern in Höhe von mehreren Millionen Euro hinterzogen haben soll, hat die Aachener Staatsanwaltschaft nun Anklage gegen die beiden mutmaßlichen Haupttäter und drei Helfer erhoben. Der Prozess beginnt im Februar.

Als die niederländische Polizei die beiden 48 und 49 Jahre alten Hauptverdächtigen am 24. März in ihren Häusern in Roermond verhaftete, wurden die beiden Männer vollkommen überrascht. In mehreren durchsuchten Wohnungen in Holland wurden mehr als Hunderttausend illegal eingeführte Pillen, mehrere Luxusautos und in Belgien der Bus eines Bordells beschlagnahmt. Keines der Bandenmitglieder hatte mitbekommen, dass Zollfahndung und Staatsanwaltschaft seit 2012 gegen sie ermittelt hatten.

Nach Erkenntnissen der Aachener Staatsanwaltschaft machte die Bande allein zwischen 2007 und 2013 einen Umsatz von 15 Millionen Euro. Wie viele Pillen dafür verkauft werden mussten, lässt sich allenfalls erahnen. Beworben wurden die Medikamente über Anzeigen, die die Bande auf verschiedenen Internetseiten geschaltet hatte.

Der Verkauf erfolgte dann auf mehreren eigenen Internetseiten, unter anderem erektionsshop24.de und generikshop24.de. Keines der verkauften Medikamente ist in der Europäischen Union zugelassen, weswegen die Staatsanwaltschaft zunächst wegen gewerbsmäßigen Schmuggels gegen die 16 mutmaßlichen Bandenmitglieder ermittelte.

Nach Schätzungen des Zolls hat die Bande allein 2,2 Millionen Euro Umsatzsteuer hinterzogen. Zwar wurden bei der Verhaftung und den anschließenden Wohnungsdurchsuchungen am 24. März in Roermond große Sachwerte sichergestellt. Der Steuerschaden lasse sich damit aber nicht bezahlen, sagte Staatsanwalt Jost Schützeberg auf Anfrage unserer Zeitung, weil beschlagnahmtes Vermögen nicht in ein anderes Land überführt werden dürfe. Deswegen würde der deutsche Fiskus auch von einer denkbaren Zwangsversteigerung der Anwesen des 48-Jährigen und des 49-Jährigen nicht profitieren können.

Die Ermittlungen ergaben, dass ein Teil der Millionen-Einnahmen der Bande im Laufe der Jahre nach Hongkong transferiert wurde. Die Bundesregierung hat bei den Amtskollegen in Hongkong mittlerweile ein Rechtshilfeersuchen gestellt, damit die Aachener Staatsanwälte Einsicht in die Konten der Bande nehmen können. Doch ob dieses Rechtshilfeersuchen jemals überhaupt auch nur beantwortet, ob dem Ersuchen gar entsprochen wird, ist im Moment offen. „Ermittlungen in anderen Teilen der Welt sind kompliziert“, sagte Staatsanwalt Schützeberg.

Inzwischen sind alle 16 mutmaßlichen Bandenmitglieder verhört worden. Doch alle 16 Verdächtigen inklusive der fünf kürzlich Angeklagten haben bislang die Aussage verweigert.

Der Prozess im Februar wird nun gegen die beiden Hauptverdächtigen aus Roermond geführt und gegen drei Helfer: zwei 19 und 32 Jahre alte Frauen aus Deutschland und einen 56-Jährigen Holländer. Die Ermittlungen gegen elf weitere Helfer aus Holland, Deutschland und Osteuropa dauern an, wie die Staatsanwaltschaft mitteilte.

Bis zu zehn Jahre Haft

Der mutmaßliche Haupttäter muss sich wegen 626 Verstößen gegen die Abgabenordnung und das Arzneimittelgesetz zwischen Juni 2011 und Mai 2015 und wegen Steuerhinterziehung verantworten. Taten, die vor diesem Zeitraum begangen wurden, sind verjährt. Den beiden Haupttätern drohen Freiheitsstrafen zwischen sechs Monaten und zehn Jahren, den drei Helfern Freiheitsstrafen bis zu drei Jahre.

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