Stade/Aachen - Massenrausch: Zwei Therapeuten aus Aachen angeklagt

Massenrausch: Zwei Therapeuten aus Aachen angeklagt

Von: Angela Delonge
Letzte Aktualisierung:
Notfalleinsatz in Handeloh
Die 27 Seminarteilnehmer mussten in umliegende Krankenhäuser eingeliefert werden. Foto: dpa

Stade/Aachen. Es war ein nie gekannter Drogenexzess, der sich Anfang September 2015 im niedersächsischen Örtchen Handeloh bei Hamburg ereignet hatte. Die 27 Teilnehmer eines Heilpraktiker-Seminars hatten während der Tagung unter anderem die verbotene, bewusstseinserweiternde Psychodroge 2C-E eingenommen. Nun wurde Anklage gegen die Veranstalter erhoben.

Wenig später litten die Therapeuten unter schwersten Krampfanfällen, Atemnot, Bewusstlosigkeit und Halluzinationen. 160 Rettungsleute waren schnell zur Stelle und hatten die Frauen und Männer in Krankenhäuser gefahren, wo sie behandelt worden waren.

Verantwortlich für diesen lebensbedrohlichen Massenrausch sind nach Auffassung der zuständigen Staatsanwaltschaft Stade die Organisatoren des Seminars – Anja W., eine 49-jährige Heilpraktikerin aus Roetgen und Stefan S., ihr 51-jähriger Ehemann, ein Diplom-Psychologe und Psychotherapeut mit Praxis in Aachen.

Gegen die beiden Therapeuten wurde nun Anklage erhoben. Das teilte Oberstaatsanwalt Kai-Thomas Breas Dienstag mit. Ihnen wird unter anderem Besitz von Drogen und damit Verstoß gegen das Betäubungsmittelgesetz vorgeworfen. Vor diesem Hintergrund fordert die Staatsanwaltschaft auch die von den Angeklagten zu Unrecht eingenommenen Seminargebühren in Höhe von 7000 Euro zurück. Die Hälfte der Summe war bereits in bar während der Ermittlungen gesichert worden.

Der zunächst ebenfalls in Rede stehende Vorwurf der gefährlichen Körperverletzung wurde inzwischen fallengelassen, da die Staatsanwaltschaft in diesem Fall von einer „eigenverantwortlichen Selbstgefährdung“ der Seminarteilnehmer ausgeht.

Laut Anklageschrift hätten Anja W. und Stefan S. damals ein Seminar abgehalten, bei dem es um „persönliche Selbsterfahrung“ und die „Förderung der Bewusstseinsentwicklung“ ging. In diesem Zusammenhang sollen die Beschuldigten den Seminarteilnehmern im Rahmen einer als „Psycholyse“ bezeichneten Therapieform verschiedene Betäubungsmittel verabreicht haben – darunter die bewusstseinserweiternde Psychodroge 2C-E, die in Szenekreisen „Aquarust“ heißt.

Den Angeklagten drohen im Falle einer Verurteilung Haftstrafen nicht unter einem Jahr und möglicherweise ein Berufsverbot. Stefan S. war viele Jahre in Aachen als Psychologe tätig und betrieb seine Praxis in einem Gutshaus, in dem verschiedene therapeutische und medizinische Angebote zu finden sind. Anja W. betrieb ihre Heilpraktiker-Praxis ebenfalls dort.

Wegen der besonderen Bedeutung des Falls auch für die Öffentlichkeit wird der Prozess vor der Großen Strafkammer des Landgerichts Stade verhandelt werden. Ein Zeitpunkt für den Prozessauftakt steht noch nicht fest.

Fragwürdige „Psycholyse“

Stefan S. und Anja W. waren wohl keine unbeschriebenen Blätter, wenn es um bewusstseinserweiternde Drogen im Therapieeinsatz ging. „Nach den Ermittlungsergebnissen sind die Angeschuldigten Sympathisanten der sogenannten Kirschblütengemeinschaft“, sagte Breas. Die dem Schamanismus nahestehende Gemeinschaft des Schweizer Therapeuten Samuel Widmer wird von der Zentralstelle für Weltanschauungsfragen der Evangelischen Kirche als „problematisch“ eingestuft, Kritiker sprechen von einer Sekte.

Widmer gilt als Verfechter der fragwürdigen „Psycholyse“, bei der bewusstseinsverändernde Substanzen zu Therapiezwecken eingesetzt werden. Die habe mit Psychotherapie und Medizin nichts zu tun, heißt es bei der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie und Psychotherapie, Psychosomatik und Nervenheilkunde (DGPPN). Der Einsatz illegaler Drogen sei strafbar, zudem drohe Machtmissbrauch durch den Therapeuten.

Samuel Widmer selbst hatte Stefan S. in seinem 2013 erschienenen autobiografischen Buch „Bis dass der Tod uns scheidet – Psycholyse“ als seinen „Nachfolger“ für die Ausbildung von psycholytischen Psychotherapeuten in Deutschland bezeichnet.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert