Lutherjahr 2017: Pfarrer Bentzin kümmert sich um die Planungen

Von: Sabine Rother
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Das Reformationsjubiläum wird 2017 in den Kirchenkreisen der Region vielfältig gefeiert: Unter dem Motto „Gottes Wort. Läuft.“ findet zum Beispiel vom 1. auf den 2. Juli 2017 die lange Jugendnacht in Monschau (unser Bild) statt. Foto: Peter Stollenwerk
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Der Monschauer Pfarrer Jens-Peter Bentzin: „Ich stehe Gemeinden und Einzelpersonen mit Rat und Tat zur Verfügung.“ Foto: Ralf Roeger

Aachen. Das Lutherjahr 2017 ist angelaufen. Am 31. Oktober 1517 – vor 500 Jahren – hat Martin Luther seine 95 Thesen gegen den Ablasshandel ans Portal der Schlosskirche in Wittenberg genagelt – der Beginn der Reformation. Was ist geblieben?

Wo gab es im Laufe der Jahrhunderte Veränderungen oder sogar Korrekturen? In einer bisher einmalige Allianz haben sich die Kirchenkreise Aachen, Jülich, Krefeld-Viersen und Gladbach-Neuss zusammengeschlossen, um dem historischen Datum mit gegenwärtigen Gedanken und Einblicken auf möglichst vielen Ebenen zu begegnen.

Pfarrer Jens-Peter Bentzin aus Monschau leitet zusammen mit seiner Kollegin Friederike Lambrich aus Meerbusch die Steuerungsgruppe des Reformationsjubiläums in der Region. Über 300 Veranstaltungen wird es im Westen in der Evangelischen Kirche im Rheinland geben; Begegnungen, Projekte, Diskussionen. Wir sprachen mit Bentzin über dieses besondere Jahr.

Wo liegt für Sie der Sinn dieses Reformationsjubiläums, bei dem es ja nicht nur um die Person Martin Luther gehen kann.

Bentzin: Es ist das erste Reformationsjubiläum, das wir zusammen mit anderen christlichen Kirchen feiern. 1917 wäre das unmöglich gewesen. Der erste Weltkrieg tobte, da war dafür kein Raum. Wir sollten uns bewusst machen, wozu es uns als christliche Gemeinden überhaupt gibt, nicht nur als evangelische Kirche, auch als katholische und orthodoxe Kirche oder als freikirchliche Gemeinschaft. Inzwischen gibt es revolutionäre Erkenntnisfortschritte in der evangelischen und in der römisch-katholischen Theologie. Diese Ideen gehören nicht wie museale, antike Stücke in die Vitrine, sie sind hochaktuell.

Und Martin Luther? Wie sehen Sie die Persönlichkeit des Reformators?

Bentzin: Reformation ist mehr als Martin Luther. Dieses Bewusstsein unterscheidet uns sicherlich auch von vielem, was sonst in Deutschland zum Jubiläum passiert. Es geht nicht um ein Heldengedenken, dazu eignet sich Luther nicht. Er hatte viel Energie, aber er pflegte auch eine große Polemik und eine verletzende Art über Gegner zu sprechen. Sein Antijudaismus war ein theologischer Irrtum, eine Erkenntnis des 20. Jahrhunderts.

Das gemeinsame Motto der vier Kirchenkreise ist ein Zitat aus Jesaja, Kapitel 55, und lautet „Gottes Wort kehrt nicht wieder leer zu ihm zurück“. Das ist doch etwas sperrig.

Bentzin: Reformation ist sperrig. Medienexperten würden den Kopf schütteln. Aber wir wollen damit zum Nachdenken anregen. Wir gehen in die Welt ein mit unseren Taten, aber wir gehen nicht auf in der Welt.

Was möchten die Kirchenkreise mit dem Angebot zum Jubiläum erreichen?

Bentzin: Wir hoffen, dass durch unser vielfältiges Programm Menschen noch mal neu erkennen, wie schön es ist, den Gott der Bibel kennenzulernen. Das Jubiläum ist eine große Chance für uns, das zu vermitteln.

Gab es Vorschläge, die Sie in der Geschäftsführung aus irgendeinem Grund abgelehnt haben?

Bentzin: Im Prinzip nein. Wogegen wir uns erfolgreich gewehrt haben, war in vorbereitenden Diskussionen der Gedanke, das alles ,rein evangelisch‘ zu machen, uns als evangelische Kirche mal auf den Sockel zu stellen. Theoretisch wäre das ja auch möglich gewesen.

Müssen die Gemeinden eigentlich eine Erlaubnis der Geschäftsführung haben, wenn sie etwas veranstalten wollen?

Bentzin: Nein, und von vielen Veranstaltungen wissen wir nicht mal etwas. Ich denke sogar, es sind weit mehr, als ich schätze. Aber da sind wir wieder bei der Reformation. Der Gedanke der Freiheit ist ein wichtiger Begriff. Es wäre völlig verrückt, bei einem Reformationsjubiläum von oben nach unten zu regieren. Es gehört zu den Prinzipien von evangelischer Kirche, dass sie sich von unten nach oben organisiert. Was die Menschen an dieser Reformation interessiert, das ist entscheidend. Initiativen vor Ort sind echte Schätze.

Wie definieren Sie denn dann Ihre Rolle in der Organisation dieses Reformationsjubiläums?

Bentzin: Ich bin nicht der Chef vom Reformationsjubiläum. Ich bin in der Geschäftsführung der Steuerungsgruppe der vier Kirchenkreise und hier im Kirchenkreis Aachen der Beauftragte. Ich stehe Gemeinden oder Einzelpersonen mit Rat und Tat zur Verfügung, zum Beispiel wenn es gilt, einen Referenten zu finden. Oder wenn es grundsätzlich darum geht, Veranstaltungen zu finanzieren.

Wie viel Geld kann man denn überhaupt für das Jubiläum ausgeben?

Bentzin: Der Kirchenkreis Aachen hat schon 2014 erhebliche Mittel im Hinblick auf 2017 bewilligt, insgesamt 90 000 Euro, die auf drei Jahre verteilt wurden. Die Kreissynode hat nun nochmals 32 500 Euro dazugegeben.

Welche Projekte in der Region beeindrucken Sie ganz besonders?

Bentzin: Es wird am 24. Juni einen ökumenischen Kirchentag in Aachen geben. Ein großer Jugendgottesdienst und eine Jugendnacht vom 1. auf den 2. Juli sollen in Monschau stattfinden. Auch Christen anderer Konfessionen machen mit. Originell ist eine Idee des Jugendreferats, das einen alten Wartburg gekauft haben und ihn mit Jugendlichen fit machen wird. Danach macht sich die Gruppe auf den Weg durch die Kirchenkreise und wirbt für das Jubiläum. Jede Gelegenheit ist gut, Glauben öffentlich zu machen, buchstäblich auf den Marktplatz zu bringen.

Was sagen Sie über spielerische Erzeugnissen zum Reformationsjubiläum wie dem kleinen Playmobil-Luther?

Bentzin: Sowas ist gut. Ich erlebe, dass dieser Luther Schwellenangst nimmt. Wir sind mit der großen Werbefigur durch Aachen gezogen, wurden angesprochen und fotografiert. Viele Menschen wussten überhaupt nichts von 500 Jahren Reformation und fragten nach, wollten mehr wissen. Darüber kann man sich nur freuen.

Verharmlost das Püppchen nicht die Person Luthers?

Bentzin: Es stellt nicht den höchsten Bildungsanspruch, aber ich sehe auch die andere Seite. Die Leute lesen die beigelegte knappe Information, der man einiges zur Reformation entnehmen kann. Das Thema ist schwierig, hier wird es locker erklärt. Intendiert war Volkstümlichkeit. Der kleine Luther bedient das.

Wie zeichnet sich die Geschichte der Reformation im Bereich der vier Kirchenkreise mit sehr viel Grenznähe ab?

Bentzin: Die Regionalisierung ist einer der Grundpfeiler unseres hiesigen Jubiläums. Wir haben eine gemeinsame europäische Reformationsgeschichte, die sich in Aachen ablesen lässt. Im 16. Jahrhundert hat Aachen etliche tausend Glaubensflüchtlinge unter anderem aus der Wallonie und Flandern aufgenommen. Da können wir uns fragen, wie wir heute mit Asyl und Abschiebung umgehen.

Sie werden bei einer Studientagung lokale und regionale Aspekte der Reformationsgeschichte eingehen. Ging es in der Region hoch her?

Bentzin: Natürlich kam der Zeitpunkt, da durfte kein evangelischer Gottesdienst mehr stattfinden. Es gab Unruhen, aber zudem viele interessante Ansätze, man schaute nicht nur auf Trennendes sondern auch auf Verbindendes.

Das Programm zum Jubiläum will regionale Persönlichkeiten ins Bewusstsein bringen, die nicht zur Reformationsprominenz gehören. Wen gibt es da?

Bentzin: Zum Beispiel Thomas von Imbroich. Er war ein Drucker aus Imgenbroich, der Kontakt zu ,Täufern‘ hatte, das war eine etwas schillernde Bewegung in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts, Menschen, die sich stark zu den Ideen der Reformation bekannten. Er war ein Nonkonformist mit sehr eigenen Gedanken. In Köln, wo er sich den Mennoniten angeschlossen hatte, wurde er inhaftiert, gefoltert und als er nicht abschwören wollte, enthauptet. Oder Maria von Monschau. Eine Bürgersfrau die 1552 in der Rur ertränkt wurde, weil sie der Reformation treu blieb.

Woher kommen die Informationen.

Bentzin: Anlässlich des Reformationsjubiläums hat man sich für weniger beachtete Quellen interessiert, die noch niemand ausgewertet hat. Die Gemeinden entdecken Neues in ihrer eigenen Geschichte.

Sehen Sie Parallelen zu unserer Gegenwart?

Bentzin: Auch heute ist es manchmal nicht ohne Risiko, eine Überzeugung zu haben und zu seinem Glauben zu stehen – wenn man sich etwa in der Flüchtlingshilfe engagiert.

Sehen Sie etwas, das bei diesem Reformationsjubiläum bundesweit von Bedeutung ist?

Bentzin: Die Tatsache, dass der 31. Oktober 2017 nicht nur ein kirchlicher sondern diesmal gleichzeitig ein staatlicher Feiertag ist. Reformation ist eben nicht nur für die Kirche von Bedeutung sondern auch für unser Gemeinwesen als Ganzes.

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