Ludwig Schaffraths Atelier: Als wäre er nur kurz weg

Von: Beatrix Oprée
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„Er wollte leben und arbeiten“, sagt seine Tochter Ursula Schaffrath-Busch: Bis unmittelbar vor seinem Tod war Ludwig Schaffrath voller Schaffensdrang. Bild oben: eine sandgestrahlte Scheibe ohne Titel.
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Aus dem Zyklus „Schwanengesang“: Dieses Fenster widmete Ludwig Schaffrath dem spanischen Architekten Antoni Gaudí. „Eine Hommage“, wie seine Tochter Ursula Schaffrath-Busch sagt. Der untypischen Farbkombination wegen. (Ausschnitt)
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Das Bild zeigt ein Mosaik ohne Titel. Foto: Beatrix Oprée
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Die Rollleiter steht noch immer einsatzbereit davor: An dieser Wand in seinem Atelier entwickelte Ludwig Schaffrath auf Papierbögen die großformatigen Entwürfe für seine Fenster und Mosaiken.
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Mit Kreide auf Papierbögen - so entwickelte Ludwig Schaffrath die großformatigen Entwürfe für seine Fenster und Mosaiken.
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Zarte Farbgebung: Musterscheiben für die 32 Fenster im Kreuzgang des Aachener Doms (entstanden 1962 bis 1965) sind auf der Gartenseite des Schaffrath-Hauses zu sehen.
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Der Besucher wird vom Spätwerk in Empfang genommen: An der Eingangstreppe sind drei „Schwanengesänge“ aufgestellt – (links) „Kuu-samo“ in Erinnerung an Ludwig Schaffraths Kriegszeit in Finnland, (Mitte) für Anton Wendling, einen seiner Lehrer, und (rechts) „Paar“. Foto: Beatrix Oprée
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Ausschnitt: Eine sandgestrahlte Scheibe ohne Titel.
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Ausdrucksstark: Ursula Schaffrath-Busch mit einem der Skizzenbücher ihres Vaters.

Region. Er kommt jeden Moment wieder zurück, so scheint es. Geht zum Fenster und nimmt eines der vielen bunten Glasmuster in Augenschein, die sorgsam sortiert vor der Panoramascheibe seines Ateliers aufgereiht stehen. Sein Blick wird vielleicht auch in den weitläufigen Garten schweifen, den er so liebte und in seiner Urwüchsigkeit gewähren ließ.

Einsatzbereit wartet die Rollleiter vor der Wand, an der er auf riesigen Papierbögen seine Entwürfe zu entwickeln pflegte. Ein präzise nach Farben geordneter Kreidekasten steht noch auf dem Zeichentisch, eine ganze Reihe Gläser voller Pinsel, Stifte und einiger Krimskrams auf der Fensterbank.

„Den kompletten Fensterbereich haben wir abfotografiert“, erklärt Ursula Schaffrath-Busch lächelnd. Um alles einmal wegräumen, putzen und in liebevoller Kleinarbeit wieder genau so aufstellen zu können, wie es der Vater hinterlassen hatte: Ludwig Schaffrath, der Glasmaler, Bildhauer, Maler und Zeichner aus Alsdorf, der mit seiner Kunst weltweites Renommee genoss. Dessen Schaffensdrang unermüdlich war. Der selbst zur Dialyse, auf die er die letzten drei Jahre seines Lebens angewiesen war, niemals ohne Skizzenbuch ging – über 50 dieser Bücher sind heute in seinem Atelier, dem Schaffrath-Haus, archiviert.

Fünf Tage vor seinem Tod hat Ludwig Schaffrath noch eigenhändig den Mittelpunkt der Barbara-Kapelle abgesteckt, die heute vor dem Energeticon auf dem ehemaligen Alsdorfer Zechengelände steht. Ein schlichter, komplett mit Erdreich bedeckter Duckelbau voller Symbolkraft, den er auch im Gedenken an die Opfer des großen Grubenunglücks von 1930 entworfen hatte und dessen Einsegnung er so gerne noch erlebt hätte. Im Jahr 2007 hatte er den ersten Entwurf für diese Kapelle vorgelegt, in der auch auf Wunsch des Vereins Bergbaumuseum Grube Anna II die Skulptur der heiligen Barbara eine neue Heimat finden sollte. Jener Schutzpatronin, die bis zur Schließung der Zeche zuletzt auf der 860-Meter-Sohle die einfahrenden Bergleute begrüßt hatte. 400 Gäste erlebten die Einweihung des durch viele Spenden errichteten Bauwerks am 16. August 2014. Ludwig Schaffrath war nicht unter ihnen, er war dreieinhalb Jahre zuvor, am 6. Februar 2011, im Alter von 86 Jahren gestorben.

Kunst für die Öffentlichkeit war das Anliegen des „Guru of Glass“, wie ihn die amerikanische Presse einmal taufte. Fenster und Ausstattungen unzähliger Kirchen in der Region, in ganz Deutschland, auf der ganzen Welt zeugen davon. Lehrtätigkeiten führten ihn nach Großbritannien, in die USA, nach Australien und nach Japan, wo er unter anderem das 55 Quadratmeter große Fenster des Shinkansen-Bahnhofs in Omiya nahe Tokio hinterließ. Acht Jahre, bis 1993, war er Professor an der Staatlichen Akademie der Bildenden Künste in Stuttgart gewesen. Danach nur noch freischaffend in seinem markanten Haus an der Theodor-Seipp-Straße in Alsdorf tätig.

Sein umfangreiches Lebenswerk zu bewahren, hat sich ein Förderverein zur Aufgabe gemacht, der sich 2013 gründete. Seither hat sich viel getan in den vier Wänden, die der Künstler einst für sich und seine Familie bauen ließ. Renate Rinkens, Vorstandsmitglied des Alsdorfer Kunstvereins, dem auch Schaffrath angehörte, hat den Gebäudekomplex erworben und den Wohnbereich selbst bezogen. Der mit einem separaten Eingang versehene Atelierteil ist unterdessen zur Stätte der Erinnerung an einen der ganz Großen auf dem Sektor der Glasmalerei geworden. Und zur wunderbaren Bühne für andere Künstler.

Die aktuelle Ausstellung zeigt die ganze Bandbreite des künstlerischen Schaffens von Ludwig Schaffrath. Mancher mag erstaunt sein, hier auch die eine oder andere Aktzeichnung aus der Hand des Meisters zu entdecken, den die breite Öffentlichkeit im Wesentlichen als Gestalter kirchlicher Kunst schätzen gelernt hat. Hand- und Linoldrucke aus den 40er Jahren kann der Besucher in Augenschein nehmen, dazu Batiken und Hinterglasmalereien im Stil eines Picasso. Die Werke aus den 50ern, in denen Schaffrath sich verstärkt säkularen Sujets widmete, lassen allmählich auch seinen ganz eigenen amorphen Stil erkennen. Geprägt vom Bergbau – aber auch von Schnittmusterbögen, mit denen er als Kind in der Schneiderwerkstatt seiner Mutter gespielt hatte, wie Ursula Schaffrath-Busch erzählt: „Und von Bauplänen meines Großvaters, der eigentlich Baumeister werden wollte.“ Eine Neigung, die Sohn Ludwig offenkundig erbte. Schaffrath-Busch: „Mein Vater war in der Lage, einen Raum zu erleben. Er hat sich in seinem Schaffen stets der Architektur angepasst, er wusste immer sofort, was gestalterisch zu tun war.“

So hat er in den 60er und 70er Jahren, einer Hochzeit des Kirchenbaus im vergangenen Jahrhundert, mitunter großen Einfluss auf Gebäudegestaltungen genommen. Die heutige Grabeskirche St. Josef in Aachen, in der auch er seine letzte Ruhe fand, hatte Ludwig Schaffrath nahezu komplett ausgestattet. „Selbst die Priestergewänder und das Altartuch hat er entworfen“, erinnert sich Ursula Schaffrath-Busch. Für die von ihm gestaltete Eschweiler Krankenhauskapelle hat er sogar den Teppichboden mit ausgesucht.

Es sind diese Geschichten aus dem Nähkästchen, mit denen die Tochter den Vater bei den regelmäßigen Führungen durch das Schaffrath-Haus wieder lebendig werden lässt.

Gerne berichtet sie zum Beispiel, wie die ganze Familie eingebunden wurde in die künstlerischen Schaffensprozesse. Oft für ganz profane handwerkliche Tätigkeiten wie das Halten eines Nagels, um den der Künstler die Schnur führte, wenn er auf seinen 1:1-Entwürfen exakte Kreise ziehen wollte. Hilfe war immer auch nötig, wenn die riesigen Papierbögen verschoben werden mussten, oder wenn es galt, eine Reihe von Linien exakt parallel zueinander zu zeichnen. „Und mein Bruder musste Steine für die Mosaikarbeiten schneiden.“ Oft hat Ursula Schaffrath-Busch ihren Vater begleitet, in die Werkstätten oder wenn Fenster eingebaut, Kirchen eingeweiht, Ausstellungen aufgebaut wurden.

„Er hat eigentlich immer gearbeitet, die Familie hat gar nicht so viel von ihm gehabt“, berichtet die Tochter, die heute in Viersen lebt. Selbst während der sommerlichen Urlaube an der Nordsee gesellte sich der Vater allenfalls am Wochenende dazu.

Es war der Preis, den der gefragte Künstler für seinen Hang zum Perfektionismus zahlte. „Er war besessen davon, dass alles hundertprozentig ist“, sagt Schaffrath-Busch. So kontrollierte und kümmerte er sich stets um alles selbst – die Farben, die Materialien, die Zuschnitte. „Erst in den 90ern wussten alle, mit denen er zusammenarbeitete, genau, was er wollte. Erst da kehrten größere Ruhephasen ein.“ Ab da wurden auch seine Werke harmonischer, fanden organische Formen und Kreise Eingang in sein Gestaltungsspiel.

Und eine neue Schaffensphase begann: Als ihn die Krankheit einholte, 1991 bereits hatte er die erste Niere verloren, wurde Ludwig Schaffrath wieder zum Kämpfer. 2004 begann er mit seinem „Schwanengesang“, großformatig-hohen Fenstern, die er besonderen Menschen, Gefühlen und Situationen in seinem Leben widmete. In der griechischen Mythologie heißt es, dass Schwäne kurz vor ihrem Tod noch einen wehmütigen, aber wunderschönen Gesang anstimmen. „Die gesundheitlichen Prognosen waren damals schon schlecht“, erinnert sich die Tochter. „Aber mein Vater wollte leben – und arbeiten.“ Und wusste dennoch genau, dass der Tod nicht mehr fern war. Mindestens sieben bis acht der Fenster wollte er noch schaffen, so hatte er sich, schon stark von der Krankheit gezeichnet, zum Ziel gesetzt. Ganze 30 sind es schließlich geworden, für den letzten Entwurf allerdings hat er nur noch das Glas aussuchen können, das fertige Werk hat er nicht mehr gesehen.

Die drei ersten Bilder wurden vom Smithsonian Museum in Chicago gekauft. Gerade in den USA hat Schaffrath großen Einfluss auf die Glasmalerei genommen, sprach man in den 1970er Jahren in Fachkreisen gar von der „Schaffrathisation of Stained Glass“. „Doch dann hat er den Verkauf gestoppt“, sagt Schaffrath-Busch. Denn der Schwanengesang sollte zusammengehalten werden. Das Schaffrathhaus bietet nun den würdigen Rahmen auch für diese letzte Werkreihe des großen Künstlers.

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