Michael Horbach will die rheinische Kunstszene bereichern

Von: Marco Rose
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Horbach (63) und die alten Ikonen: Es ist kein Zufall, dass sich der Mäzen für Kuba begeistert. Foto: Marco Rose
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1000 Quadratmeter Raum für Ideen und Visionen: Michael Horbach in seinen privaten Ausstellungsräumen in der Kölner Südstadt. Foto: Marco Rose

Köln. Als Michael Horbach ganz oben angekommen war, beschloss er, fortan Hochdeutsch sprechen zu wollen. Schon auf dem Gymnasium hatte er sich immer als Außenseiter gefühlt. Weil er anders sprach, sich anders benahm als viele seiner Mitschüler.

Horbachs Vater war Pflasterer – ein einfacher, aber herzensguter Mann aus Linden-Neusen, einem Stadtteil von Würselen. Auch in seiner Familie war der junge Michael ein Exot: nur wenige waren zum Gymnasium gegangen, niemand hatte studiert. Horbach ließ sich davon nicht beirren. Aus dem Nichts baute er die nach ihm benannte Wirtschaftsberatung auf, die sich Ende der 80er Jahre anschickte, der Konkurrenz das Fürchten zu lehren.

Der Dialekt sollte im Zuge dieses Erfolges endlich verschwinden, weshalb der Unternehmer seinerzeit sogar eine Logopädin engagierte. „Was soll ich sagen?“, sagt Horbach heute lachend. „Nach der dritten Stunde gab sie auf und meinte, das Platt würde doch ganz gut zu meiner Persönlichkeit passen.“

Kulturelle Oase in der Stadt

Nach einer Weile musste der heute 63-Jährige selbst einsehen: Die Frau hatte Recht. Und so plaudert er auch Jahre später im breiten rheinländischen Dialekt mit den Besuchern seiner Stiftung in der Kölner Südstadt. In einem Hinterhof der Wormser Straße hat sich der Selfmade-Millionär im Jahr 2011 einen lange gehegten Traum erfüllt: Er kaufte einen ehemaligen Atelier- und Galeriekomplex und baute ihn gemeinsam mit seinem Sohn Tim zu einem privaten Ausstellungsort um, der in dieser Form und Größe seines Gleichen sucht. Versteckt inmitten von Wohnhäusern, offenbart sich diese kulturelle Oase nur dem Eingeweihten. Das restaurierte Industriegebäude bietet mit seinen hellen und großen Räumen viel Platz für Horbachs ambitionierte Pläne. Zuletzt zeigte er Fotografien der Kubanischen Revolution aus der Sammlung des Wiener Fotografen Christian Skrein, darunter legendäre und weltbekannte Porträts von Che Guevara.

Castro, Kuba, die Revolution: Es kommt nicht von ungefähr, dass sich der vermögende Kunstliebhaber mit kommunistischen Ikonen beschäftigt. Denn Horbach liebt nicht bloß Kuba und die Menschen dort, die er auf zahlreichen Reisen schätzen gelernt hat. Vielmehr steckt in ihm selbst ein kleiner und ausgesprochen sympathischer Revolutionär, den ein Thema nicht mehr loslässt: Gerechtigkeit. Und die Frage: Wie lösen wir die sozialen Probleme unserer Gesellschaft?

Zwar habe ihn seine Finanzberatung reich gemacht; im Herzen sei er aber ein Arbeiter geblieben, meint Horbach. Viel Glück habe er im Laufe seines Lebens gehabt, aber auch Ehrgeiz und Energie entwickelt. „Man könnte jetzt sagen: An ihm sieht man doch, dass es jeder schaffen kann“, sagt er über sich selbst und fügt hinzu: „Ein Scheiß-Spruch! Natürlich kann jeder theoretisch Millionär werden. Aber das ist doch keine Lösung für unsere Gesellschaft.“ Der Wahlkölner redet sich schnell in Rage, zitiert dann in einem Atemzug Gregor Gysi, Sahra Wagenknecht – und Helmut Kohl. „Bin ich ein Kommunist, weil ich für eine Reichensteuer bin? Weil ich für die Wiedereinführung der Vermögensteuer bin? Nein. Ich will bloß zurück zu den Zeiten Helmut Kohls. Damals hatten wir einen Spitzensteuersatz von 53 Prozent.“ Horbach rechnet vor, dass ein Manager in den 80er Jahren kaum mehr als das 40-fache des Einkommens seiner Facharbeiter verdient habe. „Und heute liegt das Verhältnis schon mal bei eins zu 300. Das ist nicht mehr gesund! Von wegen Neiddebatte. So ein Blödsinn!“

Der Volkswirt wirbt für die Reichensteuer, weil die Vermögenden „Verantwortung übernehmen müssen für die Folgen der Finanzkrise, für die Folgen übermäßiger Spekulation“. Sein Engagement sei aber auch reinem Egoismus geschuldet: „Wenn die Schere weiter auseinandergeht, dann leben wir Reichen bald in einem goldenen Käfig – siehe Südamerika. Ich möchte aber weiterhin mit meinem Fahrrad einfach so durch Köln fahren, ohne Angst haben zu müssen.“

Ist Michael Horbach ein Träumer? Nein. Er kennt seine Grenzen. Ein Exot? Mit Sicherheit. „Ich denke manchmal darüber nach, warum ich mit meinem Geld für meine Verhältnisse großzügig umgehen kann, während Superreiche so geizig sind?“, fragt sich der Mäzen und liefert die Antwort gleich mit: „Weil ich im Gegensatz zu denen nichts hatte und mir alles selbst erarbeitet habe.“

Um Horbach zu verstehen, muss man seinen Lebensweg kennen. Er war ein schlechter Schüler, drehte auf dem Gymnasium gleich im zweiten Jahr eine Ehrenrunde. „Später ging es dann etwas. Ich hatte einen Abi-Schnitt von Dreikommairgendwas und konnte damit praktisch nichts studieren außer Volkswirtschaft an der RWTH Aachen. Ich wusste gar nicht, was das war, und musste einen Test machen. Es hieß dann, ich sei zwar verbissen, müsse deshalb aber nicht unbedingt studieren.“ Horbach studierte trotzdem, zunächst in Aachen, nach dem Vordiplom dann in Köln. Begierig sog er die Thesen des sogenannten Ordoliberalismus auf. Das Arbeiterkind lernte: Wo die Marktwirtschaft nicht funktioniert, muss der Staat regelnd eingreifen. „Wenn du das heute sagst, bist du links. Dann bist du Kommunist. Verrückt!“

Nach dem Studium wollte Horbach im sozialen Bereich arbeiten, für eine Gewerkschaft zum Beispiel. Einen Job fand er nur bei Ford, wo er drei Jahre als Controller angestellt war. Eher zufällig entdeckte er währenddessen sein wahres Talent: Als seine Freundin ihr Medizinstudium abgeschlossen hatte, bat sie ihn um Rat. Wie sichert man sich ab, wie spart man, wie finanziert man eine eigene Praxis? Horbach machte sich in diesen Fragen schlau und beriet zunächst seine Freundin, dann deren Freunde und später wiederum deren Freunde. „Es ging immer so weiter. Und es war sensationell: Wenn ich zehn Interessenten beraten hatte, hatte ich acht Kunden.“ Aus dem Ein-Mann-Betrieb wuchs im Laufe weniger Jahre ein florierendes Unternehmen mit 30 Geschäftsstellen und mehr als 200 Mitarbeitern heran, für das sich zunehmend auch die Konkurrenz interessierte.

2000 gab Horbach dem Werben des damaligen AWD-Chefs Carsten Maschmeyer nach und verkaufte sein Unternehmen an den AWD. „Ich wollte einfach frei sein“, sagt er heute. Als Sonderling galt der Firmenchef schon damals, hatte er im Laufe der Jahre doch unter anderem eine umfangreiche Sammlung von Aktfotografien unter dem Titel „Achselhaare“ zusammengetragen und in seiner Firmenzentrale in Köln ausgestellt. „Als Maschmeyer uns zum ersten Mal besuchte, sagte er nur: ‚Oh mein Gott! Was sollen die Kunden denn denken?‘“, erinnert sich Horbach und grinst. „Dabei war es gerade mein Erfolgsrezept, dass wir immer etwas anders waren als die Konkurrenz.“

Im Frühjahr in Würselen

Heute lebt der bekennende Linken-Wähler mit seiner jungen Freundin, der iranisch-stämmigen Malerin Pari, wahlweise in Köln oder auf der eigenen Finca auf Mallorca. Seinen Porsche, den er vor Jahren gebraucht erstand, hat er längst wieder verkauft, weil er lieber Fahrrad fährt. Horbach verreist oft, fotografiert leidenschaftlich Menschen und fachsimpelt ebenso gerne über Fotografie und Kunst. Seine Stiftung fördert junge Künstler und unterstützt soziale Projekte in Afrika und Südamerika. Ab und an besucht er die alte Heimat, seine Fußball-Kumpels von einst, die ihm etwas fremd geworden sind, ebenso wie die Straßen von Linden-Neusen. „Kein Bäcker mehr, kein Lebensmittelgeschäft, nur noch eine Kneipe. Wirklich traurig. Ich freue mich trotzdem, wenn ich mal wieder dorthin komme.“ Im Frühjahr gibt es einen besonderen Grund dafür: Dann wird Horbach seine farbenfrohen Kuba-Fotos erstmals im Würselener Rathaus ausstellen. Es sind erfrischend unprätentiöse Bilder von armen, aber glücklichen Menschen. Horbach, der privilegierte Arbeiter, hat so sein Glück gefunden; Glück, das in dieser Gesellschaft längst nicht selbstverständlich ist.

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