Aachen - Mensch und Tier beim CHIO: Eleganz auf beiden Seiten

Mensch und Tier beim CHIO: Eleganz auf beiden Seiten

Von: Peter Pappert
Letzte Aktualisierung:
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Als Student der Veterinärmedizin fing er 1983 an beim CHIO; seit 1998 ist er Chef der Veterinärkommission: Dr. Friedrich Wilhelm Hanbücken. Foto: Michael Jaspers
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Mit Clintrexo Z im Parcours, mit Pflegerin Elsa Fau vor dem Stall: Christian Ahlmann. Foto: Wolfgang Birkenstock

Aachen. Von hinten betrachtet erliegt man der Faszination Pferd nicht so leicht. Der Schwanz schlägt immer wieder unwillkürlich aus – von plötzlichen Rücktritten der Hinterbeine mal ganz abgesehen. Überhaupt erschließt sich die Grazie des Tieres eher von vorne oder seitwärts; ein bisschen Muße ist dafür nötig. Pferd und Reiter möglichst lange auf dem Abreite- oder Bereithalteplatz zu beobachten, bringt den größten Reiz. Da herrschen Ruhe und Konzentration; da kommt man beiden am nächsten.

Auf den Laien wirkt ein Pferd eher unruhig. Reiter, Pfleger, Veterinäre und andere Kenner wollen davon wenig wissen. Lebhaft, temperamentvoll – das ja, aber unruhig? Nein. „Überhaupt nicht“, sagt Christian Ahlmann kurz und klar. Der 42-Jährige ist Topreiter, Züchter in Marl und war vor drei Jahren Sieger im „Großen Preis von Aachen“. Er hält auch die Perspektive von hinten nicht für empfehlenswert, weil man sich einem Pferd grundsätzlich nicht von hinten nähern sollte. „Es könnte erschrecken und Dinge tun, die es sonst nicht machen würde.“

Das sieht Friedrich Wilhelm Hanbücken ganz ähnlich: „Wenn jemand unsicher an ein Pferd herangeht, merkt es das und verhält sich entsprechend. Es nimmt die Körpersprache des Menschen genau wahr.“ Der Tierarzt, der in Eynatten-Lichtenbusch eine Pferdepraxis betreibt, ist beim CHIO Präsident der Veterinärkommission.

Leuchtende Augen

Der Laie kann die Gelassenheit nicht gänzlich teilen und fühlt sich darin bestärkt von einem, der auch ganz nah dran ist: Erich Lantin. Er gehört zu den sogenannten „Pferdeschwänzen“, die mit 25 Mann als Start-, Ziel und Hindernisrichter im Parcours ehrenamtlich tätig sind. Lantin macht das seit 1978. Er empfindet die Pferde auch eher als ängstlich und unruhig. „Eine Fahne, die im Wind weht, kann sie schon nervös machen.“ Und vor einigen Jahren hatte Lantin sogar mal eine kleine Auseinandersetzung mit Ahlmann. „Er meinte, ich hätte mit meiner Richterfahne zu stark rumgewedelt.“

Lantins Begeisterung ist auch bei seinem 41. Turnier als „Pferdeschwanz“ ungebrochen. Er kann sich nichts Schöneres vorstellen, als im Sommer eine Woche lang zwischen Hindernissen im Hauptstadion zu stehen. Die Aachener Soers umgibt der Mythos, hier finde alljährlich das beste Turnier der Welt statt. Am ehesten beurteilen können das diejenigen, die die Möglichkeit haben zu vergleichen. Wer in- und ausländische Beteiligte darauf anspricht, erlebt den Mythos als Realität: Topsport mit Spitzenreitern in allen Disziplinen, Anlagen in einzigartigen Formaten, perfekte Organisation und vor allem Masse und Klasse des Publikums – das ist der Tenor. Könnte nur Höflichkeit sein . . . Dann müsste es aber auch andere Stimmen geben; schließlich sprechen hier Sportler und keine Diplomaten. Ahlmann zeigt sich felsenfest überzeugt: „Es gibt nichts Besseres, nichts Größeres, keine schönere Atmosphäre.“

Hanbücken beschreibt seine Erfahrung, wenn er irgendwo in der Welt auf Turnieren unterwegs ist: „Wenn die hören, dass ich aus Aachen komme, leuchten die Augen.“ Die legendäre Aachener Atmosphäre speist sich aus Nähe und Erfahrung. Bei aller Professionalität, bei aller hochgeschraubten Sponsorenpflege hat sich der CHIO seinen familiären Charakter bewahrt. Der war bis in die 70er, 80er Jahre hinein sicher noch ausgeprägter, aber nach wie vor engagieren sich beim CHIO ungezählte Ordner, Richter und Ärzte, die das seit 20, 30 oder mehr als 40 Jahren machen – zum Teil in Familientradition, von ihren Eltern übernommen.

Der CHIO ist ein Publikumsfest. In dem großen Gelände geht es auf der Seite zur Soers rustikaler zu, sind mehr kurze Hosen und Kinderwagen zu sehen, während es auf der Seite zur Krefelder Straße und am Dressurstadion ein wenig eleganter wird. Es ist eine Eleganz, die auf einem internationalen Turnier lässig getragen werden muss, um nicht allzu sehr aufzufallen, aber trotzdem als Eleganz zu erkennen sein soll. Das gelingt am besten bei trockenem Wetter und Temperaturen zwischen 20 und 28 Grad; besonders eindrucksvoll zu beobachten um den und im sogenannten Championse_SSRq Circle. Das ist kein Produkt der Schreibwarenbranche, um Figuren für die Dressur aufzuzeichnen, sondern ein feines zweistöckiges Zelt, in dem Sportler und Sponsoren, Offizielle und Journalisten essen und Kontakte pflegen.

Im Championse_SSRq Circle können Toiletten mit Gesäßdusche benutzt werden, bei der sich sogar die Wassertemperatur regulieren lässt. Bevor man darüber spottet, wäre zu berücksichtigen, dass jener Körperteil eines Reiters oder einer Reiterin erheblich in Anspruch genommen wird. Nun sind Pferde auf solche Spitzenerzeugnisse der Intimhygiene nicht angewiesen, aber wenn für Menschen auf derart hohem Niveau gesorgt wird, stellt sich die Frage, wie es beim CHIO um das Wohlergehen der Tiere bestellt ist. „Dass das Pferd sich wohlfühlt, hat höchste Priorität“, sagt Christian Ahlmann. Ob diese Maßgabe den Tatsachen entspricht, wird auf einem hochklassigen Turnier penibel kontrolliert.

Vertraute Pfleger

Veterinäre begutachten jedes Pferd, das am Turnier teilnimmt, zwei Mal. Direkt nach der Ankunft geht es darum, ob es den Transport gut überstanden hat, ob Verletzungen oder Symptome für Infektionen zu erkennen sind? „Gibt es Anzeichen für eine ansteckende Krankheit, darf das Pferd gar nicht erst in die Ställe und muss meistens wieder abreisen“, erläutert Hanbücken. Häufig komme das nicht vor, zumal kein Reiter ein solches Risiko eingeht.

Beim zweiten Check-up inspizieren die Tierärzte den Bewegungsapparat, auch Bandagen werden kontrolliert. Kurz vor dem Gespräch mit der Zeitung hat die Veterinärkommission zwei Dressurpferde beanstandet. Hanbücken: „Einem Teilnehmer haben wir nahegelegt, das Pferd zurückzuziehen; das hat er auch getan. Der andere muss sein Pferd noch einmal vorführen.“

Die CHIO-„Gesundheitspolizei“ ist streng. Hanbücken selbst will es so nicht nennen. „Wir sind konsequent. Das ist auch bekannt. Das wissen die Reiter. Und der ALRV als Veranstalter steht hinter uns.“ Ein Pferd gegen den Willen des Reiters vom Wettbewerb ausschließen kann allerdings nur der Chefrichter. „Wenn die Veterinärkommission ihm das aber empfiehlt, wird er es tun; das habe ich jedenfalls noch nie anders erlebt.“

Elsa Fau arbeitet seit 15 Jahren als Pferdepflegerin und seit vorigem November bei Christian Ahlmann. Die Pflegerinnen und Pfleger sind die vertrautesten Kontaktpersonen der Turnierpferde und engste Berater der Reiter. „Sie sind rund um die Uhr für die Pferde da“, sagt Ahlmann. Fau kennt dessen Siegerpferd Caribis also ganz genau: Der sei sehr eigenwillig – „ein bisschen speziell. Männer mag er zum Beispiel nicht.“ Da hat Ahlmann Pech, kommt trotzdem mit Caribis zurecht. „Jedes Pferd hat einen eigenen Willen – auf jeden Fall“, sagt Ahlmann. Er kennt Vorlieben und Macken, Stärken und Schwächen jedes seiner Pferde. „Darauf muss man Rücksicht nehmen. Kein Reiter ist stark genug, sein Pferd zu etwas zu zwingen, was es partout nicht will.“

Fau merkt genau, ob das Pferd gut drauf ist. Wie sie es merkt? Das könne sie nicht erklären; es ist halt so – Intuition. „Wir sehen natürlich, ob ein Pferd lahmt, ob es steif geht. Das hat man mit einem geübten Auge schnell raus“, sagt Hanbücken. Unwohlsein oder Bauchschmerzen erkennt er am Gesichtsausdruck. „Das merken Sie an der Kopfhaltung oder an den Augen.“

Springende Fohlen

„Springpferde, die in Aachen am Start sind, werden seit Generationen gezielt gezüchtet. Das Springvermögen dieser Tiere ist viel größer als das eines Wildpferdes“, erklärt Hanbücken. Heißt das, dass für solche Pferde Springen nichts Unnatürliches ist? Hanbücken sieht es so. „Junge Springpferde springen schon, bevor sie überhaupt einen Sattel tragen. Es ist erstaunlich, wie selbstverständlich die meis- ten jungen Pferde über Hindernisse springen. Bevor ein Pferd in Aachen startet, ist es viele Jahre trainiert worden. Über die Hindernisse, die hier stehen, können Sie kein Pferd zwingen.“

Wollen Pferde springen? Ahlmann antwortet eindeutig mit Ja: „Von der Natur her kann ein Pferd springen – hoch wie weit.“ Für die Deutsche Reiterliche Vereinigung, höchste Instanz im deutschen Reitsport, ist Julia Basic beim CHIO. Die Frage werde ihrem Verband immer wieder mal gestellt. Grundlage des Spitzenpferdesports seien Partnerschaft und Harmonie zwischen Reiter und Pferd. „Durch Zwangsmaßnahmen können nach unserer Philosophie weder in Parcours oder Gelände noch im Dressurviereck Höchstleistungen erbracht werden.“

Der CHIO also nicht nur ein Publikums- und Reiterfest, sondern auch ein Pferdefest? Jene, die sich in der Aachener Soers als Sportler oder Unterstützer engagieren, sind davon fest überzeugt. So vertraut der Laie darauf, dass das Pferd nicht nur einen eigenen Willen hat, sondern der auch erkannt und geachtet wird.

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