Maastricht - Maastrichter Forscher entdecken Ursache für Schäden beim Schlaganfall

Maastrichter Forscher entdecken Ursache für Schäden beim Schlaganfall

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
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Ein Schlaganfall im Gehirn: Bei dem Gefäßverschluss tritt ein akuter Sauerstoffmangel ein. Bisher gab es nur die Möglichkeit, das Gerinnsel medikamentös oder neurochirurgisch über einen Katheter zu entfernen. Das Maastrichter Forschungsergebnis lässt auf neue Therapien hoffen. Foto: Imago/Science Photo Libraray
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Sein Institut für Kardiovaskuläre Forschung an der Uni Maastricht hat Bahnbrechendes für die Schlaganfalltherapie erforscht: Professor Harald Schmidt. Foto: Mark van der Linde

Maastricht. Die Erkenntnis ist eine Sensation, ein Durchbruch in der Behandlung von Schlaganfallpatienten, eine Hoffnung, die in wenigen Jahren Standard zur Vermeidung von Behinderungen wie Sprachstörungen und Lähmungen sein könnte.

Wissenschafter des Universitätsklinikums Maastricht und der Universität Maastricht haben in Kooperation mit Forschungseinrichtungen in Deutschland (Würzburg, Essen, Münster) und Spanien (Madrid) herausgefunden, warum das Gehirn des Menschen – im Unterschied zu seinen anderen Organen – so rätselhaft auf einen Sauerstoffmangel reagiert, wie es bei einem Schlaganfall, also einem Gefäßverschluss, geschieht. Durch den akuten Sauerstoffmangel wird ein Mechanismus ausgelöst, der andere Organe schützt – im Gehirn aber katastrophale Folgen auslöst.

„Unsere Entdeckung löst das medizinische Rätsel der besonderen Empfindlichkeit des Gehirns gegenüber Sauerstoffmangel“, berichtet Forschungsleiter Professor Harald Schmidt, Direktor des Instituts für Kardiovaskuläre Forschung (CARIM) der Universität Maastricht, im Gespräch mit unserer Zeitung.

Zehn Jahre Forschung

Seit über zehn Jahren versuchen Forscher in Maastricht die Vorgänge beim Schlaganfall zu enträtseln. Zuletzt haben sie erkannt, dass der Sauerstoffmangel beim Gefäßverschluss im Körper des Menschen sehr unterschiedliche Folgen hat. Schmidt wirft einen Blick zurück: Der Verschluss einer Arterie im Gehirn durch ein Blutgerinnsel wurde bisher bei etwa zehn Prozent der Betroffenen recht erfolgreich behandelt, indem man das Blutgerinnsel so schnell wie möglich medikamentös auflöste oder es über einen Katheter entfernte – nicht ohne Risiken.

Dennoch erlitten viele Patienten bleibende Spätschäden. Der Grund: „bei einem Schlaganfall und dem damit einhergehenden Sauerstoffmangel wird in verschiedenen Organen und Muskeln das Enzym Nox4 produziert“, erläutert Schmidt. Es sorgt dafür, dass in Organen und Muskeln neue Blutgefäße gebildet werden, die für eine verbesserte Versorgung der Organe sorgen – ein rettender Vorgang.

Fatale Wirkung

Nur im Gehirn hat Nox4 statt der aufbauenden Wirkung fatale Folgen: Die dortigen Gefäße werden durch das Enzym löchrig. „Im Gehirn wirkt sich Nox4 nicht schützend sondern auf ganzer Linie negativ aus“, weiß Schmidt inzwischen durch langjährige Forschungen seines Teams. „Das Enzym verursacht durch eine Substanz im Blut zudem die Zerstörung der Blut-Hirn-Schranke, die das Gehirn normalerweise vor äußeren Einflüssen und Infektionen schützt, Gefäße werden zerstört.“

Denn Nox4 gibt – wie die Forscher jetzt herausfanden – tatsächlich den Impuls für eine Art Selbstzerstörungsmechanismus an die Nervenzellen des Gehirns weiter. So erklärt sich, dass selbst bei erfolgreicher Auflösung von Gerinnseln Schlaganfallpatienten bleibende Sprach- und Bewegungsstörungen erleiden.

„Wenn wir Nox4 ausschalten oder durch Arzneistoffe nach einem Schlaganfall das Enzym daran hindern, die Blut-Hirn-Schranke lahmzulegen und Gewebe zu zerstören, vermeiden wir schwere Behinderungen“, folgert Schmidt. „Dass der Mangel an Sauerstoff für das Gehirn bei einem Schlaganfall dramatisch ist, war bereits bekannt”, sagt der Maastrichter Wissenschaftler. „Wir wussten aber nie so genau, warum das so war. Das hat sich nun geändert.“ Mit der kompletten Entschlüsselung der Wirkung von Nox4 sind nun neue Therapiemöglichkeiten in Sicht, die das Gehirn bei einem Schlaganfall schützen.

2018 beginnt bereits die klinische Studie. „Das Großartige dabei ist die Tatsache, dass es Präparate, die auf das Enzym einwirken, prinzipiell bereits gibt“, erklärt Schmidt. „Die neuen Anwendungsformen müssen nun allerdings intensiv erforscht werden.“

Seit über zehn Jahren laufen in Maastricht die Schlaganfallforschungen zu Nox4, in zwei bis drei Jahren rechnet man nun endlich mit therapeutischen Anwendungsformen im Akutfall. 2,5 Millionen Euro hat der Europäische Forschungsrat (European Research Council) in diese Forschung bereits investiert. „Wir hoffen, dass dann das Phänomen Schlaganfall endgültig aufgeklärt und behandelbar ist“, sagt Schmidt.

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