Mahnmal in Lüttich: Prominenz gedenkt Kriegsopfern

Von: Andrea Zuleger
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Der weite Vorplatz des Mahnmales wird am 4. August dicht besetzt sein: Dann kommen hier an die 700 Gäste aus ganz Europa zusammen, um an den Einmarsch in Belgien zu erinnern. Fotos: Harald Krömer
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Ein eindrucksvoller Ort: Der weite Platz des Mémorial Interallié aus Turm und Kirche ist ständig zugänglich. In den Turm hinein kann man nur an bestimmten Tagen im Jahr.
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Die verbündeten Länder haben eigene kleinere Skulpturen nach Lüttich geschickt: hier das Mahnmal der Griechen.
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Olivier Hamal, Präsident des Vereins, kümmert sich um die Erhaltung des Denkmals.

Region. Es scheinen nicht viele zu sein, die den Weg hierher suchen. Ein einziges verwittertes Hinweisschild leitet den Besucher den Weg hinauf nach Cointe, jenem Stadtviertel von Lüttich, in dem eines der wichtigsten Monumente des Ersten Weltkriegs steht: das Mémorial Interallié.

Obwohl es hoch oben auf dem Hügel thront und der Turm des Monuments selbst noch einmal 75 Meter in die Höhe reicht, sieht man es seltsamerweise erst, wenn man schon fast davor steht. Ansonsten wirkt das Viertel Cointe mit seinen teilweise renovierungsbedürftigen Jugendstil-Villen und großen Gartenparks wie aus der Zeit gefallen. Beim Weg über die Pont de Fragnée mit ihren goldenen Engeln fühlt man sich an einem diesigen Tag zurückversetzt in die Zeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts.

Die Prominenz aus Politik und Gesellschaft, die sich hier oben am 4. August versammelt, um der Opfer des Ersten Weltkriegs zu gedenken, hat da mehr Glück. Sie müssen nicht suchen, sie brauchen auch kein Navi, sie werden gefahren – und zwar im Bus. „Alles andere wäre verkehrstechnisch nicht möglich, aber auch sicherheitstechnisch nicht“, sagt Olivier Hamal und weist mit dem Arm von oben auf die besondere geografische Lage des Ortes. Nur wenige Straßen führen auf den Hügel, vor dem Monument ist dann nur noch eine Sackgasse.

Das Monument selbst besteht aus der Kirche Sacré Cœur, dem Turm und der sehr weiten Esplanade mit den kleineren Monumenten verschiedener Länder wie Griechenland, Polen oder auch Frankreich. Olivier Hamal ist der Präsident des Vereins „Le Site du Mémorial Interallié de Cointe“ (Denkmal der Alliierten), der sich 1996 gegründet hat, um diesen Ort zu erhalten und auch bei Touristen und Einheimischen bekannter zu machen. „Denn wenn Sie einen Lütticher fragen, ob er das Mémorial kennt, bekommen sie oft eine negative Antwort“, erklärt Hamal.

Für eine kurze Zeit rückt jetzt das Monument aus dem Schatten ins Licht: nämlich dann, wenn am 4. August, also genau 100 Jahre nach dem Einmarsch der deutschen Truppen ins neutrale Belgien, dort die VVIPS, die very, very important persons, auf dem Vorplatz des Turmes stehen. Angekündigt sind neben dem König der Belgier, Philippe, und seiner Frau Mathilde auch der belgische Premier Elio Di Rupo, der französische Präsident François Hollande, der spanische König Felipe, der deutsche Bundespräsident Joachim Gauck. Und, sozusagen als Krone des Glamours, auch das britische Prinzenpaar William und Kate wird den Feierlichkeiten beiwohnen. Insgesamt sollen es an die 700 geladene Gäste inklusive 120 Journalisten sein, die sich am 4. August an diesem ungewöhnlichen Ort versammeln.

Und ein ungewöhnlicher Ort ist das Monument ohne Zweifel: Nach dem Ersten Weltkrieg überlegten die alliierten Länder, wo ein geeigneter Standort für ein Denkmal in Europa sein könnte, das der Opfer dieses Krieges gedenkt. Zuerst war Sarajevo als Stadt des Attentats gegen Franz-Ferdinand im Gespräch. „Doch Benito Mussolini, der damalige Ministerpräsident und spätere Diktator in Italien, war dagegen. Er wollte nicht, dass ein solches Monument in seiner unmittelbaren Nähe errichtet wird. Schließlich kam man auf Belgien“, erklärt Olivier Hamal.

Lüttich war die erste als Eisenbahnknotenpunkt strategisch wichtige Stadt, die die Kriegstreiber einnahmen. Doch auch wenn die Überwältigung nur wenige Tage dauerte, hatten sich die Deutschen die Sache einfacher vorgestellt. Denn erstens war der Widerstand in der Stadt und auf dem Land außerordentlich groß, und zweitens gab es damals bereits den Lütticher Festungsring aus zwölf Forts, die in einem Radius von einigen Kilometern rund um die Stadt angesiedelt waren.

Zwischen Deutschen und Belgiern kam es zu erbitterten Kämpfen mit vielen Opfern, aber schließlich war Lüttich in deutscher Hand. Auch die Forts wurden nach und nach eingenommen. Zuletzt trafen deutsche Bomben die Munitionskammern der eigentlich als uneinnehmbar geltenden Forts in Chaudfontaine und Loncin. Einige Hundert belgische Soldaten starben in den Anlagen. Andere belgische Städte fielen nach der Besetzung Lüttichs wie Dominosteine. Die Internationale Föderation der Veteranen entschied 1925, dass diese Stadt beispielhaft wie keine andere für den Widerstand von Bürgern und Militär, aber auch als Sinnbild der Katastrophe stehe.

Es dauerte dann noch bis Ende der 20er Jahre, bis der Antwerpener Architekt Joseph Smolderen mit dem Bau des Monuments beauftragt wurde. Besonders ist auch, dass das Monument eigentlich aus zwei Gebäuden besteht, einem zivilen und einem sakralen Gebäude, dem Turm und der Kirche Sacré Cœur. „Denn zur selben Zeit, als die Allierten entschieden, das Weltkriegsdenkmal in Lüttich zu bauen, wollten einige Katholiken in Lüttich mit Unterstützung des Bistums eine Kirche bauen, um an die Opfer des Krieges zu erinnern. Nach vielen Auseinandersetzungen um den richtigen Standort der Denkmale hatte die Prinzessin von Merode, Vorsitzende des Komitees für das Denkmal, die Idee, die beiden Projekte zu bündeln“, sagt Olivier Hamal.

1928 wurde mit dem Bau begonnen: Beide Gebäude in einem historisierenden Stil, die Kirche im neo-byzanthinischen Stil, den man vor allem an Sakralbauten im Osten beobachten kann, den aber gerade zu Beginn des 20. Jahrhunderts auch einige westliche Architekten kopierten.

Bis Mitte der 30er Jahre wurde an beiden Gebäuden gearbeitet, dann ging das Geld aus, weil man auf alte Kohlebergwerksstollen getroffen war, die die Bauarbeiten vor viele Probleme stellte. „Bevor man wieder genügend Geld zusammen hatte, stand der Zweite Weltkrieg bevor“, sagt Olivier Hamal.

Die Gebäude waren Ende der 30er Jahre so weit fertiggestellt, dass wenigstens 1937 der belgische König Leopold III. den Vorplatz vor dem Turm mit seinen acht hohen Stein-Pylonen und den einzelnen Statuen, die die alliierten Länder nach Belgien schickten, einweihen konnte. Damals konnte man den schlanken Turm und die breite Kirche aus der Stadt gut sehen, so dicht nebeneinander verstärkte das eine Gebäude das Charakteristische des anderen. Die Kirche wirkte noch gedrungener, der Turm noch höher. In dieser Zeit hatten die Lütticher sogar ein eigenen Spitznamen für das Ensemble: „Laurel und Hardy“. Auf so einen Gedanken käme heute kein Lütticher mehr. Die Bäume um das Gelände sind so hoch, dass man das Denkmal von der Stadt aus kaum noch wahrnimmt.

Im Zweiten Weltkrieg wurden die beiden immer noch unvollendeten Gebäude stark beschädigt. Erst 1968, also 50 Jahre nach Ende des Ersten Weltkriegs, wurde der Turm vollendet und von König Baudouin zum zweiten Mal eingeweiht. Von den Beteiligten, den Ländern, die dieses Denkmal wollten und in Teilen auch bezahlten, waren in diesen 100 Jahren nur selten Vertreter in Lüttich: „Man muss sich das mal vorstellen: Erst jetzt – genau 100 Jahre nach dem Einmarsch in Lüttich – gibt es dieses große Treffen mit internationalen Gästen“, sagt Olivier Hamal.

Das ist wie eine dritte Einweihung des Denkmals. Zumindest der Turm sieht dabei gut aus, seitdem sich ein Verein um seine Restaurierung kümmert. Um Sacré Coeur aber steht es schlecht. Sie ist in kirchlichem Besitz und so verfallen, dass sie weder am 4. August noch sonst betreten werden kann.

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