Maastricht verbannt den Verkehr unter die Erde

Von: Alexander Barth
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Letzte Arbeiten: In den vier Tunnelröhren fehlt noch die Fahrbahndecke. Zuvor wird noch das Abwassersystem installiert und geprüft. Foto: Avenue 2
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Spektakuläre Funde: Beim Bau des Tunnels wurden archäologische Zeugnisse aus Maastrichts Vergangenheit geborgen – darunter antike Tongefäße und Kanonenkugeln aus napoleonischer Zeit. Foto: Harald Krömer
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Alles im Blick: 243 Kameras überwachen die vier Tunnelröhren und das äußere Umfeld. Die Technik wird vor Ort getestet, mit Inbetriebnahme des Tunnels übernimmt die Verkehrsbehörde Rijkswaterstaat die Sichtung. Autofahrer müssen sich mit dem Tunnel auch auf neue Verkehrsführung und entsprechende Schilder einstellen. Foto: Harald Krömer
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Alles im Blick: 243 Kameras überwachen die vier Tunnelröhren und das äußere Umfeld. Die Technik wird vor Ort getestet, mit Inbetriebnahme des Tunnels übernimmt die Verkehrsbehörde Rijkswaterstaat die Sichtung. Autofahrer müssen sich mit dem Tunnel auch auf neue Verkehrsführung und entsprechende Schilder einstellen. Foto: Harald Krömer
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Bald wieder frei: Die A2 ist auch für viele Besucher Maastrichts aus Deutschlands als Anfahrtsweg bekannt. Bisher verlief sie mitten durch die Stadt, demnächst darunter – getrennt in Durchgangs- und Stadtverkehr und mit neuen Anschlüssen versehen. Foto: Harald Krömer
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Direkter Draht zur Feuerwehr: A2-Sprecherin Désirée Florie testet eines der Notruftelefone, die alle 50 Meter zu finden sind. Foto: Harald Krömer
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Henny Jansen ist für die Logistik zuständig. Bis zur Eröffnung steht die Sicherheitstechnik auf dem Prüfstand. Foto: Harald Krömer
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Spektakuläre Funde: Beim Bau des Tunnels wurden archäologische Zeugnisse aus Maastrichts Vergangenheit geborgen – darunter antike Tongefäße und Kanonenkugeln aus napoleonischer Zeit. Foto: Harald Krömer
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Knopfdruck für den Notfall: Sollten die modernen Systeme einmal versagen, lassen sich Beleuchtung und Technik im Tunnel auch durch ein autonomes System mit separater Energieversorgung steuern. Foto: Harald Krömer
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Beschilderung des Tunnels an der belgischen Grenze. Foto: Harald Krömer

Region. Der Teppich ist noch nicht ausgerollt, der Untergrund ist allerdings nahezu bereitet. In einigen Monaten sollen 80 Prozent des Maastrichter Verkehrs unter der Erde verschwunden sein, Autofahrer müssen sich auf eine veränderte Verkehrsführung einstellen.

Das ehrgeizige Tunnelprojekt „A2 Maastricht“ steht kurz vor der Vollendung.

Wenn der 2,3 Kilometer lange Tunnel fertig ist, geht es mit der überirdischen Bebauung weiter. Der „Groene Loper“ (grüner Läufer), ein rund sechs Kilometer langer Grünstreifen mit Alleecharakter, soll das innerstädtische Antlitz Maastrichts aufhübschen.

Ehe der Verkehr voraussichtlich ab Ende 2016 zunächst durch drei der vier einzelnen Röhren unter Südlimburgs Metropole fließt, schauen derzeit noch Bauspezialisten in die selbigen – und Feuerwehrleute, die den Ernstfall durchspielen.

Désirée Florie hat die Entstehung des Tunnels, der den Namen von König Willem Alexander tragen soll, in den vergangenen Jahren ständig vor Augen gehabt. Das Büro der Sprecherin des Projektbüros liegt in Sichtweite der nördlichen Einfahrt Geusselt – über diesen Abschnitt werden auch die meisten deutschen Autofahrer den Tunnel erreichen.

„Ich freue mich auf das, was oben passieren wird“, sagt sie, „wir waren lange genug unter der Erde unterwegs.“ Außerdem sei es doch weitaus spannender zu sehen, wie Maastricht in den kommenden Jahren sein Aussehen verändern werde.

Tatsächlich steht der 120 000-Einwohner-Stadt vor allem durch den markanten Grünstreifen mit tausenden Bäumen, der sich durch den Innenstadtbereich rechts der Maas und die Vorstadtregion ziehen soll, ein gewaltiges Facelifting bevor.

Die komplette Bauzeit ist bis 2026 ausgelegt. Noch in diesem Jahr soll allerdings das nördliche Teilstück des „grünen Läufers“ für Radfahrer und Fußgänger freigegeben werden. Zwischen Severenstraat und Meerssenerweg wird dann erstmals erlebbar, was die Europastadt Maastricht in Zukunft auszeichnen soll: ein Verkehrskonzept, dass Verkehrssicherheit und Luftqualität verbessern und Lärmschutz bringen soll.

Die Bauarbeiten sind nahezu abgeschlossen, es fehlt noch die Fahrbahndecke. Derzeit gehören die vier Betonröhren, auf denen demnächst der Durchgangsverkehr – der auf der unteren Tunnelebene fließen wird – vom Innenstadtverkehr separiert werden soll, vor allem den Sicherheitsexperten.

Die Maastrichter Feuerwehr hat seit 2015 verschiedene Übungen im Tunnel absolviert. Für das nötige Know-how sind die limburgischen Brandbekämpfer bei echten Experten ins Trainingslager gegangen: Die besonderen Umstände eines Tunnelbrandes werden in der Schweiz professionell simuliert, in mehrwöchigen Ausbildungsgängen lernten rund 200 Männer und Frauen der Zuidlimburgse Brandweer vor Ort.

Bei einem Gegenbesuch der Schweizer Kollegen entstand auch die Bezeichnung „Luxustunnel“, mit der das Maastrichter Bauwerk geadelt wurde. „Die Schweizer haben gesagt, dass unser Tunnel zum Modernsten gehört, was die Sicherheit angeht“, sagt Désirée Florie nicht ohne Stolz.

Auf beiden Tunnelebenen befindet sich zwischen den Röhren ein Fluchttunnel, der im Notfall durch leichtläufige Türen zugänglich ist. Alle 50 Meter sind Notruftelefone und Feuerlöscher installiert. Ein Animationsfilm im Internet zu den Sicherheitsmaßnahmen wurde bereits mehr als 144 000 Mal angeklickt. Der große Sicherheitscheck steht noch bevor: Im August soll bei einer Abschlussübung der Ernstfall geprobt werden.

Auch Henny Jansen gehört zu den Letzten, die noch täglich im Tunnel unterwegs sind. Er ist zuständig für Logistik und Energieversorgung und kann den Startschuss kaum erwarten. „Wir haben so lange dafür gearbeitet. Jetzt ist es Zeit, dass wir von der Theorie auf Praxis umschalten.“

Unter seiner Regie wurden 800 Kilometer Kabel unter der Stadt verlegt. Die beiden 1,35 Meter breiten Fluchtröhren sind gleichzeitig Versorgungsadern, auch für die technischen Mittel zur Überwachung. Insgesamt 243 Kameras liefern gestochen scharfe HD-Bilder.

„Die Situation wird nach der Eröffnung in der Zentrale der Verkehrsbehörde Rijkswaterstaat in Helmond überwacht“, erklärt Jansen. „Feuerwehr und Rettungskräfte können allerdings binnen kürzester Zeit zu einem möglichen Einsatz im Tunnel sein. Im Umfeld beider Zufahrten wird eine Feuerwache sein.“

Zum noch unbestimmten Eröffnungstermin sagt Logistiker Jansen knapp: Erst die Sicherheit, dann der Termin.“ Fast wirkt er ein wenig melancholisch, wenn er darüber nachdenkt, dass sein Werk bald vollendet ist und er zu einem anderen Projekt „weiterziehen“ muss: „Ich weiß noch, wie es war, als alles losging...“

Eine Menge Wasser ist seitdem die Maas hinabgeflossen. 2003 fiel der Startschuss für ein Vorhaben, das vielen zunächst reichlich ambitioniert schien für eine Stadt von der Größe Maastrichts. Der doppelstöckige Tunnelbau ist der erste seiner Art in den Niederlanden.

In den vergangenen Jahren haben die Verantwortlichen – neben der Stadt Maastricht sind die Rijkswaterstaat, die Provinz Limburg sowie die Gemeinde Meerssen beteiligt – alles dafür gegeben, um ein strahlendes Bild vom Tunnelprojekt und dem damit einhergehenden urbanen Stadtentwicklungskonzept „Groene Loper“ zu zeichnen.

Tatsächlich hielten sich in den vergangenen Jahren die Beschwerden aus der Bevölkerung für ein Projekt dieser Größenordnung in Grenzen. Aufgebrachte Protestierer oder Blockaden – Fehlanzeige. Ein Grund dafür dürfte die Transparenz sein, mit der die Verantwortlichen ihr Vorhaben und die entsprechende Finanzierung präsentiert haben.

Neben Tunnel, Verkehrsberuhigung und Stadtbegrünung steht auch Wohnungsbau auf der Agenda. Entlang der Allee entstehen ab 2017 Wohn- und Bürohäuser mit allein 1045 neuen Wohneinheiten. Für Radfahrer und Fußgänger wurden bereits eigene Brücken und Tunnel angelegt.

Neben viel Wohlwollen wird das Projekt aber auch von Misstönen begleitet. Niederländische Medien berichteten immer wieder über Unregelmäßigkeiten bei einem Subunternehmer, der portugiesische Leiharbeiter angestellt hatte und deren Arbeitszeitkonten manipuliert haben soll.

Eine Beteiligung an der angeblichen Ausbeutung bestreiten sowohl Auftraggeber als auch Auftragnehmer des Maastrichter Mammutprojekts, man bemüht sich, die Vorwürfe zu entkräften, obwohl der Fall eine Sache des Subunternehmers sei.

Außerdem habe man den Arbeitern freiwillig einen Anteil der Unterbringungskosten erstattet, sagt die Sprecherin. Aktuell droht dem Vorstand von Avenue 2 allerdings selbst ein Verfahren wegen Unregelmäßigkeiten bei der Erfassung von Arbeitszeiten.

Dem ehrgeizigen Projekt haben die Nebenkriegsschauplätze bislang nicht geschadet. Für die Maastrichter bedeute der „Grüne Läufer“ auch ein Stück Zusammenrücken, glaubt Désirée Florie. „Viele haben die breite Straße als Trennlinie empfunden. Tatsächlich war es an manchen Stellen aufwendig, von einem Viertel ins andere zu kommen.“ Auch in Maastricht kennt man einen in Deutschland bekannten Spruch aus der Wendezeit von 1989: „Die Mauer muss weg“, sagt Florie und lächelt, „der Zeitpunkt rückt näher.“

Mehr Infos im Internet:

www.a2maastricht.nl

Grafiken und Fotos: Harald Krömer

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