Mariele Millowitsch: Dem Karneval hat sie abgeschworen

Von: Madeleine Gullert
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Humor ja, Karneval nein: Schauspielerin Mariele Millowitsch lacht gern, auch über sich selbst. Karneval hat für die Kölnerin aber nicht unbedingt etwas mit Humor zu tun, und so flieht sie heute aufs Land. Foto: dpa

Köln. Von Kindesbeinen an stand sie auf der Bühne, neben ihrem Vater, dem großen Kölner Schauspieler Willy Millowitsch. Ein großer Name, der auch eine große Bürde sein kann. Deshalb ging Mariele Millowitsch (59) nach dem Abitur nach München, um Tiermedizin zu studieren. Aber sie kam zurück.

Zum Beruf und in ihre Heimat Köln. Nur dem Karneval hat sie abgeschworen, wie sie im Gespräch mit unserer Zeitung erzählt.

Frau Millowitsch, wo verbringen Sie denn den Rosenmontag?

Millowitsch: Ich bin mit meinem Hund Luigi draußen, in meinem kleinen Domizil im Bergischen. Für den Hund ist Karneval sowieso nichts. Es gibt natürlich einige arme Hunde, die am Zugrand sitzen und Hütchen aufhaben, aber ich bin mir nicht ganz sicher, ob die das schön finden (lacht). Ich haue lieber ab, gehe spazieren, koche ein bisschen, und ich spiele mit meiner Nachbarin Rummy cup. Solche Dinge einfach.

Also flüchten Sie vor Karneval?

Millowitsch: Früher war ich eine Karnevalsverrückte. Da bin ich dann auch mal aus der Schule abgehauen, um zu feiern. Ich habe mal ins Klassenbuch geschrieben: „Millowitsch wegen Blähungen entlassen.“ Das ist nicht mehr so mein Ding.

Wie kommt das?

Millowitsch: Wir haben uns auseinander gelebt – der Karneval und ich.

Dabei sind Sie doch ein humorvoller Mensch ...

Millowitsch: Für mich hat Karneval aber nicht unbedingt etwas mit Humor zu tun. Das ist ja alles knallhart durchstrukturiert.

Darf man denn als eine Millowitsch dem Karneval fernbleiben?

Millowitsch: Warum denn nicht?

Nun ja, Millowitsch gehört ja unweigerlich zu Köln und zu Karneval. Hat der Name Sie belastet?

Millowitsch: Tja (seufzt). Ich habe gelernt, dass es nicht einfacher wird, wenn man so heißt, weil man sofort gespiegelt wird in Richtung Volkstheater und Willy und deftig. Das Beste, was ich machen konnte, war wegzugehen – auch wenn es nicht einfach war. So konnte ich meinem Beruf meine Farbe geben. Ich bin nicht umsonst nach München gegangen und habe Tiermedizin studiert. Da kann man eins und eins zusammenzählen. Ich habe versucht, zu flüchten – was mir nicht gelungen ist.

Warum nicht?

Millowitsch: Das Schauspieler-Gen war stärker. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass ich in irgendwelchen Kuhställen verschwinde. Das ist einfach nicht mein Ding.

Haben Sie denn Köln auch vermisst?

Millowitsch: Nein, mir hat nichts gefehlt, um ehrlich zu sein. Ich habe mich frei gefühlt wie ein Vogel. Durch das Studium bin ich durchmarschiert und habe mich dabei kennengelernt. Erkannt: Ich kann was.

Und was bedeutet Ihnen Köln jetzt?

Millowitsch: Das ist Heimat, auch wenn ich mich mit diesem Wort schwertue. In München hatte ich die Verbindung zu Köln noch gar nicht so, vielleicht auch, weil ich nicht direkt in der Innenstadt aufgewachsen bin. Köln lerne ich erst richtig kennen, seit ich wieder da bin, seit 1999. Jetzt möchte ich nicht mehr weg. Die Südstadt, wo ich wohne, ist wie ein Dorf. Ich kenne jetzt jeden Hundebesitzer im Volksgarten, und wenn ich eine Kleinigkeit einkaufen will, dauert das mindestens eine Dreiviertelstunde, weil ich mich stets verquatsche.

Macht das die Kölner aus?

Millowitsch: Ja, es ist ein kommunikatives Völkchen.

Und auch humorvoll?

Millowitsch: Die können gut austeilen, aber wenn es ums Einstecken geht, gibt es auch beim Kölner Grenzen. Es gibt nicht viele Menschen, die über sich selbst lachen können.

Können Sie das denn?

Millowitsch: Ich habe die Fähigkeit, dass mir das nicht so viel ausmacht. Es kommt drauf an, wie man mich anfrotzelt. Böse angefrotzelt zu werden, finde ich nicht in Ordnung.

Wann haben Sie denn das letzte Mal über sich selbst gelacht?

Millowitsch: Wenn ich einen guten Tag habe, und es geht wieder mal etwas schief, dann muss ich einfach kichern. Es gibt aber auch Tage, an denen man sich über sich selbst ärgert – das ist ein schlechter Zugang, um den Tag gut rumzubekommen.

Was für eine Art von Humor mögen Sie generell?

Millowitsch: Eine Figur ist für mich witzig, wenn ihr Tragik zugrunde liegt. Traurige Clowns sind gute Clowns, nicht die bunten. Das Plakative ist nicht meins. Ich mag Situationskomik, wenn sich selbst jemand die Blöße gibt. Menschlichkeiten können irre lustig sein. Aber so nacherzählte Witzchen, das finde ich immer fade.

Haben Männer und Frauen einen anderen Humor?

Millowitsch: Ich würde behaupten, dass es mehr Frauen als Männer mit Humor gibt. Männer nehmen sich doch häufig sehr ernst. Und wenn man die dann anfrotzelt und infrage stellt, kommt man schneller an die Grenzen. Ich kann schneller zu einer Frau ein Blödelverhältnis aufbauen als zu einem Mann.

Sie haben seit kurzem eine Wohnung an Flüchtlinge vermietet. Gehört das zu Ihrer anpackenden Art?

Millowitsch: Ich denke schon, dass ich zur Anpack-Abteilung gehöre. Wir waren mit dem Theater auf Tournee und kamen in die wildesten Situationen. Ich hatte immer Werkzeug in der Tasche, weil man unter Umständen mal eben kurz die Garderobe umbauen musste. Ich habe ein ganz gutes Improvisationstalent. Und dann wurde bei mir die Wohnung frei. Ich hatte gelesen, dass Flüchtlinge in Gartencentern und Baumärkten untergebracht werden. Da dachte ich mir: Das kann nicht sein. Die kommen aus elenden Verhältnissen, werden bedroht, erleben Krieg, nehmen nur das Nötigste mit und wenn sie hier ankommen, will sie auch keiner. Ich bitte Sie, das geht doch nicht! Ich hätte am liebsten tausend Wohnungen und würde die alle hergeben, aber das haut ja nicht hin (seufzt).

Wie haben Sie und Ihre Mieter zueinandergefunden?

Millowitsch: Das macht die Stadt, das ist gut durchstrukturiert. Und ich habe ein richtig gutes Verhältnis zu der Mieterin, einer jungen Frau aus Sri Lanka. Ich kann das nur empfehlen. Schreiben Sie das! Jeder, der eine Wohnung hat, sollte sich nicht scheuen. Ich mache das, was mir möglich ist.

Und das ist ja schon etwas in Zeiten von „Pegida“ und einer zunehmenden Ausländerfeindlichkeit...

Millowitsch: Dass sich Leute über Politik ärgern, kann ich verstehen. Aber warum gehen sie dann nicht gleich auf die Straße? Nur abwarten und sich dann sagen: Ich habe jetzt ein Feindbild, und das sind Ausländer und Muslime – das geht nicht. Das hatten wir schon mal. Das braucht kein Mensch wieder. Wenn „Pegida“-Anhänger behaupten, dass sie nichts dafür können, dass bei ihnen Nazis mitlaufen, dann kann ich das wirklich nicht nachvollziehen. Die sind zusammen auf der Straße, das ist ein Gedankengut. Das ärgert mich.

Muss man solchen Auswüchsen denn auch mit einem gewissen Humor begegnen?

Millowitsch: Wahrscheinlich, zumindest bis zu einer gewissen Grenze. Wir haben in der Kölner Südstadt mal eine geplante rechte Demo völlig abschmieren lassen: Musik laut aufgedreht und über die Rechten gelacht. Mit diesem Humor konnten die gar nicht umgehen. Nur leider lernen sie nichts daraus.

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