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LVR-Industriemuseum: Wie am letzten Arbeitstag

Von: Martin Thull
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In der Spinnerei: Diese Maschine läuft im LVR-Museum in Kuchenheim jetzt für interessierte Besucher. Foto: LVR/Helmut Dahmen
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Die alte Tuchfabrik Müller in Euskirchen-Kuchenheim: Heute kann man dort viel lernen.
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Vorbereitung für den Webvorgang: So entsteht ein Stoff.

Region. Das Ende eines Produktionsprozesses ist selten ein Glücksfall, schon gar nicht für die Beschäftigten, die ihren Arbeitsplatz verlieren. Als der Euskirchener Tuchfabrikant Kurt Müller 1961 seine Tuchfabrik im Ortsteil Kuchenheim schließen muss, sieht es nicht danach aus, dass hier je wieder hochwertige Stoffe gewebt würden.

Aber er selbst hat die Hoffnung noch nicht aufgegeben, dass er nach einer gewissen Pause die Maschinen wieder anwerfen und seinen damals etwa 20 Arbeitern wieder Lohn geben könnte. Doch dies blieb aus, die Maschinen fielen in einen Dornröschenschlaf, weil alles so fortbestand, wie es verlassen wurde. Und so entstand der Glücksfall, dass die Maschinen bis heute in den großen Hallen stehen und Besuchern zeigen können, wie aus Wolle zunächst ein Faden und dann ein Tuch entsteht.

Ein ungewöhnliches Museum ist so entstanden: Der Schauplatz Euskirchen des LVR-Industriemuseums. Denn an der Wand hängt noch der Abreißkalender mit dem Datum des Tages, als die Maschinen der Fabrik stehenblieben und die Tore geschlossen wurden. An der Tür der Färberei erkennt man noch heute die Kreideschrift für das Rezept einer Färbelösung. Zigarettenschachteln, ein alter Kaffeepott, haufenweise handgeschriebene Zettel. Alle Dinge vermitteln den Eindruck des letzten Arbeitstags.

Dass ein Museum eine Zeitreise bietet, die Besucher mit der Vergangenheit konfrontiert und sie mit ihren Wurzeln bekannt macht, ist nichts Außergewöhnliches. Sehr wohl aber, wenn die alten, geradezu altertümlichen Maschinen sich wie von unbekannter Hand gelenkt in Betrieb setzen und produzieren wie vor 60 oder 70 Jahren, das ist ungewöhnlich. So ungewöhnlich, dass es kein vergleichbares Museum in Europa gibt, dass dauerhaft und regelmäßig die alten Maschinen pflegt und in Gang setzt – um den Besuchern zu vermitteln, wie arbeitsintensiv die Herstellung hochwertigen Tuchs war. Und Artikel aus den heute produzierten Tuchen – Taschen, Jacken oder Decken – kann der Besucher im Museumsshop kaufen.

Mächtige Krempelmaschinen kämmen Wolle, filigrane Spinnmaschinen formen einen feinen Garnfaden. Die Webschützen sausen hin und her. Aus loser Wolle wird feines Tuch gefertigt. Und wenn die alten Webstühle wieder losstampfen, dann bekommt der Besucher einen Eindruck, unter welchen harten Bedingungen jahrhundertelang Tuch hergestellt wurde. Dabei ist es in der Weberei in erster Linie laut. In anderen Fertigungsbereichen stank es nach den Chemikalien der Farbe, Dampfwolken zogen durch die Räume, wenn die Wolle gewaschen wurde, es war heiß und feucht – keine idealen Arbeitsbedingungen.

Und dann kommt man zu den Disteln. Auf schmalen Brettern aufgereiht Disteln aus Südfrankreich, deren feine kleine Stacheln auf Walzen das Tuch aufrauten. Aber nicht in zerstörerischer Absicht, sondern um es an der Oberfläche weicher zu machen. Und der staunende Besucher erfährt, dass dies auch heute noch mit diesem Naturmaterial geschieht, weil alle anderen Versuche, Distelstacheln mit Metall oder Kunststoff „nachzubauen“, keine befriedigenden Ergebnisse zeigten. Disteln aus Südfrankreich, Merinowolle aus Südafrika oder Australien – frühe Zeichen einer Globalisierung, die der 1894 gegründeten Tuchfabrik Müller am Ende den Garaus machte. Filme, kleine Installationen und Modelle unterstützen das Erlebnis der Fabrikwelt und erzählen von der Arbeit, vom faszinierenden Mechanismus der Transmission mit ihren zahllosen Rädern und Rädchen. Kurze Auszüge aus Interviews mit den ehemaligen Beschäftigten lassen deren Erfahrungen und Gefühle wieder lebendig werden. 1988 übernahm das LVR-Industriemuseum die ehemalige Tuchfabrik Müller. Den Fachleuten bot sich dabei ein Anblick, der Herausforderungen versprach: kaputte Dächer, rostende Maschinen, Spinnweben, Efeu und der Staub von Jahrzehnten.

Dampfmaschine in Betrieb

Der einzigartige Gesamteindruck von Gebäuden, Maschinen und vielen tausend Inventarteilen sollte nach der Übernahme durch den Museumsbetrieb keine Beeinträchtigung erfahren. Trotzdem mussten die Gebäude für die modernen Anforderungen eines Museums hergerichtet werden. So gibt es beispielsweise behindertengerechte Zugänge. Sensibel und liebevoll restauriert präsentiert sich die Tuchfabrik heute wieder im „gepflegten Gebrauchszustand“ den Besucherinnen und Besuchern und fasziniert durch ihre authentische Atmosphäre. An einer der Maschinen zeigt allerdings eine moderne künstlerische Installation von Tom Aust geschnitzte Hände, die beispielsweise eine Ölkanne halten. Sie sollen aufzeigen, was die Maschine alleine leistete und an welcher Stelle der Eingriff des Menschen unausweichlich war.

Jeden zweiten Sonntag im Monat läuft von 13.30 bis 16.30 Uhr die Dampfmaschine – ein faszinierendes Erlebnis für Jung und Alt. An „Dampfsonntagen“ findet zudem um 14.30 Uhr eine Kinder- und Familienführung durch die Tuchfabrik statt. Der Lärm der Maschinen sowie der Geruch von Wollfett und Maschinenöl versetzt dabei große wie kleine Besucher in Erstaunen und macht den Museumsbesuch zu einem besonderen Erlebnis.

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