Literarischer Detektiv mit Instinkt für alles Neue

Von: Sabine Rother
Letzte Aktualisierung:
13171166.jpg
Stefan Wieczoreks Prinzip als Literaturkenner: „Eine Übersetzung darf dem Buch nicht hinterherlaufen.“ Bei den Niederländern schätzt er den Realismus, bei den Flamen den Sinn fürs Absurde. Foto: Harald Krömer
13171125.jpg
Immer wieder dem Gehalt der Sprache auf der Spur: für Übersetzter Stefan Wieczorek ein großes Abenteuer. Foto: Harald Krömer

Region. Tulpen, Windmühlen, Holzschuhe? Wenn Stefan Wieczorek ein Literaturprojekt plant, in dem die Niederlande und Flandern eine Rolle spielen, werden diese Holland-Klassiker ausgeblendet. „Es ist eher selten, dass eine Geschichte am Meer spielt”, sagt der 45-Jährige, der in Aachen lebt und arbeitet – aber nicht nur dort.

Die Niederlande und Flandern sind in diesem Jahr gemeinsam Ehrengäste der Frankfurter Buchmesse. Stefan Wieczorek wird dort sein – als Autor, Moderator, Übersetzer, Entertainer im gläsernen Übersetzerbüro, als Kontaktknüpfer und literarischer Detektiv, mit Instinkt für alles Neues für Prosa und Poesie, die bewegen und aufhorchen lassen.

Der Mann, der virtuos für Netzwerke sorgt, damit Autoren, Verlage, Geldgeber und Leser zusammenfinden, knüpft damit an das Jahr 1993 an, als die Niederlande und Flandern erstmals Gäste der Frankfurter Buchmesse waren. Nicht nur Namen wie Harry Mulisch, Connie Palmen, Anna Enquist, Leon de Winter, Adriaan van Dis und Cees Nooteboom – eine ganze Autorengeneration wurde damals ins literarische Licht gerückt, Autoren, die bis heute international geschätzt und gelesen werden.

„In der Literaturkritik gab es den Ruf nach mehr Welthaltigkeit, also die Rückkehr zum Erzählen“, sagt Wieczorek. „Das haben diese Länder bedient. Inzwischen ist das Erzählen ja in die gesamte Literatur zurückgekehrt.“ Heute, 23 Jahre später, will Stefan Wieczorek wissen, ob das noch klappt mit der Welthaltigkeit in der Literatur. Er nennt es „gesellschaftliche Relevanz“. „Literatur denkt in Geschichten, registriert und reflektiert gesellschaftliche Veränderungen, das ist mein Anspruch an sie.“

Im pünktlich zur Buchmesse erschienenen Band 263 „die horen“, der Zeitschrift für Literatur, Kunst und Kritik, mit dem Titel „Bojen & Leuchtfeuer: Neue Texte aus Flandern und den Niederlanden“ hat Stefan Wieczorek als Herausgeber Antworten auf diese Frage zusammengetragen. Ob Prosa, Lyrik, Essay, Interview oder „Graphic Poems“ (grafisch umgesetzte Gedichten), in allen Beiträgen wird man auf der Suche nach Welthaltigkeit und gesellschaftlichen Themen fündig. Es geht um Herausforderungen wie Migration, rechte Strömungen, Terror, die Angst vor Alter, Krankheit, Alleinsein, das neue Selbstbild und auch um das Deutschlandbild. Vor zwei Jahren starteten die Vorbereitungen zum „die horen“-Projekt. Das Thema Terror und die Angst vor Extremisten hat sich in dieser Zeit deutlich verschärft.

Niederlande und Flandern – wie unterscheiden sie sich literarisch? Flämische Autoren entsprechen, so der Experte, häufig nicht den erzählerischen Normen, wie sie für die Niederländer typisch sind: Realismus, klare Erzählstrukturen, Alltagssprache, eine Geschichte, der alles andere untergeordnet wird. Wieczorek: „Die Flamen haben einen feinen Sinn fürs Absurde. Als staatliches Gebilde leben sie in einer Dauerimprovisation. Sie werden in den Niederlanden zwar häufig verlegt, aber im Grunde nicht wahrgenommen. Die Flamen haben sogar Angst, dass sie von den Niederländern literarisch kolonialisiert werden.“ Literarisch geht es in der flämischen Literatur experimenteller zu, Wieczorek empfindet sie als reichhaltiger, zugespitzter. Poesie findet bei den Flamen und den Niederländern öffentlicher statt als hierzulande, es gibt Poesiefestivals, Lesungen in der Straßenbahn oder in Blumenbeete „gepflanzte“ Texte.

In den Niederlanden ist der Familienroman zurzeit ein großes Thema, Kolonialgeschichte und Literatur von Migranten. Ein ungewöhnliches Projekt das Wieczorek fasziniert: „Das einsame Begräbnis“, ein Buch, erwachsen aus der Tatsache, dass Menschen beigesetzt werden, die keiner auf dem letzten Weg begleitet, nur der Mitarbeiter des Beerdigungsinstituts und vielleicht jemand von der Stadt. Autoren in Antwerpen und Amsterdam haben sich überlegt, dass niemand ohne letzten Gruß gehen sollte. Sie haben über Verstorbene Informationen gesammelt, versucht, sich in deren Leben umzusehen und dann etwas geschrieben, einen Text, ein Gedicht, die am Grab gelesen wurden – es entstand ein erstaunliches Buch.

Stefan Wieczorek, der Literatur-Scout – Studienfach Niederländisch? Nein. Der Mann, der allein in diesem Jahr für sieben Neuerscheinungen verantwortlich ist, hat ursprünglich Neuere Deutsche Literatur, Komparatistik und Soziologie studiert. In Utrecht konnte er durch ein Stipendium der Erasmus-Stiftung den Master absolvieren. Von Utrecht hat er die Sprache, das tiefe Gefühl für die niederländischen Autoren und einen wunderbaren 2,20 Meter langen Holztisch mitgebracht, auf dem nun neben dem Computer Manuskripte, Fachbücher und Buchfahnen liegen.

Nach Aachen und an die RWTH kam er auf der Suche nach einem Doktorvater. Seine Kompetenz neben der Sprache: Er weiß, wie Literatur funktioniert, erkennt Sprachebenen. Wie definiert er die Herausforderung des Übersetzens? „Ich bediene ein Paradoxon, ich bin Gast und Gastgeber zugleich, Gast im anderen Text, aber sobald ich damit beginne, diesen Text in Deutsch zu schreiben, bin ich der Gastgeber.“

Ein gutes Beispiel

In 16 Aachener Jahren hat sich sein Blick auf die Literatur, aber auch auf das eigene Berufsbild stabilisiert. Der Band „Bojen & Leuchtfeuer“ ist ein gutes Beispiel für Wieczoreks Arbeitsstil. Er ist kein Übersetzer im stillen Kämmerlein, seine Leidenschaft ist das Literaturmanagement. Wieczorek realisiert am liebsten literarische Projekte. „Ich stelle mir einen Kreis von Autoren zu einem Thema zusammen, nehme Kontakt mit ihnen auf“, erläutert Wieczorek, der sich um die Finanzen kümmert, Stiftungen anspricht, Rechte klärt, Verlage sucht. Wann ist ein Buch für ihn interessant? „Es muss mein Weltbild minimal verändern.“ Bücher wie „Eine Handvoll Sekunden“ von Peter Verhelst, in dem es um die Zeit einer Bewusstlosigkeit durch einem Unfall geht, oder die Italiensehnsucht in Ilja Leonhard Pfeijffers „Das schönste Mädchen von Genua“ und das Kannibalismus-Thema in Yves Petrys „In Paradisum“ tun das.

Der Projektentwickler hat keine Scheu, vor Menschen zu reden. Da reizt ihn der Disput beim „Übersetzer-Slam“ der Buchmesse oder am 28. Oktober (19 Uhr) ein Abend im Aachener August-Pieper-Haus (Leonhardstraße), wo er mit Buchhändler Markus Kriener Neuerscheinungen diskutiert. Wie kommt es, dass Stefan Wieczorek, geboren in Koblenz, mit der niederländischen Sprache arbeitet und lebt? „Ich habe mich das auch gefragt“, gesteht er. Und bei Recherchen zur Familienhistorie entdeckte er den Urgroßvater, der perfekt Niederländisch sprach – ein Flussschiffer auf dem Rhein zwischen Deutschland und den Niederlanden. Vielleicht sogar der Anfang einer neuen Geschichte.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert