Martin-Buber-Plakette für Garri Kasparow

Von: Udo Kals und Claudia Schweda
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Hinterlässt seine Spuren in der Euregio: Garri Kasparow wurde in Kerkrade mit der Martin-Buber-Plakette ausgezeichnet, seine Handabdrücke zieren den Herzogenrather „Walk of Fame”. Foto: Stefan Schaum

Kerkrade/Herzogenrath. Nein, so vermessen, sich mit Christoph Kolumbus, Marco Polo oder all den anderen großen Entdeckern zu vergleichen, die von den europäischen Häfen aus die Welt erkundeten und eroberten, ist Garri Kasparow nicht.

Aber der frühere Schachweltmeister, der am Freitagabend in Kerkrade für sein Engagement für Kinder in der von ihm gegründeten Schach-Stiftung mit der Martin-Buber-Plakette ausgezeichnet wurde, erinnert zur morgendlichen Stunde auf einer Pressekonferenz in der Abtei Rolduc aus einem besonderen Grund an diese mutigen Männer des 15. und 16. Jahrhunderts.

„Risiken auf sich zu nehmen, ist der einzige Weg vorwärts zu kommen”, formuliert der 49-Jährige seine Botschaft, die er auch später im Dialog mit 80 Jugendlichen aus aller Welt am Nachmittag vertieft. Und nicht nur mit Blick auf sein Heimatland befindet der in der russischen Opposition stark engagierte Kasparow: „Wir bewegen uns in die falsche Richtung. Das müssen die jungen Menschen sehen und begreifen.”

Die hängen ihm an den Lippen beim Dialog auf Burg Rode in Herzogenrath - nachdem Kasparow seinen Händeabdruck in Beton verewigt hat. Sie stellen einige Fragen zum Schach, viele zur Situation in Russland. Und Kasparow hat klare Antworten parat - wie schon wenige Stunden zuvor auf Rolduc. Da lässt er in der Rokokobibliothek recht übernächtigt das Blitzlichtgewitter über sich ergehen, nachdem er auf dem Weg zum Podium über ein paar Buchrücken geschaut hat und dann fast schon schüchtern auf Fragen hin das Wort ergreift, das ab und an vom knirschenden Parkett verschluckt wird.

Er zeigt sich sehr geehrt von der nicht dotierten Auszeichnung, die Menschen verliehen wird, die sich für Dialog und Mitverantwortlichkeit einsetzen. Und Kasparow ist froh, die Plakette persönlich entgegennehmen zu können. Am Abend war er aus den USA angereist, heute geht es nach Slowenien weiter.

So langsam redet sich das Schach-Genie in Fahrt, nimmt kein Blatt vor den Mund. Kasparow kritisiert vehement die Verhältnisse in seinem Heimatland, in das er nur „mit einem beklemmenden Gefühl” reise und in dem viele Menschen auf die Straße gingen, weil „sie keine Wahl haben, weil sie keine Hoffnung haben”, dass sich unter Präsident Wladimir Putin ihr Leben zum Besseren ändere. Proteste sind an der Tagesordnung wie auch Verhaftungen.

Zugleich hat die Staatsführung etwa die Demonstrationsgesetze verschärft. „Jeder, der nicht für Putin ist, ist ein Verräter”, sagt Kasparow, der den Präsidenten nicht nur einmal einen Diktator nennt. Ihm geht es nicht darum, „Wahlen zu gewinnen, sondern eine Wahl zu haben”. Doch er zeigt sich zuversichtlich: „In den nächsten 50 Wochen entscheidet sich die Zukunft Russlands. Je länger Putin an der Macht bleibt, desto geringer werden die Chancen auf eine prosperierende Zukunft. Die Zeit für den Diktator läuft ab. Es bleibt nur die Frage, welchen Preis wir zahlen werden, um ihn loszuwerden.”


Was er von Kanzlerin Angela Merkel erwartet, die sich just am Freitag mit Putin zeitgleich zu Kasparows Dialog mit der Jugend einige tausend Kilometer östlich zum Petersburger Dialog traf, macht er unumwunden klar. „Frau Merkel soll nicht in die Fußstapfen ihres Vorgängers Gerhard Schröder treten und sich nicht auf Putins Gehaltsliste stellen lassen”, sagt er grimmig und beklagt, dass der Westen Putin lange Zeit hoffähig gemacht habe.

Laudator Daniel Cohn-Bendit, grüner EU-Parlamentarier, hat Kasparow bei einem Besuch in Brüssel kennengelernt. Es sei faszinierend gewesen, wie Kasparow in seiner Erklärung zur Situation in Russland die Figuren der Politik zueinander bewegte wie ein Schachspieler seine Figuren, „um am Ende Putin Schachmatt zu setzen - zumindest in seiner politischen Erklärung.”

Cohn-Bendit erinnert sich, dass er selten eine politisch handelnde Persönlichkeit getroffen habe, die so logisch argumentiere wie Kasparow. Der habe „keine überbordende Ideologie”, sagt der EU-Parlamentarier, Kasparow habe einfach „ein klares Ziel, wie im Schach”. Und sein Ziel sei, „aus Russland eine politische Demokratie zu machen.”

Sein politisches Handeln sei durchtrieben von der Idee einer offenen demokratischen Gesellschaft. Beispielhaft sei ein Treffen in Russland, bei dem Kasparow die europäischen Grünen mit - demokratisch gesinnten - Nationalbolschewisten bekannt gemacht habe. Wenn es ein freies Parlament in Russland geben wird, habe Kasparow anschließend gesagt, dann würden die Nationalbolschewisten und er an unterschiedlichen Seiten des Parlaments sitzen.

Aber heute kämpften sie zusammen, damit es überhaupt ein freies Parlament gebe. In Anspielung auf Martin Luther Kings „I have a dream”-Rede schließt Cohn-Bendit mit „Ich habe einen Traum, dass eines Tages in diesem Russland der Präsident dieses Russlands Kasparow sein wird - und nicht mehr Putin.” Und Euriade-Vorstand Werner Janssen betont bei der Überreichung der Plakette, dass ein Mann ausgezeichnet werde, „der sich beständig dafür einsetzt, die Gesellschaft für humane Werte empfindlich und empfänglich zu machen”.

Schach und Politik, das macht Kasparow am Tag der Preisverleihung klar, seien bei ihm nicht zu trennen. Nichts verdeutlicht dies wohl besser als der Ratschlag, den er auf den Brettern, die ihm die Welt bedeuten, erlernt hat und der seiner Ansicht nicht nur für Jugendliche gilt: „Denke nach, bevor Du handelst.”


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