Manfred Lütz: „Es gibt sieben Milliarden Wege zum Glück“

Von: Bernd Mathieu
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„Ich befasse mich nicht viel mit dem Thema Glück, denn das macht unglücklich.“ Manfred Lütz hält nicht viel von Glücksratgebern. Foto: imago/Ipon

Köln. Das Haus, das Krankenhaus, es liegt im Park. Schön zurückgesetzt, weit weg von der viel befahrenen Kölner Straße. Mitten in Porz. Rechtsrheinisch.

Das Gespräch mit Manfred Lütz wird gewiss ein farbiger Tupfer in dieser Woche sein, weil dieser kluge, intelligente, häufig spontane, stets nachdenkliche und ebenso humorvolle Mensch Außergewöhnliches sagt und außergewöhnlich ist – als Psychiater, Psychotherapeut, Mediziner, Theologe, Chefarzt, Bestsellerautor, Kabarettist.

Das zweitjüngste seiner zahl- und erfolgreichen Bücher heißt: „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden. Eine Psychologie des Gelingens“. Also ran an das Gespräch; denn bald ist Weihnachten, und dann soll das Interview genau an dieser Stelle stehen!

Wir wollen aber zunächst über sein jüngstes Buch reden. „Solange wir leben, müssen wir uns entscheiden“, lautet der Titel des bemerkenswerten Dialogs, den Manfred Lütz mit Jehuda Bacon geführt hat, dem Auschwitz-Überlebenden. Dieses intensive Gespräch, so sagt Lütz, habe sein Leben noch einmal verändert. „Seit ich Jehuda Bacon begegnet bin, lebe ich anders, mein Leben ist ein bisschen heller geworden.“ Was für ein Glück!

Im Vorwort schreiben Sie: „So einen Menschen hatte ich noch nie erlebt.“ Was war und ist das Besondere an Jehuda Bacon?

Lütz: Seine heitere Demut und seine Bescheidenheit haben mich berührt – und seine existenzielle Tiefe und Offenheit und Liebenswürdigkeit. Wenn man seine Lebensgeschichte kennt, kann man das kaum glauben. Dieser Mensch hat bei mir einen unglaublich starken Eindruck hinterlassen. Nicht nur bei mir. Ich habe erlebt, wie er mit Jugendlichen sprach und die hatten zum Teil Tränen in den Augen. Jehuda Bacon ist der eindrucksvollste Mensch, den ich je erlebt habe.

Welche Erwartung hatten Sie?

Lütz: Ich hatte ihn zufällig im „Heute-Journal“ des ZDF gesehen, als ich gerade für mein „Glücksbuch“ die Frage hatte, wie man im Leiden glücklich sein könne. Als Auschwitzüberlebender hatte er Berührendes dazu gesagt. Und als ich dann ein paar Monate später mit 50 jungen Leuten nach Israel fuhr, kam ein Kontakt zustande. Das Eindrucksvolle sind vor allem die zutiefst humanen Konsequenzen, die Jehuda Bacon aus seinen erschütternden Erfahrungen gezogen hat. Deswegen ist das das kostbarste Buch, das ich je geschrieben habe, nicht wegen meiner Fragen, sondern wegen seiner Antworten, aus denen jeder etwas für sein Leben lernen kann.

Sie sind Psychiater. Gehen Sie in jedes Gespräch als Psychiater, auch in dieses mit Bacon?

Lütz: Um Gottes willen, nein! Nur Patienten gegenüber rede ich professionell, und darauf haben die auch einen Anspruch. Aber in meinem Privatleben rede ich ganz normal und habe keine diagnostischen Klischees im Kopf. Das ist auch wichtig, sonst hat man bald keine Freunde mehr.

Ihr Leben ist nach der Begegnung mit Bacon „heller“ geworden, sagen Sie, und Sie regen sich, behaupten Sie jedenfalls, nicht mehr über Kleinkram auf. Wie funktioniert dieses Rezept?

Lütz: Wenn ich mich tatsächlich jetzt über etwas aufrege, denke ich an Jehuda und sage mir: Mensch, hast du hier Probleme! Was hat er dagegen für schreckliche Erfahrungen gemacht und ist trotzdem nicht zynisch oder verbittert geworden.

Was ist Ihnen spontan an ihm aufgefallen?

Lütz: Seine Augen. Er hat ganz wache, neugierige Augen. Und eine unglaubliche existenzielle Präsenz.

Sie haben in Israel 14 Stunden mit Bacon gesprochen, über Auschwitz, über Gott und die Welt. Und über Wunder. Glauben Sie an Wunder, Herr Lütz?

Lütz: Ja. Aber Wunder sind für mich nicht bloß irgendwelche statistischen Ausreißer, sondern Wunder sind Ereignisse, die mich existenziell ergreifen. Das muss gar nichts Spektakuläres sein. Ich kann mich erinnern, als meine älteste Tochter zur Welt kam, als da plötzlich ein neuer Mensch im Kreißsaal war, da kam mir spontan der Ausdruck „Wunder“ in den Sinn.

Sie sind Psychiater, Arzt, Psychotherapeut, Theologe, Buchautor. Beschreiben Sie, je nach Tätigkeit, Wunder anders?

Lütz: Als gläubiger Christ sind Wunder Zeichen Gottes für mich. Aber als Arzt gibt es für mich erstmal keine Wunder, nur noch nicht Erklärbares.

Man spricht manchmal von einem medizinischen Wunder.

Lütz: Ja, aber eben gerade dann, wenn etwas nicht medizinisch erklärbar ist. Als Mediziner sehe ich die Welt unter einer naturwissenschaftlichen Perspektive, da gibt es keine Wunder. Aber auch als Theologe bin ich nicht wundergläubig in dem Sinne, dass ich dauernd Wunder für meinen Glauben brauche. Eigentlich gibt es nur ein Wunder, an das man als Christ glauben muss, die Auferstehung Christi. Wunderbar aber sind für mich zum Beispiel Begegnungen wie die mit Jehuda Bacon. Das sind Begegnungen, die meinen Glauben stärken.

Sie sind kein wundergläubiger Mensch, sind Sie ein gläubiger Mensch?

Lütz: Ja, ich bin gläubiger katholischer Christ. Aber ich habe den Eindruck, dass das Christentum in unseren Breitengraden die unbekannteste Religion überhaupt ist. Es gibt viele Vorurteile, die gar nicht stimmen, und manche in der Kirche reagieren da bloß nach dem absurden Motto: 2000 Jahre lang ist das Christentum in die Irre gegangen, aber jetzt machen wir neuerdings alles besser. Doch wenn da wirklich 2000 Jahre nur Elend gewesen wäre, dann verdiente eine solche Vergangenheit auch keine Zukunft.

Was war es denn 2000 Jahre lang?

Lütz: Es war nicht immer hell, aber es gab doch unglaublich viele Gestalten, die humane Entwicklungen beeinflusst haben. Das Mitleid ist eine christliche Erfindung. Die Heiden hatten kein Mitleid. Auf die Schwachen zugehen, den Armen helfen, das war völlig neu. Wenn wir heutzutage über Integration von Flüchtlingen reden, müssen wir doch überlegen, wo hinein wir sie integrieren wollen. Wenn wir die christlichen Wurzeln unserer Gesellschaft verkennen, können wir einem jungen Mann, der in den Dschihad nach Syrien ziehen will als Alternative nur Konsum bis zum Abwinken anbieten. Das ist doch keine wirkliche Alternative. Wenn wir auf Sinnfragen keine überzeugenden Antworten mehr geben, sind wir nicht in der Lage, Menschen aus anderen Kulturkreisen zu integrieren.

Der neue Aachener Bischof Helmut Dieser sagt, die Kirche solle aufhören zu jammern und müsse mehr Mut haben und eine andere Sprache sprechen.

Lütz: Ganz meine Meinung. Als ich mein Buch „Gott“ schrieb, sagten mir Buchhändler vorher: Theologensprache ist unverkäuflich, das brauchen Sie gar nicht zu drucken, das können Sie fotokopieren lassen. Deswegen habe ich das Buch damals von meinem Metzger lesen lassen. Metzger sind gescheite Leute, und alles, was Metzger nicht verstehen, ist nicht wirklich wichtig im Leben. Und statt zu jammern müssten die Christen sich mehr für die Kräfte des Christentums interessieren und nicht immer bloß „mit dem Müllwagen durch die Kirchengeschichte fahren“, wie Kardinal Höffner das mal beschrieben hat. Zum Beispiel kann man aus dem Aufstieg der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert auch für heute viel lernen, da haben sich die Christen mit neuem frischem Engagement vor allem um die Menschen am Rande der Gesellschaft gekümmert...

Zum Beispiel?

Lütz: Es waren vor allem Frauen, die sich engagierten, die sich zusammentaten und neue Orden gründeten, um besser helfen zu können. Die großen Persönlichkeiten der katholischen Kirche im 19. Jahrhundert waren keineswegs Bischöfe, sondern die zahllosen kraftvollen Ordensgründerinnen. Das waren nicht irgendwelche Heimchen am Herd, sondern starke Persönlichkeiten, in Aachen zum Beispiel Franziska Schervier. Die preußischen Besatzer hatten mehr Angst vor Franziska Schervier als vor dem schwachen Erzbischof in Köln. Die ging auch in die Bordelle und holte junge Frauen da raus. Wenn Christen sich caritativ engagieren, zum Beispiel jetzt in der Betreuung von Flüchtlingen, dann kann das zum Aufblühen des Christentums führen.

Warum hat Kirche so viel an Bedeutung verloren? Wer trägt dafür Verantwortung?

Lütz: Dazu habe ich mal das Buch „Bluff – Die Fälschung der Welt“ geschrieben. Da geht es vor allem darum, dass die Menschen heute zunehmend in künstlichen Welten leben, in denen aber das eigentliche existenzielle Leben nicht mehr stattfindet, Liebe nicht, Gut und Böse nicht und eben auch nicht Gott. Wer nur in der Medienwelt lebt, kann gar nicht an Gott glauben, weil der da gar nicht vorkommen kann, auch in der Finanzwelt, in der manche Menschen mit Haut und Haar leben, kommt Gott nicht vor, auch in der Wissenschaftswelt nicht und nicht in der Psychowelt, in der ich mich professionell aufhalte. Der Glaube an Gott ist nicht widerlegt, er kommt im praktischen Leben vieler Menschen einfach nicht mehr vor, und darin liegt nach meiner Überzeugung der entscheidende Grund für die Krise der Kirche.

Müssen Christen lauter werden und sich positionieren gegen die Menschen, die lieber von Obergrenzen statt von Betreuung sprechen?

Lütz: Im 19. Jahrhundert haben die Marxisten laute Demos veranstaltet, die Christen dagegen haben die Ärmel aufgekrempelt und geholfen. Auch jetzt bin ich stolz darauf, wie viele Christen Flüchtlingen helfen. Trotzdem muss man sich natürlich auch öffentlich bekennen. Als unsere damals 15- und 17-jährigen Töchter vor drei Jahren merkwürdigerweise nicht mehr mit ihren Eltern Silvester feiern wollten, haben wir alle Flüchtlinge des Dorfes eingeladen. Das war die schönste Silvesterfeier überhaupt, und das ist jetzt schon eine Tradition.

Ist das auch eine Empfehlung für Weihnachten?

Lütz: Dieses Familien-Weihnachten ist ja eigentlich nicht wirklich christlich, die Heilige Familie war keine ideale Familie, und wer zu Weihnachten mit Gewalt heile Familie feiern will, landet nicht selten bei uns in der Psychiatrie. In Polen gibt es die Tradition, dass beim Weihnachtsessen immer ein Gedeck zusätzlich aufgelegt wird, weil ja Christus kommen könnte. Gerade Weihnachten sollte man sich fragen, welche einsamen Menschen man einladen kann, denn gerade zu Weihnachten empfinden Menschen ihre Einsamkeit besonders schmerzlich. Wir haben auch zu Weihnachten in den vergangenen Jahren zusätzlich zur Großfamilie ein paar Flüchtlinge oder andere Freunde eingeladen, und das macht das Fest festlicher.

Was macht Weihnachten wertvoll?

Lütz: Weihnachten feiern wir Christen, dass Gott Mensch wird. Das ist für mich der Kern meines Glaubens, und das unterscheidet das Christentum von allen anderen Religionen. Wir Christen können Gott also auf Augenhöhe begegnen, vor allem aber im notleidenden Mitmenschen.

Wie feiern Sie Weihnachten?

Lütz: Wir treffen uns am Nachmittag bei uns zu Hause mit der Großfamilie, manchmal machen wir einen Spaziergang, dann singen wir Adventslieder. Dann geht es ins Weihnachtszimmer, das Weihnachtsevangelium wird vorgelesen und für die Verstorbenen der Familie gebetet. Und dann wünschen wir uns ein frohes Weihnachtsfest, verteilen die Geschenke, es gibt ein Essen und danach gehen wir alle in die Messe in den Kölner Dom.

Ist die Adventszeit für Sie etwas Besonderes oder ist sie normaler Alltag?

Lütz: Sie sollte etwas Besonderes sein, aber ich muss selbstkritisch zugeben, dass ich oft kaum zur Besinnung komme. Man hat so viel um die Ohren, und dann ist schon wieder der vierte Advent.

Was sagen Sie einem Menschen, der von sich behauptet, er sei Atheist?

Lütz: Jehuda Bacon hat mir auf diese Frage geantwortet, dann würde er lächeln, denn kein Mensch könne ganz konsequent Atheist sein, und viele Atheisten lebten viel gottgefälliger als manche Gläubige. Als Jesus die entscheidende Frage gestellt wird: „Was muss ich tun, um in den Himmel zu kommen?“, da nennt er als Beispiel ausgerechnet einen Atheisten, denn ein Samariter war für gläubige Juden in etwa das, was für uns ein Atheist ist. Und dieser Atheist hilft dem unter die Räuber Gefallenen. Jesus redet nicht davon, dass dieser Samariter anschließend zum „richtigen“ Glauben kam, aber er sagt, wer in den Himmel kommen will, soll so handeln wie dieser Samariter.

Haben Sie atheistische Freunde?

Lütz: Ja, und manche von denen halte ich für viel frömmer als mich. Viele von denen sind unglaublich uneigennützig, sozial engagiert, liebenswürdig und uneitel. Das sind für mich große Vorbilder. Der atheistische Philosoph Herbert Schnädelbach, den ich kenne und schätze, hat mal einen Aufsatz „Über frommen Atheismus“ geschrieben.

Haben Sie selber Glaubenszweifel?

Lütz: Mit 14 habe ich meinen Glauben verloren, bin aber immer noch in die Kirche gegangen, weil ich Argumente hören wollte. Über naturwissenschaftliche und philosophische Bücher, aber auch durch die Begegnung mit überzeugenden Christen habe ich meinen Glauben wieder gefunden. Natürlich gibt es immer ein Auf und Ab des Glaubens, denn der Glauben ist etwas Existenzielles, und das sieht jeden Tag ein bisschen anders aus, wenn man noch geistig lebendig ist.

Hat sich im Laufe Ihres Lebens Ihr Verhältnis zu Gott geändert?

Lütz: Natürlich eben jeden Tag ein bisschen. Auch das Verhältnis zu anderen Menschen ändert sich ja immer ein wenig. Das ist normal.

Sie haben sich intensiv mit Glück befasst. Was macht Menschen glücklich?

Lütz: Ich befasse mich nicht viel mit dem Thema Glück, denn das macht unglücklich. Ich habe freilich ein Buch dazu geschrieben, „Wie Sie unvermeidlich glücklich werden“. Das ist allerdings etwas ironisch gemeint, eben gegen all die Glücksratgeber, wo ein Autor beschreibt, wie er selber glücklich wurde und den Leser dann unglücklich zurücklässt, weil der nun mal leider nicht der Autor ist. In Momenten, in denen man glücklich ist, ist Glück gar kein Thema. Es gibt sieben Milliarden Wege zum Glück, so viele, wie es Menschen gibt.

Hat Weihnachten mit Glück zu tun?

Lütz: Menschen, die ein erfülltes Weihnachtsfest feiern, erleben das sicher glücklich. Aber genauso wenig, wie man Glück machen kann, kann man ein glückliches Weihnachten machen. Glück ist ein Geschenk. Wenn man ein ideales Weihnachtsfest mit einer idealen Familie an einem idealen Ort plant, kann das ziemlich schiefgehen. Man sollte sich beschenken lassen, vor allem von der Liebenswürdigkeit der anderen, auch wenn man sich dafür ein bisschen auf die Suche begeben muss. Dann geht Weihnachten sogar ohne kostspielige Geschenke.

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