Leos Glück: „Es gibt eben nichts, was es nicht gibt”

Von: Manfred Kutsch
Letzte Aktualisierung:
Dr. Gerd Steinau
Wie kann ein Zweijähriger das Überollen durch einen Pkw überleben? Dr. Gerd Steinau hat eine Theorie.

Aachen. Zweimal von einem Golf auf dem Parkplatz eines Eschweiler Supermarktes überrollt - und das ohne erwähnenswerte Verletzung: Das Überleben des zweijährigen Leopold beschäftigt im Nachhinein nicht nur die Öffentlichkeit - sondern auch die behandelnden Mediziner im Aachener Klinikum.

Dr. Gerd Steinau (57), Oberarzt der dortigen Kinderchirurgie, untersuchte und versorgte das zweijährige „Wunderkind”. Wir sprachen am Donnerstag mit ihm.

Ist Ihnen aus der Praxis jemals so ein solcher, kaum erklärbarer Fall bekannt?

Steinau: Nein. Über so etwas gibt es weder Daten noch Untersuchungen.

Wie die Mutter erzählte, hatte man im Klinikum zunächst leichte Zweifel an der Darstellung des Unfalls.

Steinau: Tatsache ist, dass wir natürlich schon viele Patienten hatten, die von Autos überrollt wurden - und die sahen alle ganz anders aus. Aber die Zweifel verflogen, als wir die Blutergüsse sahen, die exakt zum geschilderten Trauma passten.

Man fragt sich, wie ein 15 Kilo wiegender, kleiner Körper das Überrollen durch den Reifen eines 1,3 Tonnen schweren Golfes unverletzt überleben kann. Gibt es dafür eine medizinische Erklärung?

Steinau: Zunächst einmal hat der kleine Leo unglaubliches Glück gehabt. Eine mögliche medizinische Erklärung ist die, dass der vom überrollenden Reifen betroffene Beckenbereich beim Kind noch erheblich nachgiebiger als beim Erwachsenen ist. Die Bänder, die die Knochen eines Menschen zusammen halten, dehnen sich in den ersten Lebensjahren wesentlich mehr.

Und worin lag das Glück?

Steinau: Offensichtlich wurde der Jung durch den Reifen - und das zweimal - ausgesprochen gleichmäßig überrollt. Wenn der Fahrer auch nur einen kurzen Moment abgestoppt hätte, wäre die ungeheure Kraft von 1,3 Tonnen von oben für den Körper nicht mehr auszuhalten gewesen.

Welchen mentalen Eindruck machte Leopold nach dem Unfall im Klinikum?

Steinau: Er war lebhaft, nahm Kontakt auf, fixierte seine Umwelt und zeigte im Grunde ein ganz normales Verhalten.

So wurde er faktisch überhaupt nicht behandelt, oder?

Steinau: Nein, wir haben ihn nur beobachtet. Bei inneren Verletzungen können die Folgen auch später kommen. Aber alles war unauffällig.

Sie persönlich werden diesen Vorfall wohl auch nicht vergessen?

Steinau: Das ist richtig. Dieser Unfall hat eine alte Medizinerweisheit bestätigt: Es gibt eben nichts, was es nicht gibt.
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