Aachen - Man kann viel auf einmal: Aber es stresst

Man kann viel auf einmal: Aber es stresst

Von: Christina Diels
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„Wenn es wirklich spannend wi
„Wenn es wirklich spannend wird, hört man auf zu bügeln”: Gleichzeitig fernzusehen scheint ganz unproblematisch. Doch man macht dann beides nicht richtig und hat am Ende nicht viel davon. Und die Bügelfalte erfordert auch die ganze Konzentration.

Aachen. Den Telefonhörer zwischen linkem Ohr und linker Schulter eingeklemmt, mit dem linken Daumen eine SMS ins Handy getippt und mit der rechten Hand per Mausklick das E-Mail-Programm geöffnet. Für viele scheint Multitasking längst normal - ebenso wie die Warnungen davor. Was aber sagt die Wissenschaft dazu?

Kann der Mensch überhaupt mit seinem kognitiven System mehr als eine Aufgabe zugleich meistern?

Iring Koch, Professor am Institut für Psychologie der RWTH, erforscht in experimentellen Laborstudien, wie Menschen Informationen aufnehmen und sie verarbeiten. Dabei beobachtet er Probanden, die zwei Aufgaben parallel bearbeiten sollen. Ob sie das überhaupt können, hängt natürlich von der Art der Aufgabe ab. „Es ist kein Problem, einen Reiz zu sehen und einen Reiz zu hören”, sagt Koch. Auf der Wahrnehmungsebene gebe es kaum Interferenz (Überlagerung), also keine Leistungsverschlechterung. „Aber sobald irgendetwas entschieden werden muss, kann man nur noch eine Sache machen.”

Koch erläutert das anhand des leidlich bekannten Beispiels: Telefonieren am Steuer. „Die meisten sagen, dass Telefonieren und gleichzeitiges Autofahren kein Problem ist”, berichtet der Psychologe. Dem widersprechen zahlreiche Studien: Sie zeigen, dass Telefonieren am Steuer zu längeren Bremslatenzen führt, mehr Auffahrunfälle verursacht und die Fahrer Verkehrszeichen schlechter wahrnehmen.

Wenn die Situation kritisch wird - beispielsweise beim Hineinfahren in einen Kreisel - werde der Fahrer im Telefongespräch stocken. Es sei also ein Irrtum, anzunehmen, Telefonieren und Strecke zurücklegen erspare in jedem Fall Zeit. „Es geht, aber die Leistung wird beeinträchtigt”, warnt Koch.

Häufig praktiziert wird auch das Bügeln beim Fernsehen. „Wenn es wirklich spannend wird, hört man auf zu bügeln.” Dabei sei es bei diesen beiden Tätigkeiten nicht folgenschwer - von Bügelfalten abgesehen - wenn eine schlechter ausgeführt wird. „Aber beim Autofahren ist es fatal, wenn man im entscheidenden Moment abgelenkt ist und nicht bremst.” Wichtige Dinge sollten lieber schön der Reihe nach erledigt werden. Und Koch betont, dass selbst eine Freisprechanlage keine Lösung ist: „Auch das Telefonieren über die Freisprechanlage beeinträchtigt die Leistung im Autofahren.”

Ist das menschliche Gehirn also einfach nicht dafür geschaffen, Aufgaben parallel zu bearbeiten? „Das menschliche Gehirn ist ein Organ, in dem alles massiv parallel verschaltet ist. Es gibt also grundsätzlich keinen Grund anzunehmen, warum das Gehirn das nicht könnte”, so Koch.

Und doch zeigen Studien, dass die Bearbeitung von zwei Aufgaben zu einer Überforderung führen kann. „Nicht nur, weil zwei Prozesse im Gehirn auf begrenzte Kapazitäten zugreifen. Sondern auch, weil in dem Maß, in dem Aufgabe 1 Verarbeitungskapazität fordert, sie für Aufgabe 2 nicht zur Verfügung steht.”

Hinzu komme ein Phänomen, das der Experte „Cross-Talk” nennt. „Da schleicht sich eine Information, die für eine Aufgabe relevant ist, in die andere Aufgabe ein und sorgt für einen Fehler.” Koch bleibt beim Beispiel Handy und Autofahren: Wenn das Gespräch während der Autofahrt zum Beispiel den Satz beinhaltet „da habe ich nach links geschaut”, dann würde man einen Fußgänger, der links an die Straße tritt, vermutlich schneller sehen, einen am rechten Straßenrand dagegen erst viel später.

In den 1970er Jahren wurde in Studien untersucht, ob sich Multitasking erlernen lässt. Allerdings habe man Aufgaben in der damaligen Forschungstradition gewählt, etwa ein Gedicht vorlesen und Klavierspielen. Und das seien kontinuierliche Aufgaben. „Die Übungseffekte sind nicht überraschend. Wenn ich zwei Aufgaben übe, ist es nicht mehr als die Summe der Verbesserung der Einzelaufgaben.” Unklar sei dagegen, ob dabei Fertigkeiten gelernt werden, die spezifisch für die Koordination der Aufgaben sind, also für das Multitasking.

Koch hält nichts von Multitasking, auch nicht am Arbeitsplatz. Viele Arbeitgeber erwarten, dass ihre Arbeitnehmer parallel mit Handy, Telefon und Laptop arbeiten. Wer ständig unterbrochen wird, muss sich immer wieder neu fokussieren.

„Oft bekommt man nicht mit, wie sich die Zeiten aufsummieren”, sagt Koch. „Und man hat natürlich nie eine Vergleichssituation, wie schnell und gut man wäre, wenn in Ruhe die Aufgaben nacheinander gemacht würden. Nur irgendwann merkt man, dass der Kopf schwirrt.”

Es gibt auch Wissenschaftler, die behaupten, dass Multitasking am Arbeitsplatz das Bruttosozialprodukt schmälere. Koch hält diese Meinungen nicht für unwahrscheinlich, verlässt sich als experimentalpsychologischer Grundlagenforscher aber nur auf seine objektiven Verhaltens- und Leistungsmessungen. „Ob sie länger brauchen, wenn sie Aufgaben parallel statt nacheinander abarbeiten, ist unter Alltagsbedingungen schwer zu messen.” Genauso schwer wie der negative Einfluss des Telefonierens auf das Autofahren. Nach einem Unfall lasse sich Alkohol leicht im Blut nachweisen, nicht aber die Kausalbeziehung zwischen Telefonieren und schlechter Fahrleistung.

Koch selbst vermeidet weitgehend Multitasking. „Wenn ich einen Aufsatz schreibe, mache ich nur das”, erzählt er. „Außer atmen und essen verdränge ich alles in den Hintergrund und fokussiere mich völlig auf den Text, bis er fertig ist.” Und wenn es sich mal nicht vermeiden lässt, Aufgaben parallel zu bearbeiten? Wichtig sei, „den Wechsel im Griff zu haben”.

Es mache einen Unterschied, ob man die Aufgabe bewusst unterbricht, weil man etwa eine Pause einlegen will. Aber wenn man ungewollt durch eine SMS, eine E-Mail oder einen Anruf gestört wird, könne das mental belasten und Stress verursachen. Und das will Koch vermeiden. Und die Technik dazu kennt er ja bestens.
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