Mein Reich ist eine Brücke: Die „Liebesschlösser” von Köln

Von: Lisa Caspari, ddp
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Sogenannte Liebesschlösser an einem Zaun der Hohenzollernbrücke in Köln. Foto: ddp

Köln. Im Sommer 2008 tauchten die ersten „Liebesschlösser” auf der Kölner Hohenzollernbrücke auf. „Zunächst waren es nur etwa zehn, aber dann wurden es mehr”, erzählt Dagmar Hänel vom Landschaftsverband Rheinland (LVR). Die Volkskundlerin erforscht seit einiger Zeit das Phänomen.

Auf einfache Vorhängeschlösser ritzen Pärchen aus aller Welt ihre Namen und knipsen die Schlösser dann als Treuesymbol an einem Zaun fest, der auf der Eisenbahnbrücke die Schienen vom Fußgängerweg trennt. Der gemeinsam in den Rhein geworfene Schlüssel soll die Ewigkeit der Liebe besiegeln.

Rund tausend „Liebesschlösser” in allen Farben und Größen hängen nach Schätzungen des LVR inzwischen auf der Brücke in unmittelbarer Nähe zum Kölner Dom. Woher der Brauch kommt und warum er sich gerade auf dieser Brücke Kölns so ausgebreitet hat, ist auch für Hänel nach wie vor ein Rätsel.

„Es könnte sich um die Abwandlung eines Brauchs von Absolventen des italienischen Militärs handeln”, sagt die Kulturwissenschaftlerin, die bereits viele Bücher zu dem Thema durchforstet und auch bei ausländischen Volkskundlern angefragt hat. In Florenz bringen junge Militärakademie-Absolventen demnach die Vorhängeschlösser ihrer ehemaligen Spinde an Brücken an, um ihre neugewonnene Freiheit zu symbolisieren. Wie dann aber der Bezug zur Liebe entstanden ist, ist unklar.

In Rom sind die auf Italienisch als „amorchetti” bekannten „Liebesschlösser” laut Hänel jedenfalls bereits seit den 90er Jahren bekannt. Dort hängen an der Milvischen Brücke inzwischen ungezählte Vorhängeschlösser.

„Hier in Köln haben ursprünglich Frischverliebte in der Hoffnung auf den ewigen Erhalt ihrer Gefühle ein gewöhnliches Schloss an die Brücke gehängt. Oftmals haben sie dabei eher spontan ihre Initialien und ein Datum eingeritzt”, sagt Hänel. Inzwischen finden sich jedoch auch Schlösser zu Beziehungsjubiläen und Hochzeitstagen auf der Brücke. Oftmals sind sie professionell vorgraviert, in knalligen Farben gehalten und manche sogar mit einem Foto versehen.

„Auch Familienschlösser und Schlösser von Vereinen habe ich schon entdeckt”, erzählt Hänel. Vermehrt widmen die Passanten auch ihren Freunden ein platonisches „Liebesschloss”. „Die schnelle Abänderung des noch recht neuen Brauchs wirft auch ein Blick auf unsere moderne und individualisierte Gesellschaft”, findet Hänel und fügt hinzu, „soziale Bindungen sind uns nach wie vor sehr wichtig. Neben dem Partner und der Familie nehmen aber auch der Sportverein oder Freundschaften vermehrt einen großen Platz im Leben ein.”

Unmut regte sich in der Kölner Bevölkerung daher auch, als die Deutsche Bahn als Besitzer des Zauns ankündigte, die Liebessymbole aus Sicherheitsgründen entfernen zu wollen. Inzwischen sieht die Bahn die stetig wachsende Zahl der „Liebesschlösser” gelassener. Die Statik des massiven Eisenzauns oder gar der Brücke sei jedenfalls nicht gefährdet, merkte ein Bahnsprecher an: „Die Hohenzollernbrücke ist eine der am stärksten befahrenen Eisenbahnbrücken Europas. Da sind ein paar Kilogramm Metall mehr oder weniger egal”.

Auch das städtische Umweltamt und das Dezernat für Wasserwirtschaft der Kölner Bezirksregierung fürchten durch die großen Mengen der in den Rhein geworfenen Metallschlüssel keine relevanten Eingriffe in das Ökosystem des Flusses. „Ein altes Fahrrad im Rhein wiegt mehr als tausend Schlüssel”, rechnete das städtische Umweltamt vor. Zudem werden die Schlüssel laut Bezirksregierung mit der Strömung weggetragen.

Allerdings soll das Gewicht der „Liebesschlösser” laut Volkskundlerin Hänel in Italien schon einen Laternenpfahl zum Umstürzen gebracht haben. In Riga, Kaliningrad, Sibirien und China soll es ähnliche Bräuche mit „Liebesschlössern” geben. Auch an einer kleinen Holzbrücke im niedersächsischen Hitzacker an der Elbe sollen Schlösser befestigt sein, wie Hänig sagt.

Der Brauch hat sich nun auch auf das Ruhrgebiet ausgebreitet. „Am Aussichtsturm Tetraeder in Bottrop und im Gasometer Oberhausen hängen seit kurzem erste Schlösser”, berichtet Hänel. Dies sei eine weitere Abwandlung des Brauchs, denn normalerweise gehöre dazu, dass der Schlüssel von einem Gewässer weggetragen werde. Ob mit oder ohne Fluss in der Nähe - in jedem Fall will die Forscherin die weitere Verbreitung des „Liebesschlösser”-Brauchs im Kulturhauptstadtjahr genau untersuchen.
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