Martin Schulz: „Das ist die Geschichte meiner Eltern, nicht Ihre“

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Protest in Europa: Junge Europäer in Südeuropa nehmen die eklatant hohe Jugendarbeitslosigkeit nicht einfach hin und demonstrieren. Foto: Imago/stock
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Der Präsident und die FH-Studierenden: Martin Schulz mit (von links) Isabel Denz, Pascal Faßbender, Hannah Küppers, Max Großeschallau, Lena Fellner, Lennart Rehren und Sofie Eißner. Foto: CMD

Aachen. Das Fenster im vierten Stock des Aachener Zeitungsgebäudes steht offen. Der Wind weht ihnen ins Gesicht. Mit der untergehenden Sonne steigt der Puls. Keiner kann sich ausmalen, was als Nächstes passiert. Ihre Augen sind schon seit Minuten auf die Straße gerichtet. Sie warten auf ein ganz bestimmtes Auto. Es hat ein belgisches Kennzeichnen.

Studenten der Fachhochschule Aachen warten auf den EU-Parlamentspräsidenten Martin Schulz. Er sitzt gerade auf der Rückbank jenes Autos. Schon im nächsten Moment steigt er aus dem schwarzen Audi A8 und betritt das Gebäude. Der Spitzenpolitiker kommt für das Interview zurück in seine Heimatregion. Als ehemaliger Bürgermeister von Würselen sitzt er seit 1994 für die SPD im Europaparlament.

„Herr Schulz, wie geht es Ihnen am heutigen Tag in der EU?“ So startet das Interview. Schnaufend gibt er zu, dass es ihm schon einmal besser ging. Die zwei vorangegangen Telefonate mit Angela Merkel und François Hollande haben nicht gerade zu seiner Laune beigetragen.

Aber Martin Schulz ist nicht der Einzige, der mit der Situation in der EU heute nicht zufrieden ist. Der Großteil der jungen Menschen in Südeuropa findet trotz akademischen Grades keine Arbeit. Er bekommt den Frust nicht nur mit, sondern auch ab. Trotz seiner vielen Aufgaben als Parlamentspräsident versucht er vor Ort zu sein. Die Geschichte einer jungen Spanierin berührt nicht nur ihn, sondern auch die anwesenden Studenten.

Die 26-Jährige Frau hat bereits ein Studium in Architektur und Psychologie erfolgreich abgeschlossen. Für die Zukunft ihrer Tochter haben ihre Eltern alles investiert, doch in Spanien ist die Joblage aussichtslos. Auch auf dem europäischen Arbeitsmarkt sieht sie keine Chance. Für ein besseres Leben möchte sie nach Südamerika auswandern. Damit ist sie nicht alleine. Martin Schulz sagt, dass wir uns solche Schicksale nicht erlauben können, da Europa der reichste Kontinent der Welt sei.

 

Ein erster Schritt gegen die aussichtslose Situation scheint die Jugendgarantie. Diese sieht vor, allen unter 25-Jährigen binnen vier Monaten eine Beschäftigung zu bieten. Obwohl diese von der Kommission verabschiedet wurde, steht es den Ländern frei, ob und wie sie diese umsetzten. Ohne europäische Richtlinien bleiben die Versprechungen der Mitgliedstaaten bezüglich der Jugendgarantie unerfüllt. „So wird der Vertrauensverlust, den wir ja ohnehin erleiden, leider immer weiter gehen“, bemerkt Schulz. Hier fordert er vor allen die Regierungschefs zu Handlungen auf.

Dieses Argument unterstreicht er mit tatkräftigen Gesten. Den Studenten scheint es, als wolle der SPD-Politiker Verständnis für die schwierige Situation der EU-Institutionen wecken. Den Abgeordneten sind teilweise die Hände gebunden. Die Frage, ob es überhaupt eine europäische Lösung für die Arbeitslosigkeit gibt, steht im Raum. Eine pauschale Antwort ist hier schwierig, gibt Martin Schulz zu. Die Verantwortung liege grundsätzlich bei den einzelnen Staaten. Allerdings könne man generell keine Arbeitsplätze auf Staatsebene garantieren. Es müsse vielmehr die wirtschaftliche Lage optimiert werden. So würden indirekt Arbeitsplätze geschaffen.

Die EU bleibt dabei aber nicht außen vor. Sie müsse geeignete Rahmenbedingungen formen und beispielsweise kleinen und mittelständischen Unternehmen Kredite zu guten Bedingungen gewähren. So könnten innovative Ideen wachsen und junge Menschen eingestellt werden.

Eine Initiative von deutscher Seite war der Ausbildungspakt für 5000 junge Spanier. Sie sollen jährlich die Chance für eine Ausbildung oder Beschäftigung in Deutschland zugesichert bekommen. Angesichts der prekären Lage und der 57 Prozent arbeitslosen Spanier der unter 25-Jährigen wirkt diese Maßnahme wie ein Tropfen auf den heißen Stein. „ In Deutschland ist bald Wahl, da macht es sich natürlich gut, wenn man was tut“, sagt Schulz. Für die 995.000 anderen spanischen Arbeitssuchenden bringe dieses Wahlprogramm dennoch nichts.

Richtet man den Blick weg von einzelnen Ländern und Schicksalen, wird man automatisch mit folgender Frage konfrontiert: Ist die EU noch glaubwürdig und ihre Existenz berechtigt? Da viele Jugendliche ein Leben ohne die Europäische Union nicht kennen, nehmen sie die Vorzüge wie offene Grenzen und die Achtung der Menschenrechte als selbstverständlich hin. Sie bringen diese Vorzüge nicht mit der EU in Verbindung.

Nach dem Zweiten Weltkrieg war die Begründung für die europäische Gemeinschaft die Erhaltung des Friedens. „Aber das ist die Geschichte meiner Eltern und von mir, es ist nicht Ihre. Wir haben einen Staatenverbund, wir, meine Eltern und ich, haben das mit geerbt und ich gebe das auch an meine Kinder weiter“, betont Schulz. Aber auch im 21. Jahrhundert ist die EU noch begründet. Vertrauen, Respekt und Kontrolle sind bis heute ihre Grundsätze. Die werteorientierte Demokratiegemeinschaft sichert das Bestehen der einzelnen Mitgliedstaaten im globalen Weltmarkt. Es ist wichtig, dass die europäische Union sich auf diese Grundsätze besinnt. Nur dann kann sie etwas bewirken und das Vertrauen der jungen Bürger zurück gewinnen.

Bei den anwesenden Studenten hat er dieses bereits geweckt. Ob dieses Vertrauen berechtigt ist, wird sich in der Zukunft zeigen.

Martin Schulz stammt aus der Region Aachen. Er wurde am 20. Dezember 1955 in Hehlrath (Eschweiler) geboren. Beruflich war er nach seiner Ausbildung zunächst als selbstständiger Buchhändler in Würselen tätig. Dort war er von 1987 bis 1998 ehrenamtlicher Bürgermeister. 1994 wurde er ins Europäische Parlament gewählt. Seit 2012 ist er Präsident des Europäischen Parlaments. Der SPD gehört er seit 1974 an, seit 1994 ist er Mitglied des SPD-Parteivorstands und des Parteipräsidiums. Martin Schulz lebt in Würselen, ist verheiratet und hat zwei Kinder.

Diese journalistische Arbeit wurde verfasst von den FH-Studierenden Isabel Denz, Sofie Eißner, Pascal Faßbender, Lena Fellner, Max Grosseschallau, Hannah Küppers und Lennart Rehren.

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