Leiche auf der Autobahn: Die Geschäfte der flämischen Sopranos

Von: Marlon Gego
Letzte Aktualisierung:
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Nach dem Fund der Leiche riegelte die Polizei das Autobahnstück ab. Foto: Günter Jungmann
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Nach dem Fund der Leiche riegelte die Polizei das Autobahnstück ab. Foto: Günter Jungmann
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Nach dem Fund der Leiche riegelte die Polizei das Autobahnstück ab. Foto: Günter Jungmann
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Nach dem Fund der Leiche riegelte die Polizei das Autobahnstück ab. Foto: Günter Jungmann

Hasselt/Aachen. Als Silvio A. vergangenes Jahr gefragt wurde, was er denn berufliche mache, sagte er, er habe bis vor paar Jahren Inhaber einer Pizzeria gewesen, aber so richtig haben ihm die Richter nicht geglaubt. Später dann teilte sein Anwalt mit, Silvio A. betreibe einen Kurierdienst, so erkläre sich sein bescheidenes Vermögen.

Weitere Fragen zu seinen beruflichen Tätigkeiten wird Silvio A. nicht mehr beantworten können. Am Donnerstagmittag schoss ihm ein Unbekannter in einem Gewerbegebiet in der Nähe von Maasmechelen in Belgien in den Kopf.

Er wurde 41 Jahre alt. Silvio A. war einer der 38 Angeklagten in einem der größten Prozesse um organisierte Kriminalität, die Belgien je erlebt hat. Seit dem 7. September 2014 wird vor einem Strafgericht in Hasselt versucht, dem italienischen Familienclan A. seine Verwicklungen in mehrere Drogengeschäfte nachzuweisen, die Gerichtsakte hat mehr als 60.000 Seiten.

In den vergangenen Jahren soll der Clan mindestens 2,4 Tonnen Kokain von Südamerika nach Europa geschmuggelt haben. „Die flämischen Sopranos“ nannte eine belgische Zeitung Silvio A. und vier seiner Brüder, die die Hauptverdächtigen in dem Prozess sind.

Die Hintergründe des Mordes an Silvio A. sind noch nicht geklärt. Spekuliert wird viel, gesichertes Wissen gibt es wenig. Jedoch deutet vieles darauf hin, dass der Fund einer Leiche am Donnerstagnachmittag auf der A 73 bei Roermond mit Silvio A.s Erschießung zusammenhängen könnte, zum Beispiel so: Belgischen Medienberichten zufolge soll es am Donnerstagmittag im Gewerbegebiet Opglabbeek, das in der Nähe von Maasmechelen knapp 60 Kilometer nordwestlich von Aachen liegt, zu einer Schießerei gekommen sein, bei der Silvio A. starb. Zeugen wollen erkannt haben, dass nach der Schießerei ein Jaguar mit hoher Geschwindigkeit das Gewerbegebiet Richtung Autobahn verließ.

Etwas später, gegen 13 Uhr, näherte sich ein Krankenwagen der Stelle auf dem Standstreifen der A 73 bei Roermond, an der die Leiche lag. Als der Krankenwagen langsamer wurde und auf die Leiche zufuhr, will die Besatzung des Krankenwagens gesehen haben, dass ein beigefarbener Jaguar mit niederländischem Kennzeichen, der nahe der Leiche gestanden hatte, Richtung Deutschland davonfuhr. Drei Männer hätten in dem Jaguar gesessen, einer habe eine Art Turban getragen, erklärten die Sanitäter später der Polizei.

Sowohl der Jaguar als auch die zeitliche Abfolge der Ereignisse sprechen dafür, dass Silvio A.s Erschießung und die Leiche an der A 73 zusammenhängen, irgendwie. Doch die Identität der Leiche wurde auch am Freitag nicht bekannt oder jedenfalls nicht bekanntgegeben. Es ist nicht klar, ob der Tote ein weiteres Mitglied des Clans der Familie A. gewesen ist, oder ob er zu den drei Männern im Jaguar gehörte.

Allerdings liegt der Schluss nahe, dass die Vorfälle am Donnerstag mit den Drogengeschäften der Familie A. zu tun haben könnten. Der Hasselter Prozess gegen den Clan dauert zwar schon erheblich länger, als die Staatsanwaltschaft eigentlich geplant hatte. Dennoch sieht es danach aus, dass wenigstens dies nachzuweisen sein wird: Ende Mai 2013 stieß die Polizei im Gewerbegebiet Opglabbeek auf einen Lastwagen, auf dessen Ladefläche zwischen Bananenkisten 330 Kilogramm Kokain lagerten. Straßenwert: 15 Millionen Euro. Offenbar gibt es kaum Zweifel daran, wem das Kokain gehörte und in wessen Auftrag es von Südamerika nach Opglabbeek gebracht worden war.

Zusammen mit anderen Verdächtigen war Silvio A. danach verhaftet worden. Im Juni 2014 kam er aber gegen Zahlung einer Kaution in Höhe von 30.000 Euro wieder auf freien Fuß. Angesichts seiner Vorstrafen eine vergleichsweise geringe Summe.

Die niederländische Zeitung „De Limburger“ berichtete in seiner Freitagsausgabe, dass Silvio A. bereits 2004 wegen der Entführung eines Südamerikaners verurteilt worden war, der ihm Zucker statt Kokain verkauft hatte. Später wurde ihm dem Bericht zufolge nachgewiesen, dass er 2007 den Transport von 15 Millionen Pillen der synthetischen Droge Ecstasy nach Australien organisiert hatte.

Auch sein ältester Bruder Antonio, 54 Jahre alt und von den Ermittlern als „Pate“ bezeichnet, soll wegen Raubes, Folter und Drogenhandels vorbestraft sein. Seit den 90er Jahren, als Familie A. von Kalabrien nach Maasmechelen kam, seien die Namen von fünf der insgesamt acht Kindern der Familie immer wieder in Ermittlungsberichten der Drogenfahnder aufgetaucht, heißt es in dem Bericht.

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