Aachen - Master Europastudien: Jenseits der verschwundenen Klausuren

Master Europastudien: Jenseits der verschwundenen Klausuren

Von: Angela Delonge und Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Theaterplatz 14, Gebäudenummer 6070: Das ist der Sitz des Historischen Instituts der RWTH, in dem auch der Masterstudiengang Europastudien untergebracht ist. Foto: Harald Krömer

Aachen. lm Masterstudiengang Europastudien (MES) an der RWTH Aachen gibt es derzeit mehr als ein Problem und viele offene Fragen. Dass Klausuren von Studenten des früheren Lehrbeauftragten und CDU-Spitzenpolitikers Armin Laschet einfach so in der Post und die dazugehörenden Notizen, anhand derer Laschet die Noten rekonstruiert haben will, im Müll verschwinden konnten und es zunächst niemandem auffiel, wird von manchen im RWTH-Umfeld durchaus als Skandal bewertet.

Doch schon vor Laschets Klausuren-Affäre herrschte im Historischen Institut, in dessen Gebäude am Theaterplatz 14 in Aachen der Studiengang untergebracht ist, schlechte Stimmung.

In der Organisation des renommierten Europastudiengangs hapert es offenbar an vielem. Nach Informationen unserer Zeitung soll es bereits im vergangenen Jahr zu einem offenen Streit zwischen Studenten und Studiengangsleitung gekommen sein, der in einer Art Schlichtungsgespräch mündete. Als nächstes soll es eine Auseinandersetzung zwischen der Studiengangsleitung einerseits und einem hohen EU-Beamten und einem Richter des Europäischen Gerichtshofes andererseits gegeben haben.

Beide sind wie früher Laschet Lehrbeauftragte im Masterstudiengang Europastudien. Und schließlich soll es zu einem Streit zwischen Studiengangsleitung und Studiengangskoordinator gekommen sein, der im Herbst 2014 zur Versetzung des Studiengangskoordinators geführt haben soll.

Die alte Blockstruktur

Bei all den Streitereien soll es um Organisation des Studiengangs, um Inhalte, um Niveau und Qualität gegangen sein, die selbst einigen Studenten in Teilen dürftig erschienen. So berichten es verschiedene direkt oder indirekt an den Auseinandersetzungen Beteiligte. Eine Studentin bezeichnet die Organisation des Studiengangs als „chaotisch“.

Der Studiengang, der 1989 auf Initiative des ehemaligen Aachener Politologen Winfried Böttcher als Zusatzstudium für Hochschulabsolventen und Berufstätige eingerichtet wurde, findet überwiegend noch in der veralteten Form von Blockseminaren statt. Das ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass kein einziger Lehrbeauftragter oder Professor in diesem Studiengang hauptamtlich unterrichtet. Das gesamte Lehrangebot muss intern vom Personal der Institute der Philosophischen Fakultät und von externen ehrenamtlichen Lehrkräften geschultert werden.

Die für den Studiengang zuständige Dekanin der Philosophischen Fakultät der RWTH, Christine Roll, sagte auf Anfrage unserer Zeitung, dass die Philosophische Fakultät seit geraumer Zeit versuche, diese Blockstruktur abzuschaffen, den Studiengang zu reformieren und an die Studienbedingungen des mit der sogenannten Bologna-Reform 2005 eingeführten Bachelor- und Mastersystems anzupassen. Gedanklich arbeite man schon länger an einer Neukonzeption des Studiengangs, sagte die Dekanin. Doch die Umsetzung ist auch zehn Jahre nach der Bologna-Reform noch nicht erfolgt.

lm November 2014 sei für den Studiengang, an dem zurzeit 119 Studenten eingeschrieben sind, eigens eine Geschäftsführerin etabliert worden. Johanna Holst hat diesen wichtigen Posten aber schon wieder verlassen. Zum 1. April, drei Tage, nachdem Armin Laschet seine Studenten über die verlorenen Klausuren informierte, wechselte sie die Stelle. Einen Zusammenhang der Vorfälle weist die RWTH jedoch zurück. Die Stelle von Johanna Holst sei von vorneherein befristet gewesen.

Nachfolgerin von Holst ist Kristin Mehnert, ihre Stelle ist auf zwei Jahre befristet. Woher „angesichts knappster Haushaltsmittel und rigider Sparmaßnahmen das Geld für die MES-Geschäftsführerstelle kommt“, wisse er nicht, sagte ein RWTH-Angestellter, der seinen Namen in diesem Zusammenhang nicht in der Zeitung lesen möchte. Die RWTH erklärte am Mittwoch auf Anfrage unserer Zeitung, das Geld stamme aus Mitteln der Philosophischen Fakultät.

Große Probleme bei der Neukonzeption des Studiengangs ergaben und ergeben sich laut Dekanin Roll wegen des großen Mangels an Lehrpersonal. Es seien schon verschiedene Überlegungen angestellt worden, wie die knappe Lehrkapazität der Fakultät in diesen Studiengang integriert werden könne.

Das Zurückgreifen auf ehrenamtliche Lehrpersonen sei aber nicht aus der Not geboren, sondern entspringe dem Wunsch, einen Praxisbezug in die Hochschule zu tragen. Neben dem früheren Lehrbeauftragten Laschet ist zum Beispiel auch die Aachener Europaabgeordnete Sabine Verheyen (CDU) als Dozentin im Europastudiengang tätig.

Was konkret passieren soll

Nach Informationen unserer Zeitung will die Studiengangsleitung den Lehrbeauftragten Anfang Juli ein noch mit Hilfe der früheren Geschäftsführerin Johanna Holst entwickeltes neues Konzept für den Studiengang vorstellen. Im Herbst soll es dem Fakultätsrat vorgelegt werden.

Dabei könnte die grundsätzliche Frage aufgeworfen werden, ob der Studiengang eigenständig weitergeführt, oder mit anderen Studiengängen insbesondere am Politikwissenschaftlichen und Historischen Institut der RWTH weitgehend verschmolzen werden soll. Das würde allerdings bedeuten, dass die MES-Masterstudenten mit den Instituts-Bachelor- beziehungsweise Lehramtsstudenten in Seminaren zusammengeführt werden sollen.

Dekanin Roll, die zugesagt hatte, unserer Zeitung für ein Gespräch über die Neuausrichtung des Studiengangs zur Verfügung zu stehen, ließ eine Terminanfrage wenig später von der Pressestelle der RWTH beantworten. Frau Roll könne sich auf unabsehbare Zeit nun doch nicht zu den Umstrukturierungen des Studiengangs äußern. Dies sei schließlich „eine komplexe Angelegenheit“, erklärte die Pressestelle.

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