Mehr als nur einkaufen: Hofläden boomen in der Region

Von: Bernd Müllender
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Es ist einfach direkter: Hofläden sind zunehmend gefragt – hier zeigt Monika Schüler vom Gut Paulinenwäldchen einen kleinen Teil des Angebots. Foto: Ralf Roeger
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„Einkaufen soll Spaß machen. Hier haben wir Zeit. Und die Leute wissen, dass man auch mal einen Moment warten muss, wenn es voll ist“: Marion Haarseim in Bonnies Hofladen. Foto: Ralf Roeger
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Erdbeeren oder etwa auch Blumenkohl kann man natürlich vielerorts bekommen: Aber viele Kunden möchten mittlerweile mehr als einfach nur das schnelle Einkaufen. Sie suchen Kontakt, ... Foto: Ralf Roeger
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... vielleicht ein Gespräch, etwas familiäre Atmosphäre anstelle von anonymer Abfertigung. Auch das ist sicherlich ein Grund für die Beliebtheit von Hofläden. Foto: Ralf Roeger

Region. Es ist lichthell, es ist angenehm kühl, es duftet erdig. Holz dominiert die Auslagen. Hier ist man augenblicklich gern. Mitten in der Aachener Soers liegt Bonnies Hofladen und lockt seit 1995 mit zahllosen Gemüsen, Salaten, Obst, einer vollen Käse- und Fleischtheke und Regalen mit Marmeladen, Wein, fertigen Sülzen, Erdbeersecco, Setzlingen, Blumen.

Es gibt „faire Weidemilch“ und eine Tiefkühltruhe mit nostalgisch verpacktem „Bauerneis aus den Niederlanden“. Blickfang sind die dicken weißen Gänseeier.

„Noch ein Papier drum?“, fragt Marion Haarseim an der Kasse, „Erdbeeren leider erst morgen früh wieder, sagen Sie halt Bescheid“. Unaufdringlich freundlich ist die 61-Jährige, immer zugewandt und für ein kurzes Schwätzchen zu haben. Ihr halbes Leben habe sie selbst hier eingekauft, erzählt sie, jetzt hat sie an zwei Nachmittagen die Seiten gewechselt, mit Leidenschaft. „Einkaufen soll Spaß machen. Hier haben wir Zeit. Und die Leute wissen, dass man auch mal einen Moment warten muss, wenn es voll ist.“

Auch die Kunden suchen das Gespräch, manchmal mit Rezepten und Verzehrtipps: „Ich würde die Rübchen in Butter kurz andünsten.“ „Ich mag sie lieber knackig roh.“ Eine Kundin meint: „Es ist ein bisschen heile Welt hier. Mehr mit Muße.“ Keine Massenware, keine Plastikverpackungen, keine Cent-Preise mit der albernen 9 hinten. Stattdessen kann man sich mit der Region verbunden fühlen.

Marion Haarseim erzählt von alten Leuten, die nur wegen des Hühnereintopfs mit Eierstich im Einmachglas kommen. Eine andere Kundin sagt: „Ich mag die ruhige Art hier im Hofladen. Die Auswahl ist viel größer als auf dem Wochenmarkt. Und frischer geht ja nicht.“ Das stimmt – für die Ware, die tatsächlich vom Hof kommt. Im Frühjahr ist es nur ein Bruchteil, jetzt im Sommer wird es etwas mehr. Immerhin ist das genau an- gegeben, anders als auf Wochenmärkten.

Hof klingt so authentisch, so ursprünglich und gesund, Hof als Gegenteil von Fabrik. In Hofläden gibt es, ob bio oder konventionell: Hofeier, Hofbutter, Hof-sahne, Hofmilch. Hofkäse hat sogar eine eigene Website: www.hofkaese.de. Dabei bedeutet das Präfix Hof so viel wie Bäcker in Bäckerbrötchen oder Metzger in Metzgerwurst, also nichts.

Nichts über Qualität, Geschmack, Chemie-Einsatz, synthetische Dünger, Tierhaltung. Die Hof-Zuschreibungen wollen demonstrieren: Dieses Produkt ist von hier, Hausmacher-Feinkost statt Lebensmittelindustrie. Zuletzt gab es in der Werbung das Eifelschwein, Waldhonig, Land-Kohlrabi und sogar „Tomaten, die Öcher Platt sprechen“. Im Selfkant, dem westlichsten Zipfel des Landes, heißt die regionale Milch konsequenterweise Zipfelmilch.

Hofläden boomen. Etwa 40.000 Bauernhöfe setzen ihre Produkte ohne Zwischenhändler bei Hofe ab oder auf dem Wochenmarkt, zumindest zum Teil. Einige tausend dieser Direktvermarkter (NRW: 1396 laut Landwirtschaftsministerium) haben einen eigenen Laden. 2016 wurden für rund 14,6 Millionen Haushalte in Deutschland Lebensmittel direkt beim Erzeuger gekauft. Längst darf man von einer Hofladenkultur sprechen.

Dabei ist das Image landwirtschaftlicher Betriebe an sich mies (Stichworte: Agrarfabriken, Lebensmittelskandale). Aber es gibt ein „Bedürfnis nach mehr Nähe zum Ursprung der Lebensmittelerzeugung“. So stand es schon 2006 in einer empirischen Analyse des Departments für Agrarökonomie an der Uni Göttingen. Landwirte als Person würden gern „als sympathisch, vertrauenswürdig, aber auch etwas altmodisch aufgefasst“. Schon „die physische Präsenz des Landwirts“ wirke „als Qualitätsversprechen.“

Noch fabrikferner sind Biohöfe. Da gibt es im besten Fall weite offene Ställe der Rinder, die für Backgroundsound sorgen, und höfischen Duft. Mal läuft ein aufgeregtes Huhn diagonal, dann biodieselt ein Trecker um die Ecke.

Aachen größter Bio-Hofladen ist Gut Paulinenwäldchen: 100 Quadratmeter Fläche, auch hier viel Holz, draußen ein heimeliges weiß getünchtes Hofgeviert, dahinter Wald und die Lebensräume für Schweine, Hühner, Rinder, Schafe. Christina Noël und Gabi Hasert, die engagierten Mitarbeiterinnen im Laden, sprudeln über vor Zuschreibungen: „Warum die Leute hierher kommen? Das hat was Uriges, es ist greifbar. Die familiäre Atmosphäre, sich etwas verbunden fühlen. Man hat viel Kontakt, man tauscht sich aus.“

Ein paar Stubenfliegen surren umher. Auch das authentisch. „Na ja, das sähe das Gesundheitsamt aber vielleicht anders“, sagt Noël. Ein Teil des Gemüses ist vom Hof, das Fleisch, die Würste; alles Bioland-zertifiziert. Eine Prise Politik ist auch dabei: Der Strom, teilt ein Aufkleber mit, ist vom Ökolabel Lichtblick; auf einem Monitor laufen Bilder von der Tihange-Demo mit Hof-Treckern am 25. Juni in Gulpen.

Ein Sehnsuchtsort? Christina Noël überlegt kurz: „Doch, das trifft es. Zurück zu den Wurzeln. Hier will man die Natur wieder mehr wahrnehmen. Ein bisschen Oase. Und sich Zeit lassen beim Einkauf, genauer gucken, nicht den Wagen vollschaufeln wie beim Discounter.“

Gerade will eine Kundin wissen, ob man Mangold auch als Salat essen kann. Schon Dünsten geht ja auf Kosten der Vitamine. Am wichtigsten sei den Kunden: Wo kommt das her, welche Tiere, wie sind die untergebracht? „Regional ist den Leuten besonders wichtig. Und manche würden am liebsten die Namen der Hühner wissen, von denen die Eier sind.“

Dr. med. Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie an der Uni Göttingen, sagt, Ernährung sei längst auch Distinktionsmerkmal. „Immer häufiger geht es um Selbstinszenierung und Zugehörigkeit. So kann ich mich selbst definieren, mich in einer bestimmten Haltung sehen und zeigen. Ich kann mich zugehörig fühlen, zugleich von anderen absetzen und damit Individualität generieren.“

Die richtige Nahrung stelle „sozialen Kitt da“. Es gibt auch Hofläden, die sich selbst als „Sehnsuchtsort“ beschreiben – und dann kann man dort nur online bestellen. Hauptsache: Hofladen. Ein Sehnsuchtsbegriff. Landlust für den Magen.

Verbände befeuern die segensreiche PR-Wirkung von Hofläden. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen schreibt: „Die Gemeinschaftswerbung Einkaufen auf dem Bauernhof ist darauf angelegt, ein markantes Profil zu vermitteln, mit dem sich Direktvermarkter von allen übrigen Einkaufsstätten eindeutig unterscheiden.“

Empfehlung für Kunden: „Entfliehen Sie damit der Globalisierung.“ Beim Lieferservice, sagt ein Berater des größten deutschen Ökolabels Bioland, solle man besser keine Dritten beauftragen. „Vielen ist wichtig, dass der Lieferant selbst Landwirt oder Gärtner ist. Das schätzen die Abonnenten und bringen dem Vertrauen entgegen.“

Eine eigene Erlebniswelt

Im Netz buhlen Plattformen wie landservice.de, mein-bauernhof.de und dein-bauernladen.de um Kundschaft. Sie preisen erntefrische regionale Produkte, dazu kurze Lieferwege. Und diese Worthülsenfrüchte: „Hofläden bieten eine ganz andere Qualität an Fleisch- und Wursterzeugnissen. Gönne Dir den Luxus! Kaufe frisches Obst und Gemüse beim Erzeuger Deiner Wahl.“ In gleich zwei wissenschaftlichen Arbeiten findet sich wortgleich der Satz: „Bauernhofimage kann zu Preiserhöhungen genutzt werden.“

Neben der Direktvermarktung bieten Hofläden manchmal eine eigene Erlebniswelt: Eis- oder Hofcafé, Feldtage, Kräuterwanderungen und Strohballenkino, Schnittblumenfelder, Vinothek, Infonachmittage über Öko-Landbau, einmal sogar eine „Bio-Schweinothek“. Paulinenwäldchen ist auch Bildungs- und Erlebnisbauernhof: Ferienfreizeiten, Zelten, Mitmachangebote für Kinder, Geburtstagsfeiern, Hühnerpatenschaften.

Beliebt sind auch Selbsterntegärten, wie bei Bonnies in Aachen mit ein paar tausend Quadratmetern gegenüber dem Hofladen, zugeschnitten auf Stadtmenschen ohne eigenen Garten; Projektname „meine Ernte“. Sportlehrerin Isabelle (28) ist mit ihrem Sohn Theo (1,5) gerade hier. Im Hofladen („Sieht alles so schön aus“) kauft sie noch etwas Gemüse und Erdbeeren. „Die essen wir jetzt beim Unkraut-Jäten.“ 45 Quadratmeter hat sie saisongepachtet, Kosten 190 Euro, vorgesäht mit Erbsen, Hokkaido, Feldsalat, Kartoffeln und vieles anderem.

Im Winterhalbjahr, sagt Isabelle, bekomme sie wöchentlich die Biokiste vom Paulinenwäldchen. Jetzt im Sommer zählt Selbstversorgung: „Das ist toll mit Kind, so sieht es, wo alles herkommt.“ Sie wohnt gartenlos mitten in Aachen, stamme aber vom Dorf. „Das passt. Hier ist es ein bisschen wie früher.“ Dann jätet sie und harkt. Theo nässt die Beete mit seiner Minigießkanne tropfenweise.

Im Hofladen erklärt derweil eine gut gelaunte Mittsechzigerin: Nein, mit Sehnsucht nach der Scholle oder Tante-Emma-Romantik habe ihr Einkauf wenig zu tun. In ihrer Straße, sagt sie, sei ein Stück weiter nur ein Supermarkt: „Und da müsste ich zu Fuß hingehen. Hier kriege ich immer frisches Obst und einen Parkplatz.“ Sie kauft drei Äpfel und zwei kleine Bananen; 1 Euro 22. Und tuckert mit ihrem Diesel die drei Kilometer zurück.

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