Limburger Hightech für die Tour de France

Von: Günter H. Jekubzik
Letzte Aktualisierung:
12549528.jpg
Im Wind: Vergangenen April eröffnete im „Flanders Bike Valley“ bei Hasselt ein großer neuer Windkanal speziell für Fahrräder.
12549529.jpg
Neue Messtechniken arbeiten mit Laserstrahlen Foto: Jekubzik
12549535.jpg
Die Wunderfaser: Eine niederländische Chemiefirma entdeckte bereits 1964 die extrem reißfeste Faser Dyneema. Doch erst jetzt macht die Bekleidungsindustrie sich diese Faser zunutze Foto: Jekubzik

Sittard. Der Tourstart in Düsseldorf 2017 ist noch fern, gerade zieht die Tour de France in ihrer Heimat die große Runde. Dabei sind wie immer die Rennfahrer der beliebten Sport-Region Limburg. Tom Dumoulin aus Maastricht gewann am Sonntag eine historische Bergetappe im heftigen Hagel.

Noch 2015 musste Tom Dumoulin im weißen Trikot des besten Jungfahrers nach einem Sturz die Tour beenden. Wenigstens seinen Hintern hat ihm dabei eine alte Erfindung von DSM (Dutch State Mine) im Niederländischen Sittard geschützt. Das größte Chemie-Unternehmen der Niederlande entdeckte 1964 zufällig die extrem reißfeste Faser Dyneema.

Jahrelang lag sie in den Schubladen, der Entdecker musste heimlich die Weiterentwicklung vorantreiben. Mittlerweile steckt Dyneema in besonders leichten kugelsicheren Westen, in schnittfesten Handschuhen und sogar in Schutzkleidung für Waldarbeiter. Denn selbst eine Kettensäge bleibt sofort stehen, wenn sie Dyneema-Fäden ins Getriebe bekommt.

Seit 2015 verstärkt DSM damit die dünnen Radhosen vom deutschen Profi-Team Giant Alpecin. Die Fahrer um Sprinter John Degenkolb waren so zufrieden, dass seit dieser Tour de France auch die Trikots Dyneema-Elemente im bei Stürzen gerne blutig aufgescheuerten Schulterbereich enthalten.

Auf dem Consumer-Markt ist DSM selbst nicht vertreten, der wird etablierten Firmen überlassen. Sturzfestere Jeans für Motorradfahrer gibt es beispielsweise von Levis, die schützende Radler-Bekleidung in der neuesten, weiterentwickelten Version soll im Hochpreis-Sektor vom spanischen Hersteller Exteondo angeboten werden.

Bevor Tony Martin vergangenen Freitag als Favorit in das Einzelzeitfahren in die 13. Etappe von Bourg-Saint-Andéol nach La Caverne du Pont-d‘Arc ging – und am Ende doch nur Neunter wurde –, hatte er vorher viele Stunden im Windkanal verbracht.

Zur Optimierung seiner eigenen aerodynamischen Haltung, aber auch als Dummy aus Styropor im „Flanders Bike Valley“ von Beringen, das bei Hasselt auf der belgischen Seite Limburgs liegt. Seit April dieses Jahres ist dort ein eindrucksvoller Windkanal speziell für den Radsport installiert. Da neueste Messtechniken mit Laser arbeiten, die für Menschen recht unbekömmlich sind, muss Martins Puppe als Double herhalten.

So wird am Luftwiderstand der Räder gefeilt, die Aerodynamik sogar so auf den Sprint angepasst, damit der Fahrer hinter dem Führenden maximal Windschatten abbekommt oder mehr treten muss. Der riesige Windtunnel für Geschwindigkeiten über 100 Kilometer pro Stunde ist Teil des „Bike Valley“ von Beringen.

Hier soll ein Silicon Valley des Radfahrens entstehen, aktuell sind mehr als 50 Unternehmen dabei, der Radhersteller Ridley und der Helmproduzent Lazer ebenso wie eine Filiale des Bekleidungslieferanten Bioracer. Durch Vernetzung sollen Entwicklungszeiten extrem verkürzt werden. Der Spitzensport ist ebenso vertreten wie Hightech-Entwicklungen und europäisch geförderte Radwegenetze.

Der Maastrichter Bäcker Frank van Eerd ist begeisterter Verfechter natürlicher Ernährung, traditioneller Getreidesorten und regionaler Lebensmittel. Damit überzeugte er das niederländische Team von Lotto Jumbo, für das er während der Tour de France das komplette Catering macht und Leckereien in die Verpflegungsbeutel stopft.

Auch das belgische Lotto Soudal-Team von Andre Greipel gehört zu seinen Kunden, und beim letzten Amstel-Gold-Rennen im April saßen dann auch noch die Rennfahrer vom kasachischen Astana-Team in Frank van Eerds historischem Café „De Bischopsmolen“.

Müsli-Riegel ohne Zucker, kleine Brötchen, die sich als eine Art nach innen gestülpter Kirschfladen entpuppen, und die Abwesenheit künstlicher Zusatzstoffe scheinen die Kilometer- und Kalorien-Vielfresser zu überzeugen. Mittlerweile kennt Frank van Eerd, der aus einer Jahrhunderte alten Bäcker- und Müller-Familie stammt, genau die Vorlieben der Radstars und Schwerarbeiter. Er weiß zudem ganz genau, wer vor den Bergen auf Ballaststoffe verzichtet und wer einfach nur Haferflocken essen will.

Auch das ist eine Wissenschaft für sich, die sich hinter bescheidener Fassade in der Rad-Provinz Limburg versteckt.

Leserkommentare

Leserkommentare (0)

Sie schreiben unter dem Namen:



Diskutieren Sie mit!

Damit Sie Artikel kommentieren können, müssen Sie sich einmalig registrieren — bereits registrierte Leser müssen zum Schreiben eines Kommentars eingeloggt sein. Beachten Sie unsere Diskussionsregeln, die Netiquette.

Homepage aktualisiert

Finden Sie jetzt neue aktuelle Informationen auf unserer Startseite

Wieder zur Homepage

Die Homepage wurde aktualisiert