Aachen - Leiche an der A44: Die Chronologie eines tragischen Kriminalfalls

Leiche an der A44: Die Chronologie eines tragischen Kriminalfalls

Von: Marlon Gego
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„Ich denk‘ an Dich“ steht auf dem Stein vor der Skulptur: Das Grab der 2014 aus ungeklärter Ursache gestorbenen Frau aus Aachen, damals 29 Jahre alt. Foto: Ralf Roeger/Marlon Gego
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In einem Gebüsch an der Autobahn 44 bei Aachen-Brand hatten Straßenarbeiter die Leiche des Opfers gefunden. Foto: Ralf Roeger

Aachen. Murat S. trug es mit Fassung, als das Aachener Amtsgericht ihn am Donnerstag verurteilte, zweieinhalb Jahre Haft sind wenig im Vergleich zu dem, was ihm noch vor einiger Zeit gedroht hatte. Murat S., 37 Jahre alt, arbeitslos und drogensüchtig, war am Tod einer jungen Aachenerin beteiligt, aber dass er sie getötet hat, war ihm vor Gericht nicht zu beweisen.

„Was geschehen ist, ist schlimm, es ist tragisch“, sagte S.s Anwalt Thomas Koll. „Aber es kann meinem Mandanten einfach nicht zugerechnet werden.“

1. Der Fund der Leiche

Am späten Nachmittag des 15. Mai 2014, einem Donnerstag, fanden Straßenarbeiter in einem Gebüsch an der A 44 die Leiche einer Frau. Wie alt die Frau war, woran sie gestorben war, konnte zunächst niemand sagen. Anfang Mai war es heiß gewesen, die Leiche zeigte starke Spuren der Verwesung. Mehrere Untersuchungen der Kölner Rechtsmedizin ergaben schließlich, dass es sich bei der Toten um eine Frau Ende 20 handeln musste, vermutlich aus Afrika.

Allerdings fanden die Rechtsmediziner weiterhin keine Hinweise auf die Todesursache der Frau, so dass die Ermittler vorübergehend auch eine natürliche Todesursache in Betracht zogen. Einige Tage nach dem Fund der Leiche brachte die Aachener Polizei die Erkenntnisse der Rechtsmedizin mit einer Vermisstenmeldung in Übereinstimmung: Eine Mutter suchte ihre Tochter, 29 Jahre alt, gebürtig aus Uganda. Kurz darauf stand fest: Die Leiche an der A 44 stammte von der gesuchten Tochter, die E. genannt werden soll.

2. Tochter und Vater

E.s Vater war Ende der 80er Jahre aus Uganda nach Deutschland geflohen, dort hatte er für sich die beste Möglichkeit gesehen, seine im Bürgerkrieg erlittenen Schussverletzungen behandeln zu lassen. Er kam schließlich nach Aachen und holte kurz darauf seine Frau und die Kinder nach. E. besuchte bald einen Kindergarten obwohl sie kein Wort Deutsch sprach.

E. war ein außergewöhnlich fröhliches und ein außergewöhnliches begabtes Kind, das schnell lernte. Die Sprache bereitete ihr nach kurzer Zeit kaum mehr Probleme, im Kindergarten fand sie schnell Anschluss. Obwohl die siebenköpfige Familie in der ständigen Sorge lebte, aus Deutschland abgeschoben zu werden, und obwohl die Familie sich eine kleine Wohnung teilen musste, kam E. auch in der Schule gut mit. Sie war wie ihre Geschwister intelligent und wissbegierig, sie brachte sich in kurzer Zeit alles selbst bei, was sie interessierte, Sportarten ebenso wie Musikinstrumente.

Die wichtigste Bezugsperson in ihrem Leben war ihr kranker Vater, dem sie alles anvertraute, was sie bewegte. Der Vater hatte elf, zwölf Operationen über sich ergehen lassen müssen, zum kritischen Gesundheitszustand kam das Heimweh. Mitte der 90er Jahre, E. besuchte mittlerweile ein Aachener Gymnasium, starb der Vater. Er wurde in seiner Heimat beigesetzt.

E.s Mutter, eine leidgeprüfte, aber warmherzige Frau Ende 50, sagte am Donnerstag im Gespräch mit unserer Zeitung, der Tod des über alles geliebten Vaters sei ein Wendepunkt in E.s Leben gewesen, ein Einschnitt, von dem sie sich bis zu ihrem Tod nicht erholen sollte.

Zwar machte E. das Fachabitur und begann, an der FH Aachen zu studieren. Doch seit dem Tod des Vaters hatte sie die Lust am Leben verloren, jedenfalls schien es zeitweise so. Sie bekam psychische und körperliche Probleme und schaffte es nicht mehr, ihr Studium mit Nebenjobs zu finanzieren. Zurück nach Hause wollte sie nicht, vielleicht auch, um ihrer Familie nicht zur Last zu fallen.

Ihrer Mutter sagte sie einmal: „Gäbe es Gott, würde mein Vater noch leben.“ So verlor sie auch ihren Glauben; die langjährige Beziehung zu ihrem Freund zerbrach.

Wann E. begann, auch harte Drogen zu konsumieren, kann ihre Mutter heute nicht mehr sagen. Doch sie erinnert sich, dass E. in den Jahren vor ihrem Tod in eine schwere Lebenskrise geriet. Krankenhausaufenthalte, Medikamente, Drogen, sie rutschte ab in ein Milieu, in dem keine Mutter ihre Tochter wissen will.

Trotz allem wahrte E. ihre Würde, hielt den Kontakt zur Familie, besuchte ihre Mutter, schloss sich dort in der Küche ein, um die Familie zu bekochen. Sie wollte sich wieder ihrem Studium widmen, jedenfalls sagte sie das. Niemand ahnte, wie es wirklich um E. stand. Nur ihre Mutter sagte manchmal: „Iss etwas, Du bist so dünn.“

Als E. an der A44 gefunden wurde, wog sie noch 35 Kilogramm. Ein Gutachten ergab Wochen später, dass sie zum Zeitpunkt ihres Todes soviel Kokain konsumiert hatte, dass Lebensgefahr bestand.

3. Die Ermittlungen

Zwar wusste die Staatsanwaltschaft nun, wer die Tote war, aber es ließ sich niemand ermitteln, der etwas zu den Umständen ihres Todes hätte sagen können. Die Ermittler hatten im Juli 2014 den Fall fast schon zu den Akten gelegt, als Ergün G. über einen Alsdorfer Rechtsanwalt Kontakt mit der Polizei aufnahm. Er könne vielleicht etwas zu E.s Tod sagen, teilte der Anwalt mit.

In der Vernehmung erzählte G. dann, dass ihm sein Jugendfreund Murat S., der damals noch bei seinen Eltern im Aachener Ostviertel lebte, gesagt habe, E. sei in seinem Zimmer gestorben. Murat S. habe am Aachener Kaiserplatz Kokain von E. gekauft, sie hätten verabredet, es im Keller des Hauses, in dem die Eltern wohnten, zu konsumieren. Im Keller hatte Murat S. ein Zimmer, in das sein Vater ihn schickte, wenn er wieder einmal betrunken oder sonst wie berauscht war.

Im Keller habe E. sich geweigert, das Kokain herauszugeben, es sei zu einem Streit gekommen, in dessen Verlauf die zierliche E. den muskulösen Murat S. mit einem Messer im Gesicht und am Nacken verletzt und ihn in den Daumen gebissen habe. Als S. im Spiegel gesehen habe, wie ein Hautlappen unter seinem linken Auge heruntergeklappt sei, habe er nach einem umherstehenden Wasserkocher gegriffen und auf E. eingeschlagen. Als er das Zimmer verlassen habe, um sich ärztlich behandeln zu lassen, habe E. auf seinem Bett gelegen und gewimmert. S. habe dann ein Fahrrad gestohlen und sei zum Klinikum gefahren, wo er am 24. April um 11.28 Uhr in der Notaufnahme eintraf.

Als er Tage später zurück in den Keller gegangen sei, habe E. immer noch dort gelegen, tot. Murat S. habe sie zur A 44 gebracht und sie in ein Gebüsch in der Nähe der Abfahrt Aachen-Brand gelegt. Genau so sagte es S. später selbst der Polizei. Er wurde festgenommen, die Aachener Staatsanwaltschaft erhob im Herbst 2014 Anklage gegen S. wegen Totschlags. Mindeststrafe: fünf Jahre Haft.

4. Der Prozess

Das Aachener Landgericht sah aber keine Chance, S. wegen Totschlags, einem Kapitaldelikt, zu verurteilen, weil die Rechtsmedizin die Todesursache nicht festgestellt habe. Die Richter verwiesen den Fall in die niedrigere Instanz zum Amtsgericht, in Betracht komme allenfalls eine Verurteilung wegen gefährlicher Körperverletzung. Mindeststrafe: sechs Monate Haft. Der Haftbefehl wurde aufgehoben, S. war frei.

Als verschiedene Amtsrichter 2015, 2016 und 2017 wiederholt den Prozess gegen Murat S. zu eröffnen versuchten, erschien er einfach nicht vor Gericht. Erst als er in dieser Zeit zahllose andere Straftaten beging und gegen Bewährungsauflagen verstieß, wurde am 5. April 2017 erneut ein Haftbefehl erlassen. Seitdem sitzt S. in Haft, der Prozess konnte beginnen. Doch abgesehen von den dürftigen Ergebnissen der Rechtsmedizin und dem Geständnis, das S. bei der Polizei abgelegt hatte, konnte die Staatsanwaltschaft kaum Belastungsmaterial präsentieren. Und S. tat nichts, um zur Wahrheitsfindung beizutragen, selbst in seinem letzten Wort erwähnte er E. nicht.

Donnerstag, am letzten Prozesstag, wurde ein seltsamer Zeuge gehört, der der Polizei gerade erzählt hatte, Murat S. habe ihm am 26. Juni im Gefängnis gesagt, E. sei vielleicht schon tot gewesen, als er damals, im April 2014, seine Wohnung verlassen hatte und zum Klinikum gefahren war. Sie habe sich nicht mehr gerührt. Doch elf Tage später, sagte der Zeuge (33), er könne sich an all das nicht erinnern – eine glatte Lüge, wie das Gericht befand. Der Zeuge erhielt drei Tage Ordnungshaft wegen einer Falschaussage und wurde zurück ins Gefängnis gebracht.

In der Urteilsbegründung sagte Richterin Sabine Schafranek, es sei klar, „dass der Tod des Opfers durch die Strafe, für die wir uns entschieden haben, nicht gesühnt ist“. Am Ende blieb, neben den vielen Beschaffungsdelikten, kaum mehr als der Vorwurf, dass Murat S. die 29-jährige E. mit einem Wasserkocher schlug, nachdem sie ihn mit einem Messer verletzt hatte. „Ein Revanchefoul“, sagte Richterin Schafranek. Ihn für ihren Tod verantwortlich zu machen, sei Spekulation. S. wird einige Zeit in Haft bleiben und dann eine einjährige Entziehungskur beginnen.

„Ich bin froh, dass es endlich vorbei ist“, sagte E.s Mutter, als Richterin Schfranek den Prozess für beendet erklärt hatte.

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