Maastricht/Valkenburg - „Loverboy-Affäre“: Freier sollen ins Gefängnis

„Loverboy-Affäre“: Freier sollen ins Gefängnis

Von: Leah Hautermans
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Die Innenstadt von Valkenburg, wo die 16-Jährige aufgefunden wurde. Foto: Archiv

Maastricht/Valkenburg. Leere Anklagebänke und eine volle Pressetribüne zeichnen den Prozess um die Valkenburger „Loverboy-Affäre“ in Maastricht aus. Die emotionale Aussage des Opfers, die der Anwalt der Familie des Mädchens vorliest, können die Angeklagten nicht hören.

Der Großteil der 29 Verdächtigen in der Affäre erscheinen nicht vor Gericht, sie lassen sich nur von ihren Anwälten vertreten. Aus Scham, Angst vor den Medien, Angst vor dem öffentlichen Pranger. Drei Männer jedoch sind vor dem Richter erschienen, ihren Mut belohnt die Staatsanwaltschaft mit einer Strafverringerung.

Das minderjährige Mädchen hatte in einem Hotel in Valkenburg Sex mit Dutzenden Männern, ein 21-jähriger, bereits verurteilter Mann hatte sie dort prostituiert. Mitte Oktober stürmte die Polizei das Hotelzimmer und verhaftete den Mann. In ihrer Opferaussage wird die Verzweiflung der 16-Jährigen deutlich. Sie befindet sich noch immer in einer geschlossenen Hilfseinrichtung.

Wo sie noch immer nicht ganz begreift, was mit ihr im letzten Jahr passiert ist. Sie weiß nur, dass sie ihre Freiheit vermisst und sich Sorgen macht. Um ihre Eltern, die ihr Gespartes für die Suche nach ihrer Tochter ausgeben mussten, und über ihre eigene Zukunft. Wie es für sie weitergehen kann, und ob sie, nach allem, was passiert ist, noch einen netten Jungen finden kann. Die Frage dominiert ihre Gedanken: Wer will mich jetzt noch?

Der Prozess um die 29 Männer, die verdächtigt werden mit dem 16-jährigen Mädchen in einem Hotel in Valkenburg sexuelle Handlungen verübt zu haben, begann am vergangenen Donnerstag. Am ersten Verhandlungstag wurden sechs Männer aufgerufen, die allesamt Zuhause geblieben sind. Es werden lediglich Nachnamen und Alter genannt, die Adressen werden in der öffentlichen Verhandlung verschwiegen. Detailreich werden dafür die sexuellen Handlungen besprochen, die die Angeklagten mit der Minderjährigen ausgeübt haben.

Der Anwalt Ivo van de Bergh vertritt 19 Verdächtige. Er verteidigt die Entscheidung seiner Klienten, nicht vor Gericht aufzutreten. Es habe nichts damit zu tun, dass seine Klienten keine Verantwortung für ihr Handeln übernehmen würden, vielmehr würden andere Faktoren - das große öffentliche Interesse, die Konsequenzen für die Familien und die Arbeitsplätze - hineinspielen. Doch durch ihr Nicht-Erscheinen verlieren sie auch den Vorteil, den die eigenen Schilderung der Ereignisse ihnen eingebracht hätte.

Die Anwälte der Verdächtigen fordern lediglich „Arbeitsstrafen“ für ihre Klienten. Sie hätten nicht gewusst, dass das Mädchen minderjährig sei, sie hätten auf Anzeigen auf legalen Sex-Websites reagiert, auf denen sich das Mädchen als 18-jährige „Kimberly“ ausgab. Auch bei den Treffen habe sie sich als Erwachsene gegeben. 

Für einen 48-jährigen Mann, der sich von der 16-Jährigen ohne Kondom oral befriedigen ließ, wurden zwölf Monate mit vier Monaten auf Bewährung gefordert. Die Härte seiner Strafe begründete die Staatsanwaltschaft mit dem Gesundheitsrisiko, dem er das Mädchen mit seiner Forderung ausgesetzt hatte. Die längste Zeit im Gefängnis soll ein 49-jähriger Mann verbringen, der zunächst abgestritten hatte, das Mädchen überhaupt besucht zu haben. Für ihn wurde ein Jahr Gefängnis gefordert.

Die Schwere der Strafen wurde nicht nur von der Art der sexuellen Handlung bestimmt, sie war auch abhängig vom Alter der Verdächtigen. Das reicht von Männern in den Zwanzigern, die noch bei ihren Müttern wohnen, bis hin zu Männern in den Fünfzigern, die Familie und eine Karriere gemacht haben. Der jüngste Angeklagte ist 23 Jahre alt. Sein gefordertes Strafmaß fiel am geringsten aus - sechs Monate Gefängnis, vier davon auf Bewährung. Die Begründung: Jemand, der selbst noch jugendlich ist, weise nicht die Lebensweisheit auf, die die Älteren haben müssten. Auch wer Reue zeigte, bekam eine Strafmilderung.

Der erste Verdächtige, der sich freiwillig dem Gericht stellt, war ein 40-Jähriger. Er ist selbstständig und ledig, braucht also keine Angst zu haben, seinen Job zu verlieren oder eine Beziehung zu ruinieren. Er berichtet, das Mädchen im Apartment in Valkenburg in einer „häuslichen Umgebung“ angetroffen zu haben. Der zu zwei Jahren verurteilte 21-Jährige Loverboy war ebenfalls anwesend. Das Mädchen habe erzählt, mit ihrer Prostitution die Renovierung der gemeinsamen Wohnung finanzieren zu wollen. Er bezahlte sie mit 50 Euro.

Der 40-Jährige zeigt viel Reue, er entschuldigt sich, schämt sich seiner Dummheit, auf die Täuschung hereingefallen zu sein. Er hatte „Kimberly“ auf 21 geschätzt. Sein Erscheinen vor Gericht und seine Reue verkürzen sein Strafmaß um zwei Monate - statt zehn Monate werden acht gefordert, davon vier auf Bewährung. Die an dem Verhandlungstag Abwesenden bekommen diese Strafmilderung nicht.

Ein 25-Jähriger ist der zweite, der sich persönlich vor den Richter stellt. Doch tut er es nicht freiwillig. Er wurde dringend gebeten, vor Gericht zu erscheinen, da seine Aussage viele Fragen aufwarf. Seine bizarre Version der Geschehnisse: Er habe eine eigenartige Nachricht auf seinem Handy erhalten, ein Freund sei in Not, er solle sich bei einem Hotel in Valkenburg melden.

Als er dort angekommen war, sei er von zwei Männern ausgezogen worden, die ihm sein Geld abnahmen. Einer der Beiden habe ihm gesagt, er könne mit seiner Freundin Sex haben, dann hätten sie ihm ein Kondom übergestreift. Er hätte im Schockzustand das Hotel verlassen und keine Frau gesehen. Im Gerichtssaal gibt er dann schnell zu, gelogen zu haben.

Auf diese Lüge folgt der Vermutung der Staatsanwaltschaft nach eine weitere - der 21-Jährige habe ihn in das Hotel locken wollen, doch der 25-Jährige habe dabei kein gutes Gefühl gehabt und sei nach Hause gegangen. Sein Lügennetz mache seine Aussagen unglaubwürdig, für die Staatsanwaltschaft ist die Sache klar. Sie verlangt ein Jahr Gefängnis, ohne Bewährung. Der Anwalt des Angeklagten ist überrascht - er forderte Freispruch. Schließlich sei keine Rede von sexuellem Verkehr gewesen.

Auch der 22. Verdächtige erscheint freiwillig persönlich vor Gericht. Der 22-Jährige war dreimal bei der Minderjährigen und hatte bezahlten Sex mit ihr. Er verschweigt auch nicht die weite Bandbreite an sexuellen Handlungen, die er mit ihr ausübte. Seine Aussage bringt die Staatsanwaltschaft ins Grübeln; eine angemessene Strafe für ihn zu finden, ist schwierig. Er zeigt sich verantwortlich und zeigt Reue, doch hat er die 16-Jährige drei Mal besucht. Sie verlangen schließlich acht Monate, mit vier auf Bewährung, für ihn.

Zwei Verdächtige hatten sich in den letzten Monaten das Leben genommen.

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