Namur - Liebenswerte Lebensart: Namur zum Genießen

Liebenswerte Lebensart: Namur zum Genießen

Von: Rolf Minderjahn
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Das belgische Lyon an der Maas: ein Blick auf Namur – und ein Einblick ins gemütliche Zentrum. Foto: Rolf Minderjahn
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Das belgische Lyon an der Maas: ein Blick auf Namur – und ein Einblick ins gemütliche Zentrum. Fotos (3): Rolf Minderjahn Foto: Rolf Minderjahn
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In der Festung: Hier werden seit 1990 feine Düfte kreiert. Foto: Rolf Minderjahn

Namur. Namur, die sanfte und harmonische Hauptstadt der Wallonie, 115 Kilometer von Aachen entfernt, ist hierzulande eher eine schöne Unbekannte. Die sehr sehenswerte Stadt an der Maas mit nur 110.000 Einwohnern könnte man mit vielen Titeln schmücken. Manche bezeichnen Namur liebevoll als das belgische Lyon. Hier ist allerdings alles eine Nummer kleiner.

Man sagt auch, dass in Namur noch ein Touch genussreicher gelebt wird, als es in der Wallonie gemeinhin schon üblich ist. Vielleicht liegt das an den hervorragenden lokalen Spezialitäten wie Käse, Senf, Schnecken, edlen Produkten von Entenfleisch, Konfitüren, Confiserie, Spezial- und Abteibieren, Karamellbonbons (Biétrumé) und neuerdings wieder Weinen von den Hängen des Maastals. Vielleicht hat auch die Eigenschaft der Schnecke, die die Langsamkeit der Namuroiser Ureinwohner symbolisiert, ihren Anteil daran.

Man findet die „p’tits-gris namurois“, wie man hier die Schnecken nennt, auf vielen Speisekarten der Restaurants und Brasserien in der Stadt. Es lohnt sich auch, eines der regionalen Biere zu kosten wie das Blanche de Namur (Weißbier), ein Maredsous, ein Floreffe (beides Abteibiere), ein Gauloise oder ein Trappiste aus Rochefort. Und als Dessert schmecken die Erdbeeren von Wépion in der Saison besonders gut.

In Namur bedeutet gehobene Gastronomie kein steifes Zeremoniell. Sie verleiht dem Alltag die gewisse Würze und Lebensfreude. Hier feiert man mit volkstümlichem und wallonischem Esprit. „Viv Nameur po tot“ – es leben die Namurois, die Bonvivants. Namur ist ein Glücksfall für Genießer, aber auch für Flaneure. Letztere können eine Besichtigung der Stadt, die architektonisch und auch kulturell ebenso viel zu bieten hat, ganz oben beginnen – auf der mächtigen Zitadelle auf dem Hügel Champeau.

Die Silhouette Namurs im Schatten der mächtigen Festungsanlagen über dem Zusammenfluss von Maas und Sambre könnte die Schöpfung eines Bildhauers sein. Ab dem 16. Jahrhundert wuchs Namur zur bedeutenden militärischen Bastion und zur größten Festungsstadt Europas. Viele Zerstörungen zogen einen umfangreichen Wiederaufbau im 18. Jahrhundert nach sich, den das heutige Stadtbild wiedergibt. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde sie als Hauptstadt der Wallonie eine prosperierende Stadt voller Kultur, Geschichte und moderner Elemente.

In der Zitadelle

Die Zitadelle war seit ihrer Erbauung stets vom Militär genutzt, bis 1978. Seitdem ist sie dem Tourismus vorbehalten. Besichtigt werden können die unterirdischen Gänge (sieben Kilometer) und verschiedene Ausstellungsräume der Artillerie. Neu ist das touristische Informationszentrum Terra Nova in der ehemaligen Kaserne. Es zeigt anhand der Geschichte von Namur und seiner Zitadelle 2000 Jahre europäische Stadt- und Militärgeschichte.

Die Festung zu durchstreifen, offenbart so manche Entdeckung. Vor allem, wenn man an der Schwelle zum Showroom einer Parfüm-Manufaktur ins Staunen gerät. Hier ist seit 1990 das Refugium von Guy Delforge, dem Schöpfer feiner Essenzen aus Namur. Er hat die alte Offiziersmesse restauriert. Die Parfüms entstehen und reifen in den ehemaligen Kasematten der Zitadelle aus dem 16. Jahrhundert, die man auf einem Rundgang besichtigen kann.

Wer fit genug ist, kann den Weg auf die Festung zu Fuß beschreiten. Bis auf den höchsten Punkt führt aber auch eine Straße (mit Pkw oder aber mit dem Shuttlebus von Namur Zentrum aus). In jedem Fall wird man von der Terrasse des Lokals „Le Panorama“ mit einem fantastischen Fernblick bis weit hinunter ins Maastal Richtung Wépion belohnt.

Unten in der Altstadt brummt es derweil auf den meist autofreien Plätzen. Die Place Marché aux Légumes ist ein Treffpunkt der Jugend. Café reiht sich an Café, Terrasse an Terrasse. In den Gassen ringsum schicke Läden, kleine Restaurants und Bistrots. Frankophones Urlaubsflair umgibt den Besucher, man riecht es förmlich. Es duftet um die Essenszeit, die hier länger geht als anderswo, herrlich aromatisch aus den Küchen und guten Stuben.

Auf der Place d’Armes richtet sich der Belfried Namurs hinter dem Gebäude der Börse auf, gekrönt von einem Campanile mit Zwiebelspitze. Der einst bedeutendste Wehrturm der dritten Stadtmauer erhielt erst 1746 seine Bestimmung zum Glockenturm. Einige Schritte weiter eröffnet sich das Théâtre Royale aus dem 19. Jahrhundert. Seinen Charme bestimmen vor allem das neo-klassische Eingangsportal, das Foyer und der blendend schöne Innenraum mit dem imposanten Kuppelgemälde.

Von hier aus erreicht man in wenigen Minuten das Archäologische Museum auf der Rue du Pont, direkt an der Sambre. Es ist in der ehemaligen Fleischhalle, einem Gebäude im Stil der Maas-Renaissance, untergebracht. Von dort erblickt man auf einem Spaziergang entlang der Rue des Brasseurs wieder die Festung. Gegen Ende der Straße geht es rechts ab in die Rue Fumal. An Nummer 12 steht das Museum Félicien Rops.

Das umfassende Werk von Félicien Rops (1833-1898), Maler, Provokateur und Störenfried, ist in den Räumen des interessanten Bürgerhauses aus dem 19. Jahrhundert ausgestellt. Die Rue Fumal stößt auf die Rue de Collège. Die Kirche St. Loup aus dem 17. Jahrhundert im Barockstil mit üppigen Innendekors und Hochreliefs fällt allein schon durch ihre schöne Fassade ins Auge. Im Innern schmücken reich ausstaffierte Marmorarbeiten aus rotem (Rochefort) und schwarzem (Mazy) Marmor sowie die Deckenverzierungen aus Mergelstein das Gotteshaus.

Über die Rue de Collège führt der Weg zur Place Saint-Aubain. Hier steht die Kathedrale Saint-Aubain, deren Kuppel eines der markantesten Bauwerke der Stadt ist. In diese Kirche sollte man unbedingt hineingehen. Sie wurde 1047 durch den Grafen von Namur, Albert II., gegründet. Ursprünglich nur Stiftskirche, erhielt sie 1559 während der Regentschaft von Philipp II., König von Spanien, den Rang einer Kathedrale, als Namur zum Fürstbistum aufstieg.

Federführender Architekt für das heutige Bild der Kirche war Gaetano Matteo Pisoni, der sie zwischen 1751 und 1767 umgestaltete. Das Schiff wird von einem Gewölbe überspannt, das mit goldenen Sternen und Pflanzenmotiven dekoriert ist. Die Seitenschiffe tragen kleine Kuppeln aus Stuck, und die Vierung wird von der gewaltigen Kuppel überragt – ein kleiner Petersdom.

Museum der Stadtgeschichte

Eine Besonderheit in Namur: Unter der Place Saint-Aubain liegt ein großer Weinkeller verborgen. Gegenüber der Kathedrale steht das Musée de Groesbeek de Croix, in der Rue Joseph Saintraint 3. Die frühere Stadtresidenz der Äbte von Villers beherbergt das Museum der Stadtgeschichte. Original erhaltenes Intérieur und dekorative Kunst aus dem 18. Jahrhundert sind ebenso sehenswert wie der sehr schöne Garten. Zwischen Belfried und Rathaus ist in der Rue du Fer das Hôtel Gaiffier d’Hestroy beheimatet.

Und in ihm das Museum der Alten Namuroiser Kunst sowie der mittelalterliche Schatz der Klosterkirche Saint-Nicolas d’Oignies. Die Stücke aus diesem Schatz sind das Werk des berühmten Goldschmieds Hugo d’Oignies (1225-1250). Dieses elegante, durch den französischen Stil beeinflusste Patrizierhaus liegt zwischen Hof und französischem Garten.

Zum Abschluss eines Besuches in Namur sollte man das Maasufer nicht vergessen. Auf dem Weg nach Dinant ist es besonders schön.

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