Aachen/Malmedy - Malmedy-Prozess: Ein Kriegsverbrechen und sein Nachspiel

Malmedy-Prozess: Ein Kriegsverbrechen und sein Nachspiel

Von: Alexander Barth
Letzte Aktualisierung:
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Die Angeklagten im Prozess im Jahr 1946, unter ihnen der SS-Gruppenführer Joachim Peiper (um den Hals das Schild mit der Nummer 42). Die Leichen der GI´s wurden erst im Januar 1945 geborgen. Neben dem Feld, auf dem die US-Soldaten erschossen wurden, steht heute ein Museum, das weitgehend unkritisch die Ardennenschlacht nachzeichnet. Foto: United Archives International, Barth, Uni Konstanz
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Hat das „Malmedy-Massaker“ und dessen Folgen mit einer Forschungsgruppe analysiert: der Aachener Historiker René Rohrkamp. Foto: United Archives International, Barth, Uni Konstanz

Aachen/Malmedy. Ostbelgien ist nicht arm an Gedenkstätten für die Toten des Zweiten Weltkrieges im Herbst und Winter 1944. Im Malmedyer Ortsteil Baugnez markiert hingegen ein Parkplatz neben der Route de Luxembourg die Stelle, an der sich am 17. Dezember des vorletzten Kriegsjahres ein Vorfall ereignete, der als „Massaker von Malmedy“ in die Geschichte einging.

Dort töteten Soldaten der Waffen-SS aus der „Kampfgruppe Peiper“, die zur 1. SS-Panzerdivision „Leibstandarte Adolf Hitler“ gehörte, mindestens 80 US-Amerikaner, die sich ergeben hatten. Ab dem 16. Mai 1946 standen 74 frühere SS-Männer in Dachau vor Gericht. Zwei Monate später, am 16. Juli, wurden ihre Urteile verkündet.

Zwar sprach die US-Militärjustiz dabei 43 Todesurteile aus, von denen jedoch keines vollstreckt wurde. Noch während der beiden Monate geriet der Prozess wegen angeblicher dubioser bis gewalttätiger Verhörmethoden im Haftgefängnis Schwäbisch Hall in Verruf. Das Stigma Siegerjustiz war bald verteilt und etablierte sich in Teilen der deutschen Öffentlichkeit, in rechtsextremen Kreisen regiert es bis heute. 1957 wurde der letzte Angeklagte freigelassen.

Zwei Versionen der Ereignisse

Die Tat ereignete sich am zweiten Tag der Ardennenoffensive, mit der das Deutsche Reich einen letzten großen Versuch unternahm, den Vormarsch der Alliierten im Westen zu stoppen. Am Mittag des 17. Dezember kam es vier Kilometer südlich von Malmedy zu einem verhängnisvollen Aufeinandertreffen. Die Panzervorhut der Kampfgruppe von SS-Offizier Joachim Peiper stieß auf eine Lastwagen-Kolonne der US-Artillerie, nahm diese unter Beschuss und zwang rund 100 GIs schnell zur Aufgabe. Kurz darauf starben mehr als 80 von ihnen durch Schüsse der SS-Soldaten. Von dem Vorfall in Baugnez existierten schnell zwei Versionen.

„Einerseits gibt es die Darstellung einer gezielten Tötung der Gefangenen auf Befehl. Auf der anderen Seite steht eine Version, die die Toten durch Fluchtversuche, allgemeines Chaos und Kampfhandlungen erklärt hat“, sagt der Historiker René Rohrkamp, Leiter des Aachener Stadtarchivs, der im Jahr 2007 mit einer Forschungsgruppe die Ereignisse untersucht hat. Erstere Version der Ereignisse gilt heute unter Historikern als weitgehend unwidersprochen, die zweite wurde vor allem von SS-Veteranen verbreitet und wird bis heute in rechtsextremen Kreisen gepflegt. Rohrkamp oder sein Kollege Jens Westemeier (siehe Interview unten), Autor des Buchs „Himmlers Krieger“, setzen letzterer Version die Erkenntnisse von Autopsieberichten entgegen, laut denen etwa gezielte Kopfschüsse nachweisbar waren.

Vorwürfe gegen die Ermittler

Ehe die 74 Männer am 16. Mai 1946 zur Hauptverhandlung im ehemaligen deutschen Konzentrationslager Dachau erschienen, hatte die US-Militärjustiz die ehemaligen Angehörigen der Kampfgruppe Peiper über Monate hinweg ausfindig gemacht und in Schwäbisch Hall inhaftiert. Die Verteidigung monierte bereits während der Verhandlung, die Angeklagten seien misshandelt, mit Scheinhinrichtungen drangsaliert und zu belastenden Aussagen gezwungen worden.

Bereits nach zwei Monaten, am 16. Juli, verkündete das Militärgericht der 3. US-Armee die Urteile. Alle Angeklagten wurden schuldig gesprochen. Neben den Todesurteilen wurden lebenslange und lange Haftstrafen verhängt. Kurz nach Bekanntwerden der Urteile begann die öffentliche Auseinandersetzung. Nicht nur Nachkriegsdeutschland empörte sich – aufgewühlt durch Medienberichte – über eine vermeintliche Siegerjustiz, auch in den USA regte sich Unmut über den Verlauf der Untersuchungen und den Ausgang des Prozesses. Eine Aufarbeitung wurde gefordert. Rohrkamp hält es für bemerkenswert, dass die US-Behörden tatsächlich entsprechende Untersuchungen zuließen. „Die US-Öffentlichkeit hat von ihrer Demokratie etwas erwartet – und dies auch bekommen.“

Die US-Untersuchungskommission bestätigte die Foltervorwürfe nicht, stellte jedoch fest, dass es bei den Voruntersuchungen zu Unkorrektheiten gekommen sei. So hätten sich einige der Amerikaner, von deutscher Seite und bis heute in revisionistischen Medien als „Folterknechte“ bezeichnet, zu Einschüchterungen und Misshandlungen hinreißen lassen. „Auf die Zweifel an den Ergebnissen solcher Ermittlungsmethoden gründete die US-Kommission ihre Meinung, dass im Zuge des Malmedy-Prozesses keine Todesurteile zu vollstrecken seien“, erklärt Rohrkamp. „Die Rechtmäßigkeit des Verfahrens war allgemein in Frage gestellt.“

Schon bald wurden sämtliche Todesurteile in lebenslängliche Haftstrafen umgewandelt. Zwei Jahre nach dem Malmedy-Prozess entließen die US-Militärbehörden die ersten Gefangenen. Zwischenzeitlich hatten mehr als 50 der ehemals Angeklagten eidesstattliche Erklärungen abgegeben, wonach sie während der Verhöre gefoltert worden seien.

Der Historiker Rohrkamp besteht auf einer differenzierten Einordnung der Ereignisse: „Selbst wenn man sich der zweiten Variante der Ereignisse in Baugnez anschließen sollte, ist das Geschehen nicht ohne den Kontext weiterer Vorfälle während der deutschen Ardennenoffensive zu bewerten.“ Der Leiter des Aachener Stadtarchivs weist auf weitere Kriegsverbrechen hin, die der „Kampfgruppe Peiper“ im Zuge der Ardennenoffensive in Ostbelgien zugeschrieben werden, unter anderem die Tötung von rund 130 Zivilisten in Stavelot oder die Ermordung von weiteren US-Gefangenen im Dorf Honsfeld.

So wie sich Versionen und Geschichten um die Ereignisse des 17. Dezembers 1944, um den Prozess und die Bedingungen für die Angeklagten zum Teil bis heute halten, bot auch der Tod eines der Hauptprotagonisten im Malmedy-Prozess Stoff für Diskussionen und Spekulationen: Joachim Peiper, der laut heutigem Forschungsstand zwar keinen direkten Befehl zur Erschießung von Gefangenen unter seinem Kommando gegeben hat, diese jedoch grundsätzlich billigte, starb in der Nacht vom 14. auf den 15. Juli 1976 bei einem von Unbekannten vorsätzlich gelegten Brand in seinem Haus in seiner Wahlheimat Traves in Frankreich.

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