Magenbypass: Viele Vorurteile auf dem Weg zu einem neuen Leben

Von: Valerie Barsig
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Rund die Hälfte aller Erwachsenen in Deutschland ist übergewichtig. Einige von ihnen gelten als fettleibig und müssen mit Folgeerkrankungen wie Diabetes, Gicht oder Rückenschmerzen leben, wenn sie nicht abnehmen. Eine Möglichkeit ist, zusätzlich zur Umstellung des Lebensstils, eine Magenoperation. Foto: dpa

Aachen. Wenn sich Kerstin S. auf die Waage stellt, sprengt sie die Anzeige auf dem Gerät. Wie viel sie wirklich wiegt, weiß sie nicht. Nur, dass es unglaublich viel ist. Als sie einmal in den Bus stieg, sagte jemand: „Schau mal, die deutschen Panzer rollen wieder an.“

Im Schwimmbad stand einmal ein kleines Mädchen vor ihr, dass sie eine Viertelstunde lang ungläubig anstarrte, während sie duschte. Neben dem Gewicht, das Kerstin S. mit sich herumträgt, wiegt das, was sich in ihrem Kopf abspielt noch viel schwerer. Kerstin S. ist fettleibig, adipös. Ihr Gewicht verliert sie nicht. Trotz regelmäßiger Wassergymnastik.

So wie Kerstin S. geht es vielen Adipositas-Patienten in Deutschland. Hilfe bekommen sie bei Florian Ulmer, Chirurg am Uniklinikum in Aachen. Zu ihm kommen Menschen, die sich den Magen verkleinern lassen wollen, weil nichts anderes mehr funktioniert. Die meisten von ihnen haben bereits mehrere Diäten hinter sich und diverse gesundheitliche Probleme, wie Gelenkschmerzen, Rückenleiden, Arthrose, Wasser in den Beinen oder sogar Diabetes.

Von 149 auf 67 Kilo

Mit den Problemen von Adipositas-Patienten kennt sich auch Nicole Kießling aus. Sie leitet gemeinsam mit zwei anderen Frauen die Selbsthilfegruppe „Adipositiv“ im Aachener Uniklinikum. Sie wog früher 149 Kilo. Heute sind es 67 bei 1,66 Meter – durch eine Schlauchmagenoperation. „Wer eine Operation hinter sich hat, der nimmt bis zu zehn Kilo pro Monat ab“, sagt sie. „Da ist aber jeder Körper anders.“ Je höher das Ausgangsgewicht eines Patienten, desto schneller verliert er es.

Die zwei gängigen Eingriffe, um sein Gewicht zu reduzieren, sind der sogenannte Magenbypass oder die Magenverkleinerung hin zu einem Schlauchmagen. Beim Magenbypass wird der Magen auf ein Volumen von 15 Milliliter verkleinert. Der Dünndarm wird durchtrennt, ein Ende wird an den neuen Minimagen angeschlossen, das andere Ende, das vom alten Magen kommt, wird im mittleren Dünndarm wieder angenäht. So vermischen sich Verdauungssäfte und Nahrung erst später als bei einem normalen Magen und die Kalorienzufuhr ist dementsprechend geringer. Allerdings werden so vom Patienten auch weniger Nährstoffe aufgenommen. Die muss er deshalb in Tablettenform zu sich nehmen.

Bei einem Schlauchmagen wird ein Teil des Magens weggeschnitten, der andere, kleinere Teil bleibt im Körper. In dem Teil, der entfernt wird, wird auch das Hungerhormon „Ghrelin“ gebildet. Nach einer Operation hat man also auch weniger Hunger.

Sowohl Magenbypass als auch die Magenverkleinerung können endoskopisch erfolgen, also mit nur wenigen Schnitten in die Bauchdecke, durch die eine Kamera und die Operationsinstrumente in den Bauchraum eingeführt werden. Nach der Operation bleiben die Patienten zwei bis fünf Tage im Krankenhaus.

Nicole Kießling weiß, dass oft die Familien gegen die Operation sind. „Diese Vorurteile gibt es oft. Die Frage ist aber: Was passiert, wenn man noch dicker wird?“ Tatsächlich reduziert Fettleibigkeit die Lebenserwartung. Das sagt auch Florian Ulmer: „Im Schnitt sterben adipöse Menschen 15 Jahre früher, als gesunde Menschen.“

Hinzu kommt der psychische Druck, unter dem viele Patienten wie Kerstin S. leiden. Sie geht zur Wassergymnastik, weil es der für sie einzig erträgliche Sport ist. Im Wasser muss sie nur einen kleinen Teil ihres Gewichtes selber tragen. Trotzdem fällt es ihr schwer, sich im Badeanzug überhaupt noch irgendwo zu zeigen. „Es geht nur, wenn ich mir vorstelle, ich sei dünn. Dann sind die Blicke der anderen Menschen erträglich.“

Wer eine Magen-Operation machen will, muss bestimmte Kriterien erfüllen. Es kommen nur diejenigen auf den OP-Tisch, deren Body-Mass-Index (BMI) über 40 ist, oder diejenigen, die einen BMI von 35 haben und zusätzlich eine Erkrankung, die der Fettleibigkeit geschuldet ist.

Die Krankenkassen verlangen von den Patienten außerdem ein psychologisches Gutachten, einen Besuch beim Internisten, der kranke innere Organe als Grund für Adipositas ausschließt, und eine sechsmonatige Ernährungsumstellung, die von einem anerkannten Ernährungsberater nachgewiesen werden muss. Außerdem muss der Patient ein halbes Jahr lang regelmäßig Sport machen und dies ebenfalls bei der Krankenkasse nachweisen.

Auch eine Selbsthilfegruppe zu besuchen, wird von den Krankenkassen verlangt, ebenso wie der Besuch einer Informationsveranstaltung zu den Operationen. Kurzum: Wer sein Leben nicht komplett umstellt, bekommt keine Operation. Magenverkleinerung und -bypass kosten rund 7750 Euro.

Gesundes Essen allein reicht nicht

Den Hausarzt mit im Boot zu haben ist wichtig. Das ist aber nicht immer leicht. „Dort hört man oft ‚Nehmen Sie ab, bewegen Sie sich mehr!‘“, sagt Nicole Kießling. Dass gesundes Essen und Bewegung ab einem gewissen Punkt nicht mehr helfen, dafür fehle Verständnis. Die Hürden der Krankenkasse findet Kießling aber sinnvoll. „Viele Patienten wollen die Operation so schnell wie möglich. Sie müssen erstmal verstehen, dass man sein Leben umkrempeln muss. Und da ist ein halbes Jahr Zeit absolut sinnvoll.“

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