Maankwartier: Die neue Visitenkarte von Heerlen

Von: Eckhard Hoog
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Weißes, wallendes Haar, eisgrauer Stoppelbart und immer lachende Augen: Der Künstler Michel Huisman hat einem Heerlener Stadtteil mit seinen Vorstellungen ein ganz neues Gesicht gegeben. Foto: Harald Krömer
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Direkt an den Bahngleisen: das Maankwartier im Heerlener Norden im Modell. Früher war das Bahnhofsviertel berüchtigt für seine Drogenszene und eine hässliche, heruntergekommene Bebauung. Jetzt ist es zur neuen Visitenkarte der Stadt geworden. Foto: Harald Krömer
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Einblick ins neue Viertel: Die geziegelten Gebäude sind mit einer grau-weißen Patina überzogen. Der Boden lässt an typisches, historisches Ziegel-Straßenpflaster denken, wie man es in Amsterdam und Umgebung findet. Foto: Harald Krömer
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Vermittelt ein gewisses südländisches Flair: der Platz im neuen Heerlener Maankwartier – dem ehemaligen Bahnhofsviertel. Foto: Harald Krömer
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Ausgeklügelt: Der Spiegel auf dem Turm lenkt das Licht durch eine wasserbedeckte Glasfläche ins Innere des Gebäudes – am Boden wird eine fabelhafte Farbwirkung erzeugt. Foto: Harald Krömer

Region. Ich bin selbst erstaunt, wenn ich hier stehe: Wer hat sich das alles ausgedacht?“ Michel Huisman lacht spitzbübisch und blickt sich um. Über ihm ragt ein Turm in die Höhe, gekrönt von einem seltsamen Spiegel. Den Platz umrahmen geziegelte Gebäude, überzogen mit einer grau-weißen Patina.

Bogenförmige Eingänge und Durchgänge ringsum vermitteln einen südländischen Eindruck. Der Boden ruft mit seinem Material irgendwie Erinnerungen wach an den letzten Urlaub in Nordholland – ist das nicht jenes typische, alte Ziegel-Straßenpflaster, wie man es in Amsterdam und Umgebung vorfindet? Allein: Wir befinden uns im Heerlener Norden – im alten Bahnhofsviertel. Wie hat sich dieser Stadtteil verändert – unfassbar!

Jahrzehntelang tummelten sich hier die Junkies, die ganze Gegend war berüchtigt für seine Drogenszene und eine hässliche, heruntergekommene Bebauung. Bunkerarchitektur von der grässlichsten Sorte beherrschte das ganze Viertel. Und das alles ausgerechnet dort, wo neun Millionen Zugreisende pro Jahr ihren allerersten Eindruck von Heerlen bekommen. Ein gruseliger Tunnel führte unter den Gleisen hindurch – der ist verschwunden. „Da ist schon mal jemand umgebracht worden“, sagt Huisman.

Nun verbindet eine 100 Meter lange Brückenplatte über dem Bahnhof den Nord- und Südteil des Maankwartiers – zu Deutsch Mondviertel. So heißt der ehemalige Schandfleck Heerlens heute – künftig die vom Grundriss her leicht halbmondförmige Visitenkarte der Stadt.

Nach drei Jahren Bauzeit ist ein Drittel des Gesamtkomplexes jetzt fertiggestellt – bei einem Investitionsvolumen von 200 Millionen Euro und einer Größe von 18 Fußballfeldern. 2019 soll der letzte Dachziegel eingepasst sein.

Ja – und wer hat sich das alles nun ausgedacht? Der stets überwiegend schwarz gekleidete Mann mit dem weißen, wallenden Haar, dem eisgrauen Stoppelbart und den immer lachenden Augen: Michel Huisman erzählt, wie er 2003 zu einer Handvoll Künstler gehörte, die von der Stadt eingeladen war, den Architektenentwurf für das Viertel mit einem Kunstwerk ein wenig aufzuhübschen.

Er bekam die Skizzen zu Gesicht – und war entsetzt. „Tausende Quadratmeter Trostlosigkeit!“ Kühl-modern und gesichtslos. Und Huisman legte los – mit einem Gegenentwurf. Das Unfassbare, geradezu Märchenhafte trat ein: Die Stadt warf den ursprünglichen Plan vollständig über den Haufen und nahm stattdessen den Seinen an.

Dann dauerte es aber doch noch fast zehn Jahre bis zum Baubeginn. Die Bahn stellte sich quer und beteiligte sich letztlich nicht mit einem einzigen Euro an dem Neubau des Bahnhofs. Es folgte ein Hin und Her der Diskussionen, wie sie heutzutage die Realisierung solcher Großprojekte überall fast immer begleiten. Schließlich überzeugte dann aber doch das Konzept.

Liebevoll gestaltete Details

Beim Rundgang durch das Maankwartier zeigt uns Huisman, wie sein Entwurf Wohnungen, Büros, Hotel, Bahnhof und Supermarkt in einem einzigen Komplex belebend integriert – und vor allem, wie liebevoll er jedes noch so kleine Detail gestaltet hat. Der neue Bushof ist bogenförmig mit einem Stahlgebilde überwölbt und dicht bewachsen von blühendem Blauregen – eine Augenweide. „Das wirkt wie ein Teil von einem alten Zoo“, erklärt Huisman.

Etwas seltsam wirken hier auf den ersten Blick die Lampen, die mit ihren aufragenden Stahlstiften am Ende des Glasschirms aussehen wie aufrecht stehende Spritzen. Junkiespritzen? Tatsächlich: Hier war der Künstler Huisman am Werk und erinnert damit auf seine Weise an die schlimme Zeit dieser Örtlichkeit. Das also meinte er damit, diesem Stadtteil Heerlens „ein Gesicht, ein Profil“ zu geben. Das ist sein Konzept: die entscheidenden Epochen der Geschichte Heerlens in die Architektur einzubeziehen – von den römischen Anfängen über das Mittelalter bis zum Industriezeitalter mit dem Bergbau und bis zur jüngsten Vergangenheit. „Das schafft Identität.“

Die „Haut“ der Ziegel – warum besteht sie aus dieser Patina? Huisman: „So sieht man nicht, wie alt die Gebäude sind. Es entsteht ein zeitloser Eindruck.“ Und die geziegelte Pflasterung? „Das sind 150 Jahre alte Steine, die wir in Amsterdam gekauft haben. Die Wirkung ist ein psychologischer Effekt.“ Vertraut soll die Umgebung wirken, alt und vertraut. Gegenüber dem Bürogebäude steht eine antike Telefonzelle: „Die stammt aus dem Jahr 1958. Wir haben sie von einem Campingplatz gekauft. Davon gibt es nur noch zwei in ganz Holland.“ Huisman amüsiert sich: „Die Kinder wissen heute überhaupt nicht mehr, was das ist und was man darin tut.“

Wir gehen über einen mit Sand belegten Platz – es ist das Dach des Supermarktes, der sich auf Parterre des ganzen Komplexes befindet: mit 6000 Quadratmeter Fläche. „Das ist einer der größten Supermärkte in ganz Holland.“ Bäume auf dem Dach, das als solches gar nicht zu erkennen ist, sondern wie eine südliche Piazza wirkt – wie funktioniert das? „Das war nicht billig“, erzählt Huisman. Jeder der Bäume hat 28 000 Euro gekostet, ist gut sechs Tonnen schwer und 40 Jahre alt. Eine spezielle Konstruktion im Boden sorgt nicht nur dafür, dass das Ganze hält: „Die Bewässerung der Bäume erfolgt computergesteuert.“ Alt und vertraut soll alles wirken, das ist auch hier der Zweck.

Identität stiften

Huisman macht auf die Ziegelpflasterung des Bodens aufmerksam: „Das Weiße zwischen den Steinen ist gemahlener Marmor.“ Der Effekt: Das Regenwasser durchdringt den Boden und wird gesammelt – zur Bewässerung der Bäume. „Das ist das dritte Projekt dieser Art in den Niederlanden.“

Der Künstler weist auf die Nummernschilder der Häuser – sie sind emailliert. Und ebenfalls kein neumodischer, kalter, „gesichtsloser“ Schnickschnack. Und selbst die Türgriffe der Wohnhäuser haben eine Geschichte: „Die Entwürfe stammen aus dem Jahr 1880 für die französische Bahn.“

Hohe Fenster wie aus alten Fabrikgebäuden erinnern an die industrielle Vergangenheit Heerlens. „Die Fenster waren unglaublich teuer.“ Identität stiften, ein Porträt schaffen – das ist das immer wiederkehrende Motiv selbst bei scheinbaren Kleinigkeiten der Architektur oder der Auswahl des Materials. Die Fensterbänke der Korridore bestehen aus Blaustein, der von weißen Kalkstreifen durchzogen ist. „Da steckt Millionen Jahre alte Geschichte drin.“

Bögen, Durchgänge, Loggias und piazzahafte Plätze – all das setzt Bezüge zur römischen Vergangenheit Heerlens, die verspringenden Fenster zu Fabrikarchitekturen – und Risse in den Fassaden erinnern an Bergbauschäden und damit eben auch an dieses spezielle Kapitel in der Geschichte der Stadt. Risse in den Mauern? Bereits jetzt, nach drei Jahren? Huisman grinst – tatsächlich: Hier ist wieder einmal der Künstler mit ihm durchgegangen. „Die Risse sind nur aufgemalt“, verrät er lachend.

Die Bergbauvergangenheit der Stadt wird indessen auch ganz praktisch genutzt: „Mit Wasser aus dem gefluteten Bergwerk unter dem ganzen Komplex: Das ist konstant 36 Grad warm. Darüber hat sogar schon mal die New York Times berichtet.“ Resultat für die Bewohner: „Sie bezahlen nur 75 Prozent des sonst üblichen Heizungspreises.“

Wie die Herrenhäuser aus den 20er Jahren

Große Überzeugungskraft, erzählt er, hat es ihn gekostet, die hohen Geschossdecken der rund 100 Wohnungen durchzusetzen. „Der Bauträger wollte sie 50 Zentimeter niedriger haben, dann hätte man eine Etage mehr bauen können.“ Huisman blieb stark und unerbittlich – so wirken die Wohnungen heute so gemütlich und vertraut wie die der Heerlener Herrenhäuser aus den 20er Jahren. Huisman gibt indessen gerne zu, dass mancher aus der Gilde der Architekten, die er mit seinem Entwurf ausgestochen hat, die Nase rümpft und das alles als „Kitsch“ empfindet. Doch das ficht den Künstler nicht an: „Hauptsache ist doch, dass man sich wohlfühlt.“

Das Wahrzeichen des Maankwartiers ist von fast allen Seiten gut sichtbar: der Turm – der Heliostaat, ein astronomischer Apparat, 1742 zum ersten Mal erwähnt von dem niederländischen Physiker Willem Jakob Gravesande. Der Turm trägt ganz oben einen Spiegel mit einem Durchmesser von 6,20 Metern. Eine ausgeklügelte Mechanik steuert ihn so Richtung Sonne, dass deren Licht durch das Innere des Turms zunächst durch eine wasserbedeckte Glasfläche bis zum Boden des Parkhauskellers dringt. Mit einer fabelhaften Farbwirkung am Boden. Allerdings müsste die Glasfläche dringend einmal gereinigt werden – nicht alles ist bis ins Kleinste planbar...

Den größten Batzen der Investition stemmte die kapitalkräftige Heerlener Wohnungsbaustiftung Woningstichting Weller. Deren Direktor, Jack Gorgels, war von Anfang an Huismans größter Unterstützer. Ein Idealist mit Geld im Kreuz – beste Voraussetzung, um Visionen wirklich werden zu lassen.

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