Mechatronikzentrum: Wenn ein Dingo nach Jülich kommt

Von: Daniel Gerhards und Guido Jansen
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Jede Menge Raum für Technik: Das Werk des Mechatronikzentrums ist in ehemaligen Eisenbahnhallen untergebracht. Foto: Gerhards
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Jedes Fahrzeug, das in Jülich ankommt, ist ein Großbaustelle: Oberstleutnant Ralf Weisen veranschlagt 500 Arbeitsstunden für ein Große UInspektion Marke Bundeswehr. Foto: Gerhards

Jülich. Wenn ein Dingo nach Jülich kommt, dann ist seine Farbe olivgrün, mit einer Zusatzschicht Wüstensand und Dreck. Wenn der Dingo Jülich wieder verlässt, dann ist er olivgrün mit einer frisch lackierten Schicht Tarnmuster.

Das Lackieren ist nur der oberflächlichste und einfachste Arbeitsschritt an den Bundeswehrfahrzeugen, die beschädigt aus dem Einsatz in Afghanistan kommen, um in Jülich instand gesetzt zu werden.

Zwischen altem Lack und neuem Lack liegen mehrere Monate Arbeit. „Das ist wie eine große Inspektion beim Auto“, sagt Sven Dischereit. „Nur ein bisschen aufwendiger.“ Als er den zweiten Satz sagt, muss der Mann lächeln, der als Oberstabsfeldwebel im Jülicher Mechatronikzentrum der Bundeswehr arbeitet. Die große Inspektion dauert in Jülich nämlich schnell mehr als 500 Arbeitsstunden. In dieser Zeit werden die Fahrzeuge in all ihre Einzelteile zerlegt, bis die Schrauben und die Gummidichtungen als kleinste mögliche Einheiten übrig bleiben.

Der Dingo ist nicht von den aktuellen Rüstungsproblemen der Bundeswehr betroffen. Um dieses Fahrzeug werde die Armee gar von Bündnispartnern beneidet.

Das lässt schon erahnen, dass eine Dingo-Sanierung enorm aufwendig und teuer ist. Trotzdem sei sie wirtschaftlich sinnvoll, sagt Oberstleutnant Ralf Weisen, der Kommandant im Mechatronikzentrum. Denn die Fahrzeuge sind in der Anschaffung teuer. Der Preis liegt, laut Weisen, bei Eagle, Yak und Dingo – das sind sogenannte geschützte Radfahrzeuge – im siebenstelligen Bereich.

Deshalb sei die Instandsetzung weit günstiger als der Neukauf. „Wir investieren richtig Geld für die Instandsetzung, aber es lohnt sich“, sagt Weisen. Aufträge gibt es genug: Der Parkplatz in Jülich ist voll, die zwei großen langen Hallen auch, die von der Bundesstraße 56 bei Jülich aus zu sehen sind. Es ist geplant, dass in Jülich in diesem und im nächsten Jahr 100 Fahrzeuge instand gesetzt werden. Genauer möchte Weisen nicht werden. Einige Fahrzeuge haben das Werk auch schon wieder verlassen. Mehr als ein Dutzend Fahrzeuge seien fertig, sagt Weisen. Auch dazu nennt er keine genauere Zahl.

Die lange Reise des Dingos

Der Dingo macht nach seinem Einsatz in Afghanistan eine lange Reise, um zur Sanierung nach Jülich zu kommen. Die Fahrzeuge werden aus Afghanistan mit dem Flugzeug nach Trabzon in der Türkei gebracht, dort aufs Schiff verladen und auf dem Seeweg nach Emden gebracht. Die nächste Station ist das Materialdepot Darmstadt oder das Materialwirtschaftszentrum für Einsätze der Bundeswehr in Hesedorf.

Dort werden die Fahrzeuge gereinigt und die Waffensystemträger, Navigations- und Kommunikationsgeräte abgebaut. Das nackte Fahrzeug kommt dann auf zivilen Lkw nach Jülich. Fahrzeuge, die im Kampfeinsatz zum Beispiel durch Sprengstoffanschläge beschädigt worden sind, gehen zum Hersteller Krauss-Maffei Wegmann und werden dort überholt. Die Dingos, die nach Jülich kommen, sind verschlissen und abgenutzt, starke Kampfspuren haben sie nicht. Trotzdem ist jedes Fahrzeug eine Großbaustelle auf Rädern.

Obwohl der Dingo ein robustes Unimog-Fahrgestell hat, ist das Fahrwerk nach dem Afghanistan-Einsatz oft beschädigt. Denn dort gibt es wenige asphaltierte Straßen. Die Soldaten sind also fast immer im Gelände unterwegs. Das Gesamtgewicht von 12,5 Tonnen trägt dazu bei, dass das Fahrwerk arg beansprucht wird.

Das monatelange Prozedere in Jülich ist immer gleich. Die geschützten Radfahrzeuge kommen an, nach einer Wäsche folgt eine Eingangsprüfung, eine Art gründliche Sichtkontrolle, bei der grob festgelegt wird, welche Reparaturen gemacht werden müssen und welche Ersatzteile benötigt werden. Es folgt der lange Prozess der Zerlegung in einer der beiden großen Hallen. Zunächst in die einzelnen Baugruppen: Motor, Fahrgestell, Kabine, Panzerung. Alles passiert in anderen zeitlichen Dimensionen als bei einem Auto.

„Es dauert alleine vier Stunden, um so eine gepanzerte Türe zu zerlegen“, sagt Dischereit. Nächster Arbeitsschritt: Instandsetzen der Baugruppen, die dafür natürlich weiter zerlegt werden. Jedes einzelne Teil, jede Schraube, wird überprüft und gewaschen. Dischereit nennt das dann den „Zustand der totalen Zerlegung“, wenn der Dingo in Tausenden Einzelteilen vor ihm liegt. Das größte Teil am Stück ist das Fahrgestell, das nackt so aussieht, als könne es für alles herhalten: Lkw, Bagger, Anhänger.

Daneben liegt eine keilförmige Panzerung, die das Fahrgestell normalerweise umgibt. Sie schützt den Dingo und seine bis zu acht Insassen vor den schweren Schäden einer Explosion, falls das Fahrzeug über eine Mine rollt. „Der Sinn ist, dass das Fahrzeug fahrtüchtig bleibt“, sagt Dischereit. Auch für den Fall, dass der Dingo von der Seite mit Gewehren beschossen wird, biete sie Schutz.

Zeit für die nächste Prüfung, die sogenannte zerlegte Eingangsprüfung, nach der wieder Ersatzteile geordert werden. Der nächste Arbeitsschritt hat einen kurzen Namen, dauert dafür um so länger: Zusammenbau. Dann prüft der Werkstattmeister. Es folgt die technische Materialprüfung mit Probefahrt. Der Dingo wird in einer nahe gelegenen schroffen Gebirgslandschaft getestet. In welcher? Dischereit lächelt wieder und schweigt. Die Materialprüfung vergleicht er mit einer TÜV-Abnahme, die nur eben länger dauert.

Dann wird lackiert und konserviert. Erst mit der Grundfarbe olivgrün, dann in einem zweiten Durchgang mit dem Tarnmuster. Es folgt der letzte Akt: Eine Abschlussprüfung, bei der auch noch mal die Bremsen überprüft werden. Erst danach rollt der Dingo auf den Parkplatz für die fertigen Fahrzeuge. Wohin es für das bis ins kleinste Bauteil sanierte Fahrzeug geht? Diesmal schweigt und lächelt Kommandant Weisen.

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