Aachen - Marcus Baumann: „Viele helle und hochmotivierte Köpfe”

Marcus Baumann: „Viele helle und hochmotivierte Köpfe”

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Marcus Baumann
Marcus Baumann, Rektor der FH Aachen.

Aachen. Seit August vergangenen Jahres ist Marcus Baumann Rektor der FH Aachen. Der Meeresbiologe war von vielen Kollegen in das Amt hineingewünscht worden, nachdem man mit seinem Vorgänger nicht so ganz zurechtkam.

Offenbar ist man mit dem 54-jährigen Motorradfan und Hobbyjazzer an beiden Standorten der Fachhochschule, Aachen und Jülich, bislang auch ziemlich zufrieden. Axel Borrenkott fragte den gebürtigen Münsteraner, Absolventen der RWTH und ehemaligen Leiter des Aachener Umweltamts, nach den bisherigen Erfahrungen als Rektor und den Vorhaben der FH.

Im Interview mit dieser Zeitung im April 2009 sagten Sie: „Die Chance, die FH Aachen zu leiten, ist mein Traumberuf.” Seit acht Monaten ist das tatsächlich Ihr Job. Wovon träumen Sie heute?

Marcus Baumann: Ich träume von der Zukunft in fünf bis zehn Jahren: Dann hat unsere Hochschule ihren Ruf, hervorragende Absolventen hervorzubringen, die in Industrie und Wirtschaft nachgefragt werden, konsolidiert und ihre Kompetenz in angewendeter Forschung und Entwicklung weiterhin unter Beweis gestellt. Sie ist für Studierende wie Beschäftigte ein Ort, an dem man gerne und mit Begeisterung studiert beziehungsweise arbeitet.

Sie sprachen damals vom „hohen Erwartungsdruck”. Wie hoch ist der Anpassungsdruck?

Baumann: Der Erwartungsdruck ist nach wie vor da, von den Menschen hier an der Hochschule, mit denen ich tagtäglich zu tun habe und von mir selbst. Einen Anpassungsdruck empfinde ich nicht.

Was ist schwieriger, als Sie es sich vorgestellt haben?

Baumann: Dinge, die einer Änderung bedürfen, lassen sich nicht so leicht und so schnell korrigieren, wie ich das erwartet habe und gerne vollziehen würde. Das hat verschiedene Ursachen, die zum Teil infrastrukturell bedingt sind, aber auch damit zu tun haben, dass einfache Lösungen oft nicht möglich sind; es ist wie immer im Leben.

Womit müssen Sie sich am meisten beschäftigen?

Baumann: Die Frage ist gut gestellt: „müssen Sie sich beschäftigen”. Leider ist man auch als Rektor zu einem großen Prozentsatz des Tages fremdbestimmt: das berühmte Tagesgeschäft, von dem man sich eigentlich nicht zu sehr vereinnahmen lassen sollte. Aber es gibt immer wieder Probleme in unterschiedlichen Bereichen, die sehr viel Zeit erfordern, ohne dass man hinterher so richtig weiß, wo die Zeit geblieben ist.

Die Forschung weiter zu entwickeln, betonten Sie als Schwerpunkt. Schon weiter entwickelt?

Baumann: In diesem Bereich bin ich froh und dankbar, dass sich meine Kollegin, die Professorin Christiane Vaeßen, als Prorektorin für Forschung und Technologietransfer dieser Problematik angenommen hat. An dieser Hochschule gibt es in Forschung und Entwicklung deutlich mehr Potenzial, als wir es vorher zu hoffen gewagt hätten. Es macht Spaß zu sehen, wie viele hoch motivierte helle Köpfe an unserer FH tätig sind, die glänzende Ideen haben und aufgrund ihrer Industrieerfahrung auch in der Lage sind, diese umzusetzen. Aber auch außerhalb des Mint-Bereiches (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften) gibt es spannende Projekte, die man nicht unter den Begriff Forschung fassen würde.

Die Fachhochschulen haben ja kaum die Probleme, die die Universitäten mit der Umstellung auf Bachelor/Master haben. Und der Bachelor ist hier naturgemäß der Regelabschluss. Auf dem Jahresempfang im Januar nannten Sie diesen „berufsqualifizierenden Abschluss ein ausgezeichnetes Sprungbrett ins Berufsleben”. Welche Erfahrungen gibt es denn da inzwischen?

Baumann: Wir wollen unsere Studierenden fit machen für den Einstieg ins Berufsleben. Die Zahlen zeigen, dass wir auf einem guten Weg sind. 84 Prozent unserer Absolventen haben ein Jahr nach Ende Ihres Studiums eine feste Stelle, sieben Prozent haben den Sprung in die Selbstständigkeit gewagt - das sind zusammen 91 Prozent. Das Jahreseinkommen von Berufseinsteigern liegt bei Fachhochschul-Bachelors mit 31500 Euro um 2500 Euro höher als das der Universitäts-Bachelors. Der FH-Bachelor ist ein ausgezeichnetes Sprungbrett ins Berufsleben.

Die RWTH, zumindest ihr Rektor, hält ja nur den „Dipl.-Ing.” für den eigentlichen Ingenieur. Dessen Wiederbelebung nennen Sie hingegen „den absolut falschen Weg”.

Baumann: Die Entscheidung, in Deutschland die alten Diplomstudiengänge zu reformieren, ist vor zehn Jahren gefallen. Zwei Gründe haben zur Einführung des Bachelor-Master-Systems geführt. Die Studierverweilzeiten sollten verkürzt und die Durchlässigkeit von Hochschule zu Hochschule sowohl innerhalb Deutschlands wie auch weltweit erleichtert werden. Dieses System hat sich bewährt. Das alte Diplom liegt mit seinen acht Semestern Regelstudienzeit genau zwischen Bachelor und Master, somit entspricht es weder dem einen noch dem anderen. Also muss man sich von dem Titel trennen; sie können heute ja auch nicht mehr zum Geheimrat ernannt werden - und das war ja auch ein schöner Titel. Was sollen wir denn den jungen Menschen sagen, die jetzt studieren oder die ihren Bachelor-Abschluss schon in der Tasche haben?

Was halten Sie vom Bekenntnis der RWTH zur „Hochleistungskultur?”

Baumann: Wir sind eine Fachhochschule, und wir wollen da mal auf dem Teppich bleiben. Wenn man sich bei den Universitäten umsieht, dann ist da immer von Hochleistung und Exzellenz die Rede; vielleicht nicht alle, aber viele wollen diesem Anspruch gerecht sein. Aber ehrlich, nur die wenigsten haben auch das Potenzial dazu. An dieser Diskussion werden wir uns nicht beteiligen. Wir stehen als Fachhochschule für gute und solide Studiengänge. Wir stehen für eine praxisnahe akademische Ausbildung, anwendungsorientierte Forschung, Internationalität in Lehre und Forschung sowie eine ausgeprägte Orientierung an den kleinen und mittleren Unternehmen in der Region. Wir empfinden die Konkurrenz als belebend, sie bedeutet, dass man nie zufrieden sein kann, dass der Wille zur ständigen Verbesserung das Handeln bestimmt, auf allen Gebieten - und das ist gut so. Keine Hochleistungskultur, eher eine ständige Optimierungskultur.

Die FH will das Studienangebot 2010 weiter in Richtung „Markterfordernisse” ausbauen. Nämlich?

Baumann: Wir bauen unser Studienangebot konsequent aus. Mit den neuen Studiengängen möchten wir dem hohen Bedarf an qualifizierten akademischen Fachkräften in der Technologieregion Aachen Rechnung tragen. Wir erwarten, dass die Absolventen der neuen Studienangebote in hoher Zahl von den regionalen Unternehmen übernommen werden.

Wichtig ist dabei vor allem, dass wir das Angebot an dualen Studiengängen ausbauen; das heißt, die jungen Leute studieren und absolvieren gleichzeitig eine Ausbildung -Êoder arbeiten. Einen besseren Einstieg ins Berufsleben gibt es nicht. Außerdem haben wir in allen Fachbereichen mit Industrievertretern hochkarätig besetzte Beiräte eingerichtet, die die Fachbereiche bei der Aufstellung der Curricula und auch in Bezug auf Forschung und fachliche Schwerpunkte beraten.

Die FH will den Kontakt zu den Schulen intensivieren. Was heißt das?

Baumann: Wir wollen Eltern, Schülerinnen und Schülern, Lehrerinnen und Lehrern möglichst früh erklären, was und wie man an der FH Aachen studieren kann. Daher ermöglichen wir eine dichte Vernetzung mit den Schulen der Region und den zuständigen Ämtern. Wir haben bereits damit begonnen, unser Weiterbildungsangebot zu verbessern. Zahlreiche weitere Veranstaltungen, wie das „Schnupperstudium”, unser „Tag der Mathematik” und andere, vervollständigen das Informationsangebot. Derzeit stehen wir mit den Grundschulen in Kontakt. Von der Stiftung der Sparkasse Aachen wurde die Aktion „Helle Köpfe” ins Leben gerufen. Da geht es um Kinder zwischen acht und zehn Jahren, die in interessanten, auf sie zugeschnittenen Kurzveranstaltungen unter anderem an die Mint-Fächer herangeführt werden.

Warum ist es immer noch so schwer, Mädchen für das Ingenieur-Studium zu gewinnen?

Baumann: Wenn wir das mal wüssten! Wir versuchen da wirklich viel, aber die Patentlösung haben wir noch nicht gefunden. Wir bieten eine ganze Reihe interessanter Informationsangebote für künftige Studierende - einige auch speziell für Mädchen. Es gibt an der FH Aachen den sehr erfolgreichen Hochschulinformationstag, es gibt den „GirlsDay”, außerdem speziell für Mädchen die Aktion „FH4you”. Wir veranstalten die Praktikumswochen, das Schnupperstudium am Campus Jülich; sehr aktiv ist unser Fachbereich Luft- und Raumfahrttechnik. Aber letztlich sind wir noch nicht weit genug... offensichtlich nicht.
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