Mehr Straftaten trotz Videoüberwachung

Von: Ulrich Simons
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Partymeile Bolkerstraße in der Düsseldorfer Altstadt: Weil es vor allem in Sommernächten dort nicht immer so friedlich zugeht, will die Polizei die Videoüberwachung ausweiten. Foto: imago/imagebroker

Düsseldorf. Bildschirmarbeitsplatz XXL: Fünf Monitore wird der diensthabende Beamte in der Wache an der Düsseldorfer Heinrich-Heine-Allee demnächst auf seinem Schreibtisch und im Auge haben. Damit kann er das Treiben auf der Partymeile Bolker­straße lückenlos verfolgen.

Denn die Polizei will die Videoüberwachung an der „längsten Theke der Welt” ausweiten. Das hat Gründe: Das Epizen­trum des Altbiers und des Frohsinns kann neben der Thekenlänge noch einen anderen Superlativ für sich in Anspruch nehmen, auf den die Düsseldorfer vermutlich nicht ganz so stolz sind: Nirgendwo in der Stadt sind die Chancen größer, unter die Schläger und Räuber zu fallen.

Im Schnitt pro Tag vier Delikte

6,5 Prozent aller in Düsseldorf registrierten Gewalttaten wurden im vergangenen Jahr in der Altstadt im Bereich Bolkerstraße/Mertensgasse verübt, dazu 6,2 Prozent aller in Düsseldorf bekannt gewordenen Trickdiebstähle. In Zahlen: 1105 Straftaten 2009, 1362 Straftaten 2011. Das machte im vergangenen Jahr im Schnitt pro Tag vier Delikte.

Wohlgemerkt: Alles in einem Areal, das nach einer Berechnung des Düsseldorfer Polizeipräsidenten Herbert Schenkelberg gerade mal 0,005 Prozent der Gesamtfläche der Stadt ausmacht.

Mithilfe von vier Videokameras beobachtet die Polizei seit April 2005 dort von 15 Uhr bis in die frühen Morgenstunden das Geschehen, im Januar soll die fünfte Kamera hinzukommen.

Schaut man sich die Zahlen an, scheint der Nutzen der Kameras zur Gewaltprävention überschaubar. Dennoch will Schenkelberg aufrüsten und die fünfte Kamera installieren, wenngleich auch er einräumen muss: „Eine abschreckende Wirkung können wir nicht feststellen.”

In Aachen hat man da bessere Erfahrungen gemacht: Von September 2008 bis zum Herbst 2010 wurde der Friedrich-Wilhelm-Platz, auch als Elisenbrunnen bekannt, per Video überwacht. Dann musste die Polizei die Kameras abschalten. Nachdem im ersten Jahr des Kameraeinsatzes vor allem die Zahl der Taschendiebstähle um 14,4 Prozent zurückgegangen war und im Jahr darauf um weitere 17 Prozent, erfüllte der Elisenbrunnen das Merkmal „Kriminalitätsschwerpunkt” nicht mehr. Damit waren nach dem nordrhein-westfälischen Polizeigesetz die Voraussetzungen für eine Videoüberwachung weggefallen.

Polizeisprecher Paul Kemen: „Eine präventive Wirkung der Kameras ist - zumindest teilweise - nicht bestreitbar. Wir haben festgestellt, dass polizeibekannte, überörtlich agie­rende Tätergruppen die überwachten Orte plötzlich mieden.”

Und nicht nur diese Flecken, sondern offenbar gleich die ganze Stadt. „Eine Verlagerung des Geschehens konnten wir auch nicht beobachten.” Die Anzahl der Straftaten habe zwar nach Abschalten der Kameras wieder ein wenig angezogen, ein „Kriminalitätsschwerpunkt” sei der Elisenbrunnen aber heute nicht mehr.

„Videokameras zeichnen Straftaten auf, aber definitiv verhindern sie keine”, hält Manfred Neuenhaus dagegen, der für die FDP im Düsseldorfer Stadtrat sitzt. Wenn die Düsseldorfer Anfang nächsten Jahres dennoch eine fünfte Kamera installieren, hat das auch weniger mit Abschreckung zu tun als mit der Tatsache, dass die zuständige Polizeiwache nur wenige Schritte entfernt ist. In 40 Sekunden sind die Beamten bei Bedarf am Ort des Geschehens.

Dass viele Krawallmacher das nicht in ihre Überlegungen einbeziehen, liegt nach Ansicht von Experten daran, dass sowohl Täter als auch Opfer nicht selten alkoholisiert sind. So wird zwar die Tat selber nicht verhindert, die Polizei hat aber anschließend ein brauchbares Beweismittel für die Verfolgung der Täter in Händen.

Für die steigende Zahl der Straftaten trotz Kameraüberwachung hat der Mönchengladbacher Polizeisprecher Willy Theveßen eine Erklärung: „Viele Straftaten, die später in der Statistik auftauchen, werden durch die Videoüberwachung erst erkannt.” Weil die Polizei aber direkt am Ort des Geschehens eine Wache habe, lasse sich manches Scharmützel bereits im Keim ersticken.

Vorreiter Mönchengladbach

Mönchengladbach war im September 2004 die erste Stadt in NRW, die an ihrer Partymeile am Alter Markt und am Kapuzinerplatz die Kameras montierte. Neben Düsseldorf ist sie heute die einzige Stadt im Lande, wo die Polizei die Innenstadt vom Schreibtisch aus im Auge behält. Acht Kameras sind täglich von 18 Uhr abends bis 6 Uhr morgens im Einsatz.

Ebenso wie in Aachen ist auch in Köln das Thema Videoüberwachung derzeit nicht aktuell, sagt Polizeisprecher Karlo Kreitz. Derzeit gebe es keine Kriminalitätsbrennpunkte, an denen der Einsatz von Kameras durch das Polizeigesetz NRW abgedeckt wäre. Und ihren Hautpbahnhof überwacht die Deutsche Bahn selber.

Doch auch hier gilt das Gleiche wie in den Innenstädten: Zur Verbesserung des subjektiven Sicherheitsempfindens der Fahrgäste und zur Strafverfolgung ist das System brauchbar, zur Verhinderung von Straftaten nur bedingt. Daher zeichnen die Kameras an kleineren Bahnhöfen das Geschehen am Bahnsteig nur als Beweismittel auf. Lediglich in den großen Bahnhöfen des Landes werden die Monitore durchgehend beobachtet.

Die Kofferbomber der Sauerlandgruppe hat auch das nicht beeindruckt. Am 31. Juli 2006 trugen sie auf dem Kölner Hauptbahnhof ihre Sprengsätze unter den Augen der Überwachungskameras in zwei Nahverkehrszüge.
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