Maastricht University: Der internationale Klassenraum

Von: Axel Borrenkott
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Fragen, fragen, fragen: Die Ma
Fragen, fragen, fragen: Die Maastricht University - hier Studierende vor der Fakultät für Gesundheit und Medizin - ist vor allem für ihr Konzept des „problemgesteuerten Lernens” bekannt, das sehr viel Eigeninitiative fordert und fördert. Unterrichtssprache ist in fast allen Fächern englisch.

Maastricht. „City of Knowledge”, „Leading in Learning”, „Why Europe?”. Mit ziemlich beeindruckenden Broschüren kann man sich hier die Zeit vertreiben, während man auf the President wartet. Dabei sind wir beileibe nicht in Oxford oder Cambridge, sondern nur eine gute halbe Autostunde von Aachen entfernt in der Maastricht University.

Die nennt sich wirklich so und nicht mehr Universiteit. Durch und durch international, berühmt für ihr Lernkonzept, kein Problem mit „Bologna” - und beliebt bei deutschen Studenten wie keine andere Uni im Ausland. Und nun hat sie sogar einen deutschen Präsidenten. Martin Paul (53) ist der erste ausländische Leiter einer niederländischen Hochschule überhaupt.

In vielen Geschichten von kleinen und großen Karrieren kommt irgendwann der Anruf. Martin Paul erreichte der Anruf in Berlin vor drei Jahren von Jo Ritzen, dem damaligen Präsidenten der Maas-tricht University. Ob Paul nicht Dekan der Medizinischen Fakultät in Maastricht werden wolle? Allzu lange überlegen musste der damals 50-Jährige nicht.

In einer famosen Doppel-Karriere hatte Paul erreicht, was zu erreichen war. International renommiert als Pharmakologe und Spezialist für Kreislauferkrankungen, gleichzeitig hochgeschätzter Dekan und Vorstandsmitglied der Charité, zudem als Wissenschaftsmanager quer durch Europa vernetzt. „Ich war bereit für eine neue Herausforderung.” Auch solche Sätze gehören in die Geschichte von Karrieren. Die Charité und der Berliner Senat weinten Paul öffentlich Tränen nach, in Pauls Fußstapfen passte kaum jemand rein.

„Ich war eingenommen von der internationalen Perspektive in Maastricht”, sagt Paul heute. Selbst in einer Berliner Universität gehe es nun einmal letztlich „doch eher deutsch” zu.

Dass er aber einmal, und eigentlich recht bald, die Leitung der ganzen Uni an der Maas übernehmen würde, damit „habe ich wirklich nicht gerechnet”. Zumal die Präsidenten niederländischer Hochschulen in der Regel nicht aus den eigenen Reihen sondern von außen, aus der Wirtschaft oder Politik kommen. Wie eben sein Vorgänger Jo Ritzen, der zuvor niederländischer Bildungsminister war.

Seit Mai ist der gebürtige Saarländer nun also Präsident in Maastricht. „Breit getragen” werde seine Ernennung „innerhalb und außerhalb der Universität”, tat der Aufsichtsrat kund über die Wahl des „herausragenden Leiters mit großem strategischen und fachlichen Vermögen”, der zudem eine „Integrationsfigur für Mitarbeiter und Studenten” sei.

Martin Paul, ein Mann der gerne lacht, wirkt nicht so als würde er solches Lob für übertrieben halten. Er weiß offenkundig, was er kann, und dass er nicht dieses Amts bedürfte, um solche so einnehmende wie bestimmende Autorität auszustrahlen. Wer ihm schmeicheln wollte, würde seine Karten vermutlich nicht verbessern.

Ein Glücksfall also diese deutsch-niederländische Beziehung, soweit man das von außen und in der Kürze feststellen kann. Kritisches über die Verhältnisse an der Uni bezieht sich auch eher, fragt man deutsche Studenten, auf die gestiegenen Bustarife für Pendler und die ohnehin hohen Wohnungsmieten in Maastricht.

Nur etwa die Hälfte der rund 4500 deutschen Studenten kommt aus Nordrhein-Westfalen. Sie müssen an der Maastrichter Uni ebenso wie die Niederländer und andere EU-Bürger Gebühren von 1700 Euro pro Jahr zahlen. Das führt möglicherweise mit dem Wegfall der hiesigen Studiengebühren künftig zu einem gewissen Schwund an Studenten aus NRW.

Im Moment „verdünnt sich das deutsche Kontingent” ohnehin eher, berichtet Paul, wobei die Deutschen mit 30 Prozent nach wie vor und mit weitem Abstand die größte ausländische Gruppe sind. Sprunghaft gestiegen ist gerade der Anteil aus Großbritannien auf 500 Anmeldungen. Strategisch war das schon von Jo Ritzen gewünscht, hat jetzt aber wohl auch mit den radikalen Gebührensteigerungen in Großbritannien zu tun.

Dass, wi e man immer wieder einmal hört, die deutschen und die niederländischen Kommilitonen „eher nebeneinander herlaufen”, die Holländer in ihren Verbindungen unter sich bleiben und die Deutschen kein Niederländisch lernen, relativiert sich in den Worten von Paul so: „Das ist eher das typische Phänomen, wenn Studenten nicht am Ort wohnen, sondern hin- und herfahren. Die hier wohnen, lernen auch die Sprache.”

Die Uni-Zeitung hat kürzlich deutsche Studierende interviewt und dabei einen „überraschenden Integrationsgrad” zutage gefördert. Und die Klischees von den „deutschen Strebern und den holländischen Partytigern”, sei inzwischen auch mehr der „Nachhall” aus der Vergangenheit. Gleichwohl, ergänzt Paul, „wir wissen, dass wir noch mehr für die Integration tun müssen”.

Es liegt allerdings nahe, dass man sich als Deutscher ziemlich bewusst und motiviert für ein Studium in Maastricht entscheidet und eine internationale Laufbahn im Blick hat. Studiengänge wie European Studies, International Business und European Law sprechen für sich selbst - und natürlich für „Brüssel”.

In der Hauptstadt Europas gibt es längst mehrere Netzwerke von „Maastrichtern”. Paul: „Das ,Was kommt danach? ist bei uns vom ersten Studienjahr an Teil des Programms”. Dafür fährt man auch schon mal mit 500 Leuten im Zug nach Brüssel.

Mit Ausnahme in der Medizinischen Fakultät und der Fakultät für Psychologie ist die Unterrichts- und Verkehrssprache an der Maastricht University englisch. Auch in universitären Gremien übrigens, die grundsätzlich zur Hälfte mit Studenten besetzt sind. Nahezu die Hälfte der Studierenden und fast ein Drittel der Lehrenden stammen nicht aus Holland.

Fachliche und personelle Integration ist so strukturell für Maas-tricht wie die flachen Hierarchien. Auch der Professor hat nur einen Vornamen im „international classroom” von Maastricht. Den Begriff scheint Paul zu lieben.

Gemütlich ist es dabei keineswegs. Im ersten Jahr wird ausgesiebt, wer nicht mithalten kann. Und das problem-based-learning, das problemgesteuerte Lernen, auf das sich die Uni seit je so viel zugute hält, fordert ein erhebliches Maß an Selbstständigkeit und Fleiß. „Wir kriegen nicht viel gesagt”, formuliert eine deutsche Kommilitonin das simple, aber so effektive Prinzip: Für jeweils ein paar Wochen, eine Studienperiode, beschäftigt sich eine Gruppe von Studenten mit einem bestimmten wissenschaftlichen oder fachlichen Problem, das in ein paar Sätzen skizziert wird.

Die Studenten selbst entwickeln miteinander die relevanten Fragen („was weiß ich schon, was noch nicht?”), erarbeiten die Antworten sodann im Selbststudium und präsentieren am Ende das Ergebnis. Ein Tutor, nicht selten der Professor selbst, greift nur da ein, wo die Problemlösung in die Irre laufen könnte.

Das Ganze findet in Gruppen von nur jeweils zehn bis zwölf Studenten statt, ausnahmsweise können es auch einmal 14 sein. Das niederländische Hochschulfinanzierungs-System, das Zuwendungen für Forschung und Lehre komplett trennt, lässt solche aus deutscher Sicht beneidenswerten Betreuungsverhältnisse zu.

Maastricht rühmt sich auch, die höchsten Abschlussraten aller niederländischen Hochschulen zu haben - zwischen 90 und 95 Prozent - und dazu die niedrigste Quote von Studenten, die länger als die Regelstudienzeit brauchen.

Und der Bologna-Prozess, die Umstellung auf Bachelor und Master, „war hier im Vergleich zu Deutschland nie problematisch”. Das muss man zweimal hören: Der anhaltend größte Schlamassel des deutschen Hochschulwesens war nebenan einfach kein Problem?!

Paul nennt, unter anderem, einen schlichten Grund: Studenten in Holland schaffen mehr Stoff, weil sie deutlich weniger Ferien haben. Zehn Monate pro Jahr, aufgeteilt in fünf Perioden statt in zwei Semester, wird - an der Uni oder zuhause - studiert. „Das ist viel entspannter”, sagt Paul.

Verschult ist das Maastrichter Lernkonzept eben nicht. Im Gegenteil. Martin Paul: „Wir betrachten unsere Studenten als Partner. Wir wollen die Schule aus ihnen herausbringen. Die Leute sind, überwiegend jedenfalls, motiviert und kommen nicht hierher, um im Hörsaal den Mund zu halten, sondern endlich mal gefordert zu werden.” Und dann noch ein einfacher, schöner Satz: „Wir haben Respekt vor ihrem Wissen.”

Das würden sicherlich auch viele deutsche Professoren unterschreiben, nur hört man es selten. Immerhin, auf unsere Frage, was Maastricht besser mache, hatte der Rektor der RWTH, Ernst Schmachtenberg, kurz nach seinem Amtsantritt im Jahr 2008 gesagt: „Ich glaube, die lieben ihre Studenten mehr.” Das ist natürlich bei einer vergleichsweise überschaubaren Größe von knapp 15 000 und überwiegend zielorientierten Studenten auch etwas einfacher.

In Deutschland bekommt die Einsicht, die Lehre als gleichwertige Aufgabe neben der Forschung ernst zu nehmen bekanntlich gerade erst Struktur in Form von millionenschweren Förderprogrammen des Bundes, von denen auch die RWTH und FH Aachen profitieren. „Seit Wilhelm von Humboldt war in Sachen Lehre in Deutschland zu wenig passiert”, flachst Paul.

Maastricht hat da eher das Problem, seine in internationalen Rankings anerkannten forscherischen Leistungen, zumal in Medizin und Neurowissenschaften, bekannter zu machen - und zuhause überhaupt mehr wahrgenommen zu werden. Der gerade 35 Jahre jungen Hochschule ha ftet noch immer das Bild einer reinen Lehr-Stätte in Südlimburg an als die sie gegründet wurde und der sie auch ihr werbeträchtiges Image verdankt: Leading in Learning.

„Wir werden sicherlich nicht in zehn Jahren ein Harvard an der Maas sein”, sagte Martin Paul als er Präsident wurde. Doch wenn er es schaffe, dass man Maastricht in acht Jahren „national und international in einem ebenso außerordentlichen und positiven Licht” sehe wie das schon in Deutschland der Fall sei, „dann werde ich etwas erreicht haben”.

Na denn: succes ermee! in der Stadt des Wissens, der City of Knowledge on the Meuse.

Uni Maastricht: Sechs Fakultäten, 15.000 Studenten

Die Maastricht University (UM), durch und durch englischsprachig - mit Ausnahme der beiden Fakultäten für Medizin und für Psychologie - versteht sich als „mission driven university”, als eine von einer Mission getragene Hochschule in den großen Fragen von Lebensqualität, Europa und Globalisierung sowie „Learning and Innovation”.

Ihr besonderes Profil> charakterisiert die UM durch ihre internationale Ausrichtung, das Problem gesteuerte Lernen und einen „integrierten, interdisziplinären Ansatz in Ausbildung und Forschung”. Ein Studienjahr umfasst zehn Monate.

Fast die Hälfte der Studenten und 30 Prozent des akademischen Personals sind Ausländer („International Classroom”). Insgesamt beschäftigt die UM 3900 Mitarbeiter, davon 2171 Akademiker und 1719 in Verwaltung und Technik.

Die derzeit 14.500 Studierenden verteilen sich auf sechs Fakultäten: 1. Health, Medicine and Life Sciences (2010/11: 4084) , 2. Business and Economics (3945), 3. Law (2324), 4. Arts and Sciences (1749), 5. Psychology and Neuroscience (1550), 6. Humanities an Sciences (840).

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