Aachen - Mancher schwebt schon über den Wolken

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Mancher schwebt schon über den Wolken

Von: Thorsten Karbach und Oliver Schmetz
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Der Wahlsieger packt schon mal: Mit dem Aachener Direktmandat in der Tasche fliegt Rudolf Henke heute nach Berlin. Foto: Michael Jaspers

Aachen. Der große Gewinner des Aachener Wahlabends ist am Morgen danach schon um sieben Uhr auf den Beinen - und in jeglicher Hinsicht nüchtern. Etwaige Folgen einer feucht-fröhlichen Sieger-Sause? Fehlanzeige!

„Es ist kein Exzess geworden”, blickt Rudolf Henke lachend auf die Feier zurück, bei der man in kleiner CDU-Runde bis gegen halb zwei beim Bier beisammensaß.

„Wieder bei Null anfangen”

Auch politisch bleibt der Gewinner des Direktmandats auf dem festen Boden der Tatsachen. „Nach der Wahl muss man wieder bei Null anfangen.”

Abgesehen von den vielen Gratulationen, die er entgegennimmt, bedeutet das für ihn „ganz normalen Alltag”. Auf dem Programm stehen Teambesprechung, Interviews, Bürgersprechstunde und der CDU-Landesvorstand in Düsseldorf.

Nach Berlin fliegt Rudolf Henke erst am Dienstag ganz früh. Um 11 Uhr konstituiert sich die CDU-Landesgruppe, um 15 Uhr treffen sich die alten und neuen CDU-Fraktionen im Reichstagsgebäude.

Der Aachener betritt in der Hauptstadt als Vorsitzender des Marburger Bundes beileibe kein Neuland. „Ich kenne Berlin, ich werde mich hier bestimmt nicht verirren”, sagt er.

Welche Wunschausschüsse er in der Parlamentarbeit anpeilt? Da mag sich Henke angesichts einer „langen Schlange von Interessenten” als Neuling nicht aus dem Fenster lehnen. Nur so viel: „Mein Spektrum ist weiter, als diejenigen meinen, die mich auf Gesundheitspolitik reduzieren.”

Und bevor es politisch losgeht, müssen eh´ noch viele praktische Alltagsfragen beantwortet werden. Etwa diese: „Wo kriegt man eigentlich sein Büro, schließlich gibt es drei verschiedene Gebäude?”

Während Henke in Berlin einen Platz für den Schreibtisch sucht, ist SPD-Chef Karl Schultheis in Aachen auf die Suche gegangen - nach den verlorenen Wählern. 22,4 Prozent Zweitstimmen, 30 Prozent für Ulla Schmidt, Verluste von je über 10 Prozent und - bundesweit -Êdramatische Einbußen bei jungen Wählern schreien nach Interpretation. Die hat Schultheis noch nicht. „Wir müssen analysieren. Das Aachener Ergebnis hatte sich meist vom Bundestrend lösen können”, sagt er.

Diesmal nicht. Warum? In Aachen sieht Schultheis vor allem den durch die Hartz-Gesetze verprellten Alt-Stammwähler auf der Verlustseite. „Wir haben es nicht geschafft, die Nicht-Wähler zu mobilisieren. Da liegt viel Potenzial für die SPD.” Dabei sei man „sehr offensiv aufgetreten”, sagt der Parteichef.

Das war auf Bundesebene nicht der Fall - findet Mathias Dopatka. Der Vorsitzende der Jusos hat bei der Kommunalwahl ein Direktmandat geholt, ist einer aus der aufstrebenden jungen Riege und kann verstehen, dass „junge Menschen unzufrieden sind, weil sie klare, zugespitzte Positionen gesucht haben”. Die habe die SPD im Wahlkampf vermissen lassen.

„Wahlkampf viel zu harmlos”

Dopatka spricht von einem Vermittlungsproblem. „Man muss darüber nachdenken, ob der Wahlkampf richtig geführt wurde. Die Fernsehdebatten waren viel zu harmlos”, sagt er.

Der aktuelle Absturz - im Vergleich zur Kommunalwahl hat die SPD vier Prozent verloren, die Spanne zum OB-Wahl-Ergebnis von Schultheis beträgt 17,7 Prozent - ist für Dopatka ein „Denkzettel” der Wähler.

Den bundesweiten SPD-Einbußen bei den Jungwählern hält der Juso-Chef Aachener Zahlen entgegen. 300 Mitglieder zählen die Jusos, 2005 waren es 214. „Wir trotzen dem Trend.” Zudem sei Aachen der jüngste SPD-Unterbezirk der Republik. Bloß: Mehr Stimmen hat das auch nicht gebracht.

Wie es sich anfühlt, als Wahlgewinnerin Berliner Boden zu betreten, hat Petra Müller (FDP) als erste der künftig vier Aachener Abgeordneten erfahren. „Es ist sehr beeindruckend, als Abgeordnete den Reichstag zu betreten”, sagt sie. Um 9.45 Uhr saß sie im Flieger nach Berlin - deswegen fiel die Feier der Liberalen mit einem Glas Wein auch bescheiden aus.

In der Hauptstadt standen für Müller sofort Fraktions- und Landesgruppensitzung an. Abends ging es zurück nach Düsseldorf zum Landesvorstand. Und heute schon wieder nach Berlin - Müller schwebt nach der Wahl über den Wolken.

Über Dublin in den Bundestag

Abheben wird Andrej Hunko erst am Mittwoch, nach Dublin. Das neuerliche irische Referendum zum Lissabon-Vertrag will er vor Ort verfolgen, ehe es Freitag nach Berlin geht.

Im Bundestag strebt er einen Platz im Europaausschuss an und will enge Bande mit Gewerkschaften und Sozialverbänden knüpfen - um den „schwarz-gelben Angriff auf die sozialen Sicherungssysteme abzuwehren”.

Ganz auf dem Boden bleibt Jochen Luczak, und zwar in Aachen. Der Kandidat der Grünen, der „erstmals so exponiert aufgetreten” ist, hat 13,4 Prozent der Erststimmen geholt und blickt mit positiven Gefühlen auf den Wahlkampf zurück. Lust auf mehr? „Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht”, sagt Luczak, denkt dann doch kurz nach und „würde das für die Zukunft nicht ausschließen”.

Zunächt einmal ist Alltag angesagt: Am Tag nach der Wahl sitzt Luczak als Geschäftsführer der Grünen wieder im Parteibüro in der Franzstraße. Für die neuen Abgeordneten beginnt der Alltag erst im November mit der ersten Sitzungswoche.
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