Leiter des Wetteramts NRW: „Nicht jeder Wetterfrosch ist Meteorologe“

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„Die Vorwarnzeit ist oft sehr kurz“: Guido Halbig ist Chef des Deutschen Wetterdienstes in Essen.

Essen. Wer nach Essen kommt, um den Deutschen Wetterdienst (DWD) zu besuchen, wird unterwegs auf die Unmenge umgefallener Bäume und abgebrochener Äste stoßen, die einen Monat nach dem schlimmen Sturm immer noch nicht beseitigt sind. Von den 60.000 Straßenbäumen der Stadt sind 20.000 zerstört.

Der äußerste Süden blieb verschont. Dort sitzen die amtlichen Wetterfrösche. Von weitem erkennt man den Radarturm. Guido Halbig ist der Chef und hat alle Hände voll zu tun, um den das unstete Wetter der vergangenen Wochen zu erklären. Franz-Josef Antwerpes hat ihn besucht.

Wir haben in den vergangenen Wochen und Monaten viele Starkregen gehabt. Die sind häufig punktuell. Wie genau können Sie die auf Quadratkilometer angeben?

Halbig: Man muss wissen, dass der Lebenszyklus eines Gewitters ungefähr ein bis zwei Stunden beträgt. Sie können jetzt noch nicht wissen, wo sich in drei Stunden eine Gewitterzelle bildet. Sie können aber, wenn sich die Gewitterzelle gebildet hat, durchaus Aussagen machen, wo zieht die hin. Meine Meteorologen sitzen den ganzen Tag hier oben und schauen auf das Radarbild. Der Rechner versucht, zu errechnen, wohin die Gewitterzellen ziehen. Bei Gewitterzellen habe ich, um den genauen Ort oder Ortsteil zu bestimmen, eine Vorwarnzeit von maximal einer Stunde.

In der vergangenen Woche hat es in Münster einen Starkregen gegeben, mit teilweise mehr als 100 Litern pro Quadratmeter. Haben Sie den Münsteranern gesagt, da kommt ein Starkregen, aufgepasst?

Halbig: Wir haben eine enge Verbindung mit dem Katastrophenschutz, zum Beispiel der Feuerwehr, der Polizei. Die werden von uns direkt beraten.

Welche Vorwarnzeit gibt es da?

Halbig: Die Vorwarnzeit ist oft sehr kurz. Da geht es beispielsweise darum, soll ich die Großveranstaltung absagen oder nicht.

Wie war das an Pfingsten, als ein starker Sturm die Bäume ausriss?

Halbig: Wir haben gewarnt, aber dass das so heftig würde, konnte man nicht voraussehen. Die Bildung von Gewitterwolken ist immer verschieden. Ein Beispiel: Wenn Sie drei Wolken nebeneinander haben, gibt es den Effekt des Kannibalismus. Das heißt, eine Wolke schluckt die beiden anderen. Das bedeutet, die größte Wolke zieht noch Energie aus den anderen Wolken. Wir arbeiten daran, dieses Zellstrukturen noch besser zu analysieren, aber das ist extrem schwierig.

Hat man Ihnen Vorwürfe gemacht, Sie hätten nicht zeitig gewarnt?

Halbig: Was ich mitbekommen habe, ist, dass Herr K. dem WDR vorgeworfen hat, er hätte die Bevölkerung nicht rechtzeitig gewarnt.

Das war doch wieder Jörg Kachelmann.

Halbig: Ja, er hat das über die Presse dem WDR vorgeworfen. Aber ich habe da eine zweigeteilte Meinung. Er hat andererseits auch viel dafür getan, dass der Wetterbericht einen anderen Stellenwert in den Medien erhalten hat.

Darf sich jeder Meteorologe nennen?

Halbig: Meteorologe kann sich jeder nennen, sie dürfen sich nur nicht Diplom-Meteorologe nennen. Das heißt, sie müssen Diplom-Meteorologie studieren. Heute ist der Abschluss Bachelor oder Master. Das beginnt im Grundstudium mit Mathematik und Physik.

Wer bietet das heute an?

Halbig: Es gibt ungefähr zehn Universitäten, wo man Meteorologie studieren kann, dazu gehören Köln und Bonn.

Haben alle Wetterfrösche studiert?

Halbig: Nein, Herr Kachelmann hat, wenn man das so sagen darf, ein Geografie-Studium. Die berühmte Frau Klaudia Kleinert ist auch keine diplomierte Meteorologin.

Das hätte ich aber nicht gedacht.

Halbig: Also nicht alle, die sich Wetterfrösche nennen, haben auch Meteorologie studiert.

Kommen wir noch einmal zu dem punktuelle Starkregen. Ich hab da was von Kaltluftpropfen gelesen. Ist das eine neue Entwicklung?

Halbig: Wir beobachten, dass sich die großräumigen Wetterzirkulationen anscheinend verändern. Früher war das so, es war heiß, dann kommt eine Kaltfront, es rummst und vorbei. Wir haben auch in den nächsten Tagen sehr hohe Temperaturen und ein Gewitter kommt nach dem anderen. Das ist eine eher untypische Wetterlage. Übrigens der Kaltlufttropfen – ein Tiefdruckgebiet in der Höhe – ist kein neues Phänomen.

Haben Sie das in den vergangenen Jahren schon mal gehabt?

Halbig: So in der Art ist es selten. Man kann aber damit rechnen, dass in Zukunft ähnliche Wetterlagen entstehen.

Liegt das auch an der allgemeinen Klimaerwärmung?

Halbig: Das ist sicher ein Faktor.

Welche Daten sammeln Sie, um zu prognostizieren, ob es morgen Starkregen gibt?

Halbig: Zunächst ist es der DWD der Daten sammelt. Das tut auch die WMO (World Meteorological Organization, d. Red.), die weltweit operiert und uns zuliefert. Darunter sind Satelliten- und Radardaten. Auch von Schiffen wird gemessen, von Bojen und Flugzeugen.

Wie viele Wetterstationen unterhält der DWD? Herr Kachelmann hat mir mal gesagt, er habe die meisten.

Halbig: Es sind mehrere tausend Stationen, die zum Teil auch ehrenamtlich betreut werden. Er hat seine Daten und kauft unsere dazu und dadurch hat er die meisten.

Welche Rolle spielen heute Wettersatelliten?

Halbig: Eine große. Das Problem ist, dass wir über den Wasserflächen, etwa über den Ozeanen, keine Messstationen haben. Mit den Satelliten kann ich diese Erkenntnisse gewinnen. Die können auch die Bebauung und landwirtschaftliche und bewaldete Flächen erfassen.

Wem liefern Sie Ihre Daten?

Halbig: Den Gebietskörperschaften, den Medien, der Landwirtschaft, der Schifffahrt, auch den Flughäfen in Nordrhein-Westfalen. Aber auch die Ballonfahrer müssen wissen, wohin sie der Wind trägt.

Apropos Wind: Manche Städte verbauen die Frischluftschneisen. Geben Sie da Ratschläge aufgrund Ihrer präzisen Daten, oder werden Sie gar nicht erst gefragt?

Halbig: Vielfach werden wir nicht gefragt. Für die meisten großen Städte gibt es Klimagutachten, entweder vom DWD oder privaten Anbietern. Insgesamt hat man aber den Eindruck, dass nicht überall die notwendigen Schlussfolgerungen gezogen werden und die Bausünden Frischluftschneisen zerstören. Es gibt aber auch Städte, die dem Problem größere Bedeutung zumessen.

Nennen Sie mir Beispiele?

Halbig: Mit Bonn und Essen haben wir engen Kontakt.

Und Aachen?

Halbig: Mit Aachen ist auch ein Projekt gelaufen. Da ging es um die klimagerechte Umgestaltung von Industrieanlagen.

Was messen Sie alles?

Halbig: Klassische Größen sind Temperatur und Luftfeuchte auch im Boden, dann die Strahlung und die Windgeschwindigkeit. Wir messen auch Ozon. Wir schicken Sonden los, die bis 15 Kilometer Höhe erreichen.

Fragen Sie auch Wetterfühlige?

Halbig: Nein, wir fragen sie nicht, aber beraten sie. Wir machen Wohnortberatung und geben Rheumakranken oder Herz-Kreislauf-Patienten Hinweise, wo sie bei einem geplanten Wohnwechsel hinziehen können. Meine Meinung ist, dass Wetterfühligkeit ein Phänomen ist, das real existiert.

Wie hoch schätzen Sie den Prozentsatz der Leute, die auf Wetterveränderungen stark reagieren?

Halbig: Meines Erachtens so um die 30 Prozent. Meine Frau zum Beispiel kommt bei starkem Hochdruckeinfluss Kopfschmerzen. Bei bestimmten Tiefdruckwettterlagen verzichten Kliniken auch auf Operationen.

Wie lange sind Wettervorhersagen zuverlässig – ein Tag, drei Tage oder gar 16 Tage, wie private Wetterdienste angeben?

Halbig: Die Ein-Tag-Vorhersage liegt deutlich über 90 Prozent. Beim zweiten Tag wird es schon schwieriger. Man muss wissen, dass das Klimasystem ein chaotisches System ist. Ich bin auch Anhänger der Chaos-Theorie. Man hat herausgefunden, dass bestimmte Phänomene in der Physik sich nicht beliebig lange vorhersagen lassen. Es gibt so eine Zahl, dass man etwa zehn bis maximal 14 Tage vorhersagen kann. Ein Beispiel: Es kommt ein Tiefdruckgebiet auf die Alpen zu. Zieht es nach Norden oder geht es nach Süden? Je nach Richtung haben sie völlig anderes Wetter.

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