„Manchmal spektakulär“: Für das Kunstprojekt „50days“ durch Deutschland

Von: Bernd Müllender
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Teichmann im Einsatz. Foto: Teichmann
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Impressionen einer 920 Kilometer langen Wanderung: Einen spektakulären Anblick bietet in Karsdorf in Sachsen Anhalt die mit 2668 Metern zweitlängste Eisenbahnbrücke Deutschlands. Foto: Teichmann
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Immer wieder gibt es interessante Gespräche so wie mit Gastwirt Jochen Schmidt. Foto: Teichmann
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Immer wieder stehen verunstaltete Wahlplakate am Wegesrand: Foto: Teichmann
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Immer wieder stehen verunstaltete Wahlplakate am Wegesrand. Foto: Teichmann
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Auch ein Putin-Fan kreuzte seinen Weg. Foto: Teichmann

Dresden/Zittau. Am Freitag am frühen Abend will er in Zittau ankommen; und am Sonntag noch, als Wahlsonntags-Zugabe, die drei Kilometer zum dortigen Dreiländereck laufen. Rund 920 Kilometer ab Aachen quer durch Deutschland hat Andreas Teichmann dann absolviert. Der Fotograf aus Essen sagt vorsichtig: „Ja, doch, stolz bin ich schon: Das zu schaffen als körperliche Leistung.“

Und doch, meint Teichmann, 47, sei das so furchtbar relativ. „Immer wieder habe ich von Leuten gehört: 50 Tage lang? Nur gehen? Unfassbar, das könnte ich nicht.“ Und auf der anderen Seite: „Aus Griechenland sind die Menschen mit einem Kind auf dem Arm gekommen, im Unterhemd, in Schlappen, mit Plastiktüte, und die dreifache Strecke. Und manche sind schon vorher Monate unterwegs gewesen.“ Ohne Geld für Pensionen und Hostels, ohne Navigation, und ohne eine Frau, die einen nach Ankunft abholen kommt. „Den Geflüchteten könnte ich gar nichts erzählen. Das wäre lächerlich.“

Ohne Kommunikation keine Kontakte keine Geschichten keine Motive. Oft hat Teichmann mit belanglosen Fragen ein Gespräch ausgelöst. Dann die Leute erzählen lassen. So wie gleich am Dienstag in der Dresdener Heide: Die Kneipe einer Schrebergartenkolonie mit DDR-typischen Krummpreisen wie 9,85 und 10,45. Der Wirt mit einer fusseligen Extrem-Vokuhila wirkt sehr verschlafen.

Und dann erzählt dieser „Gastwirt Ing. Jochen Schmidt“, dass wir im ehemals ersten deutschen Golfcasino im American Style sitzen. Seit 1931 war rundherum ein Neun-Loch-Platz, 1944 von den Nazis als zu undeutsch geschlossen, heute längst unter Denkmalschutz. Auf dem ehemaligen Golfcourse sind jetzt 350 Parzellen des Kleingartenvereins Bühlauer Waldgärten.

„Sag ich doch“, sagt Teichmann, du musst fragen und reden. Dann kämen immer wieder kuriose Geschichten, ungewöhnliche Biografien, Anekdoten sonder Zahl – und Menschen für seine Fotodokumentationen. So auch die vom Oberfranken, der bei Dresden aufs Land gezogen ist, als ihn daheim die Frau verließ und der jetzt mit seinem Fiat-Sportwagen posiert.

Die Gastwirtin, die ihm an Tag 43 ausführlich ihre Krebserkrankung und ihren Lebenstrieb offenbarte. Oder die vom Vater eines Piloten, der unvermittelt anfing zu politisieren – „leider der AfD sehr zugetan“. Oder von dem Ami an Tag 39 beim Frühstück in einer Absteige: „Der war GI am Checkpoint Charlie, hatte sich in Deutschland verliebt, hat er gesagt.“ Im Winter, mit Mitte 60, hat er bei Grimma eine Bruchbude ersteigert, „für ein Flaschenpfand“, sagt Teichmann.

Cappuccino gibt es mit Sahne

Alle paar Monate fliegt der Mann aus Detroit jetzt hierher und renoviert wochenweise eigenhändig. American Dream in Sachsen.„Der ist total glücklich. Nun hatte der Vorbesitzer jahrzehntelang Tauben. Er ist begeistert: ­pigeons... Ich bin aus Essen und weiß, wie es dann aussieht: komplett kontaminiert. Amerikaner sind große Kinder. Hauptsache versuchen, und wenn das nichts wird, auch okay.“ Der Gastwirt habe nachher gesagt, alle im Ort hielten den für verrückt. „Wir haben uns geeinigt auf das Motto: Es gibt ein Leben vor dem Tod. Er baut, ich quere das Land.“

Deutsche Überraschungen? „Du hast das Gefühl, Deutschland ist kein Industrie-, sondern ein Agrarland, spätestens ab Nordhessen. So viele Wiesen, Äcker bis zum Horizont.“ Er habe „wahnsinnig viele Greifvögel gesehen und viele Stangen am Feldesrand – als Hilfe für Bussarde und Falken: „ökologische Feldmausfallen“, sagt Teichmann dazu. Und so viele Jäger überall. „Da bin ich richtig gewarnt worden, Vorsicht jetzt im Frühherbst, das Reh sei auf. In der Dämmerung macht man dann Geräusche, damit man nicht verwechselt wird mit einem Rehbock. Und dann knallt es doch ganz in der Nähe.“

Im Osten gibt es Cappuccino wie selbstverständlich mit Sahne gemacht, „so old school“. Briefkästen hängen oft vorne an der Straße, fast wie in Belgien. „Das war in der DDR immer so“, erklärte uns ein Anwohner, „mit Rücksicht auf die Zusteller“. In Hessen fand Teichmann Mülltonnen mit Vorhängeschloss (wegen der Waschbären), auch die zwei Tage im Tagebaugebiet Hambach haben ihn „sehr fasziniert“, dazu die bronzene Himmelsscheibe in Nebra, der Gang durch ein Militärgebiet in Sachsen-Anhalt: „Da stand dran, Vorsicht Minen. Und das mitten in Deutschland...“

Pegida in Dresden war ein emotionaler Tiefpunkt. „Ich war platt, so viele. So viel Wut und Hass. Eine ganz komische Stimmung hatte ich. Fast Furcht. Man wird angesprochen. Die wollen Widerspruch provozieren, um dann loszuschimpfen. Viele suchten Blickkontakt, diese Augenaggressivität. Es sei ein ganz anderes gucken, skeptisch, giftig.“ Am schlimmsten sei „dieser Marsch gewesen, die hallenden ,Mergl‘-muss-weg- Schreie. Und dann stand da diese sehr junge Frau, die nur ein kleines Plakat hochhielt, nichts sagte. Wie die angepöbelt wurde, auf Übelste, von allen.“ Teichmann weigerte sich weiterzugehen. „Mir war richtig körperlich schlecht. Da lernst du nachzuspüren, wie das im Dritten Reich war. Ekelhaft. Ich habe mich sehr geschämt.“

Politik sonst? „Wenn du als Westler erkannt wirst, haben die Leute gern Debatten begonnen. Der eine nannte Merkel ,eine Verräterin‘, weil die ja aus dem Osten komme. Ein anderer: ,Schulz? Ich wähl doch keinen Trinker.‘ Oft wirkten Leute vernünftig – und würden plötzlich zum Wolf im Schafspelz, hat Teichmann erlebt. Tenor im Osten immer wieder: Wir werden vergessen, die Flüchtlinge kriegen alles. „Wahlplakate sind beschmiert, verschandelt, Lügner steht drauf und Verbrecher. Ganz häufig. Und Orte sind vollgepflastert mit Werbung für NPD und AfD, ganze Straßenzüge.“

Die Brötchen-Frage hat Teichmann weiterbeschäftigt, seit der Erstentdeckung der „DDR-Brötchen“ bei Bäckern in Westthüringen. Die tauchten immer wieder auf in kleinen Läden. Ob die immer vor Ort gemacht werden? Oder ist da irgendwo ein geheimer alter VEBackB zugange in einem stillgelegten Geheimstollen der Stasi? Teichmann fantasierte sich die Auskunft zusammen: „Niemand hat die Absicht, Brötchen in Fabriken zu backen.“ Ein Fachmann hat ihm dann genau erklärt: Viel länger rühren, Ruhezeit, keine Fertigmischungen; und gerade kleine Bäcker machen sie wirklich selbst. „Die Brötchen sind viel fester in der Struktur. Und die schmecken richtig knackig, sogar noch am nächsten Tag.“

Teichmann sagt, er sei „unglaublich froh, dass ich mir den Jugendtraum dieser Wanderung erfüllt habe“. Als Auftragsfotograf habe man schnell Bilder im Kopf, wie etwas aussehen könnte. „Hier passierte alles extrem gemächlich, immer zufällig am Wegesrand und immer ergebnisoffen. Habe jeden Morgen gedacht: wirst du das heute schaffen? Begegnet dir was Neues? Und dann: irgendwas ging immer, oft super, manchmal spektakulär.“

Teichmanns Bilder mit der 100-Millionenpixel-Kamera, immer auf Stativ, erst nach mehreren Minuten aufgebaut und schussbereit. „Letztlich bin ich über die Vielfalt doch überrascht, von der technischen Brillanz sowieso wirklich geflasht. Freue mich schon auf den großen Monitor zu Hause.“ Dann will er genau 50 Bilder für 50 Tage Wandern aus den etwa 180 Motiven auswählen. Die werden dann, weil so extrem auflösungsstark, riesig gedruckt auf ein bis vier Quadratmetern Größe. Dann eine Ausstellung. „Wenn das an der Wand hängt, wird das die Betrachter einsaugen.“ Falls Teichmann einen Sponsor findet. Oder wird vielleicht das Goethe-Institut anbeißen?

Kleines Opfer, großes Glück

Andreas Teichmann bilanziert. Sieben Wochen jeden Tag um die zehn Stunden draußen: „Das tut so gut.“ Sieben Wochen in keinem Auto gesessen: „Kann mich nicht erinnern, wann es das mal gab.“ Von 121 Kilo Startgewicht runter. Minus 15 Kilo, mehr? „Weiß ich noch nicht. Zwei Hosengrößen weniger sind es jetzt. Ich gehe aber erst zu Hause auf die Waage.“ Und so fit fühle er sich. Nur das Knie, Meniskus, nach diesem einen falschen Tritt im glitschigen Sauerland. „Seitdem geht nichts ohne Schmerztabletten. Das muss operiert werden, da bin ich sicher.“ Klingt, als wäre das ein minikleines Opfer für ein megagroßes Glück.

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