Lindner: „Erst in die Bütt, dann in den Bundestag“

Von: Robert Esser
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Schlagfertig: FDP-Chef Christian Lindner nimmt nicht nur seine Partei aufs Korn. Foto: Michael Jaspers

Düsseldorf/Aachen. Als FDP-Chef beweist der Mann Humor. Am Samstag, 15. Februar, kürt der Aachener Karnevalsverein (AKV) Christian Lindner zum 64. Ordensritter wider den tierischen Ernst (ARD-Sendung am Montag, 17. Februar, 21.15 Uhr). Im Interview mit unserer Zeitung spricht Lindner über Quoten, Rothäute und den neuen Job Philipp Röslers.

Lästermäuler behaupten, AKV und FDP hätten mehr Gemeinsamkeiten, als beiden lieb sein darf. Ahnen Sie, welche das sein könnten?

Lindner: (lacht) Ich sehe vor allem eine positive Gemeinsamkeit. Der AKV hatte mal eine schwere Zeit, hat sich dann da herausgearbeitet und steht jetzt wieder blendend da. Das will ich mir gerne zum Vorbild nehmen. Auch für die FDP.

Clever geantwortet, beide Quoten sind abgerutscht. Den einen fehlen TV-Zuschauer, den anderen Wählerstimmen. Aber das wird sich mit einem Ordensritter Christian Lindner ändern, oder?

Lindner: Es wird jedenfalls ein tolles Programm geboten. Wo sonst finden Sie einen Grünen, der auf einen Gelben eine Laudatio hält? Da hat der AKV Humor bewiesen.

Humor im Amt haben Sie ja schon bewiesen; braucht man ja als Liberaler; und Sie waren schon mehrfach Gast bei der Ordenssitzung wider den tierischen Ernst. Was fasziniert Sie daran?

Lindner: Mir gefällt der karnevalistische Frohsinn in Kombination mit politischem Hintersinn. In Aachen nehmen wir Politiker uns selbst auf den Arm. Für eine Berufsgruppe, die sich ansonsten selbst auf die Schulter klopft, ist das schon eine besondere Erfahrung – eben wider den tierischen Ernst.

Sie haben im Vorfeld gesagt, dass Sie sich auf der Bühne nicht zum Affen machen werden; das passt ja auch irgendwie gar nicht...

Lindner: ...weil ich doch Ritter Bambi bin!

Genau. So wurden Sie als 21-jähriger und jüngster Landtagsabgeordneter von Jürgen Möllemann getauft. Wie kam‘s dazu?

Lindner: Das war jedenfalls keine Auszeichnung. Eigentlich wollte ich mich damals um die Hochschulpolitik kümmern. Jürgen Möllemann meinte aber, als jüngstem Abgeordneten stünden mir, dem Bambi, die Kindergärten näher. So kam‘s dann auch erstmal...

Bambi ist aber jetzt nicht mehr 21, sondern stattliche 35 Jahre alt. Quasi ein junger Hirsch, der kann auch mal kräftig jemanden auf die Hörner nehmen; gerade im Narrenkäfig. Teilen Sie heftig aus? Oder bleiben Sie handzahm?

Lindner: Ich werde schon ein paar Worte über populäre und auch populistische Persönlichkeiten des politischen Geschäfts verlieren. Aber ich werde auch über die FDP sprechen, denn trotz schwieriger Zeiten haben wir den Humor nicht verloren.

Die Laudatio hält das „vegetarische Krokodil“ Cem Özdemir, Grünen-Chef und Vorjahresritter. Ist Bambi leichte Beute?

Lindner: Ich kann vielleicht so manchen Ball von ihm volley retournieren. Ich bin gespannt, was er sich einfallen lässt. Wie gesagt: Es ist eine besondere Kombination. Vielleicht wächst mit ihm ja etwas Neues zusammen...

Vielleicht fahren Sie mit ihm mal auf Safari nach Namibia – ein Abenteuer, das Sie ja tatsächlich mal mit Ihrem besten Freund erlebt haben.

Lindner: Das stimmt. Afrika hat mich sehr fasziniert. Und die Safari war auch eine Bewährungsprobe für unsere Freundschaft – jeden tag zehn Stunden zu zweit in einem Auto, da muss man sich schon gut leiden können.

Zurück nach Europa: Bei der AKV-Festsitzung will EU-Kommissar Günther Oettinger eine launige Rede halten. Hoffentlich nicht auf Englisch. Gehört er zu den Kandidaten, die Sie streichen würden? Die FDP möchte die Zahl der Kommissare ja um ein Drittel reduzieren…

Lindner: Diesen Posten sicher nicht. Denn wir brauchen eine gemeinsame, europäische Energiepolitik. Die Stromnetze kennen keine Grenzen. Da macht es auch keinen Sinn, den Strommarkt nationale regeln zu wollen. Das macht unsere Energieversorgung nur unsicherer und teurer. Ich wundere mich, dass Sigmar Gabriel eine stärkere Europäisierung der Energiepolitik als Gefahr sieht. Ich sage: Weniger deutsche Planwirtschaft, dafür mehr europäische Marktwirtschaft! Das wäre für Stromverbraucher und die Indus­trie von Vorteil.

Marktwirtschaft, die den Fleißigen und nicht den Findigen zugute kommt.

Lindner: Exakt. Die FDP will die Menschen vor finanzieller Überforderung und staatlicher Bürokratisierung schützen. Manche haben uns als Vertreter einer profitorientierten Ellbogengesellschaft gesehen. Das sind wir aber nicht. Wir wollen die Märkte eben nicht sich selbst zu überlassen, sondern durch rechtsstaatliche Regeln ordnen. Wenn Regeln fehlen, haben wir eine Verformung der Marktwirtschaft. Dann werden Banken so groß, dass sie letztlich vom Steuerzahler gerettet werden müssen. Und das ist das Gegenteil der Idee von Ludwig Erhard und Otto Graf Lambsdorff. Handel und Haften müssen wieder zusammengeführt werden!

Welche EU-Kommissare müssen denn nun weg?

Lindner: Die EU hat keine Kompetenzen für Gesundheit und Kultur. Das gehört allein in die Hände der Mitgliedsländer und deren Bürger.

Der Name Lambsdorff taucht am Samstag bei der Festsitzung auch auf: Ihr Spitzenkandidat zur Europawahl, Alexander Graf Lambsdorff, sitzt im Publikum. FDP-Rebell Wolfgang Kubicki ist da, sogar Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher. Taugt der Karneval als politische Bühne? Nach dem Motto: Wenn schon nicht im Bundestag, dann eben in der Bütt…

Lindner: (lacht) Ich freue mich, wenn viele Kollegen da sind – auch aus den anderen Parteien. Und ich freue mich, wenn wir alle einen schönen Abend haben. Aber glauben Sie mir: Ich will nicht auf Dauer die Bütt mit dem Bundestag tauschen. 2017 ist die FDP wieder dabei – auch außerhalb der närrischen Session.

Welche politischen Entscheidungen in Berlin halten Sie für einen Witz, seitdem die FDP im Bundestag nicht mehr mitspielen darf?

Lindner: Leider bleibt mir seitdem oft das Lachen im Halse stecken. Zum Beispiel, wenn ich sehe, wie Deutschland unter Schwarz-Rot seinen Stabilitätskurs verlässt. Hier wird der Wohlstand unseres Landes leichtfertig aufs Spiel gesetzt. Selbst vor der Rentenkasse macht die neue Regierung nicht Halt; das geht zu Lasten der jungen Generationen und unser aller Zukunft. Während wir anderen europäischen Ländern eine solidere Finanzpolitik anraten, zieht sich die große Koalition Spendierhosen an. Dabei sind die längst aus der Mode.

Suchen Sie vor Ihrem AKV-Auftritt Rat bei Ex-Außenministern? 1979 wurde Genscher Ritter….

Lindner: In dem Jahr wurde ich geboren! Klar, habe ich mit ihm gesprochen. Ich habe mir seine Rede, aber auch viele andere auf Youtube angeguckt. Meine Erkenntnis ist: Die besten Reden sind authentische Reden.

Was ist mit Guido Westerwelle, Ritter 2001? Mal gesehen?

Lindner: Habe ich mir auch angeschaut. Ich werde aber meinen eigenen Weg finden.

Wenn Sie der 64. Ordensritter des Aachener Karnevalsvereins geworden sind, muss Ihr Wikipedia-Eintrag überarbeitet werden. Wer übernimmt das? Philipp Rösler hätte wohl gerade Zeit…

Lindner: (lacht) Wikipedia ist ein Schlachtfeld. Ich erinnere mich, dass da einmal stand: „Über Christian Lindners Religionszugehörigkeit liegen unterschiedliche Angaben vor.“ Dann wollten meine Mitarbeiter das korrigieren und schrieben: „katholisch getauft, gehört der Kirche nicht mehr an“. Dann kam folgende Nachricht zurück: „Christian Lindner ist für die Religionszugehörigkeit von Christian Lindner keine objektive Quelle.“ Noch Fragen?

Ja. Was macht denn Rösler jetzt?

Lindner: Er hat eine Aufgabe beim Weltwirtschaftsforum, und dafür wünsche ich ihm alles Gute.

Was steht nach dem Wochenende in Aachen an?

Lindner: Naja; anders als Ordensbruder Jürgen Rüttgers will ich die AKV-Auszeichnung ja nicht als Würdigung meines Lebenswerks auffassen. Ab Montag wird weiter am Wiedererstarken der FDP gearbeitet.

Wo landen dann Orden und AKV-Narrenkappe?

Lindner: Zu Hause; an einem Ehrenplatz in meinem Büro, um mich – wenn‘s mal wieder allzu dicke kommt – zu mahnen, nicht alles so tierisch ernst zu nehmen.

Schließen wir eine Wette ab? Der AKV scheitert am Montag, 21.15 Uhr, knapp an der Quote von 5 Millionen Zuschauern; die FDP kommt bei den nächsten Wahlen nicht über 5 Prozent. Halten Sie dagegen?

Lindner: (lacht) Sie sind wohl ein Science-Fiction-Fan! Ich bin sicher, AKV und FDP räumen tolle Quoten ab. Zumal die FDP das karnevalistische Grundverständnis im Wahlprogramm hat: Jeder Jeck ist anders. Der Liberalismus feiert nicht nur im Narrenkäfig, sondern auch im Parlament – und damit meine ich nicht Aachen sondern Berlin – sein Comeback. Das verspreche ich Ihnen und allen Lästermäulern.

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