Neuss - „Lehrsamer Zeitvertreib”: Puzzle als Kulturgeschichte

„Lehrsamer Zeitvertreib”: Puzzle als Kulturgeschichte

Von: dpa
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Puzzle Hindenburg
Ein Puzzlespiel, auf dem der ehemalige deutsche Reichspräsident Paul von Hindenburg dargestellt ist, ist in der Ausstellung "Gebt, Götter, mir Geduld! - Kulturgeschichtliches zum Puzzlespiel aus vier Jahrhunderten" am Donnerstag (05.11.2009) im Clemens-Sels-Museum in Neuss zu bewundern.

Neuss. Gegriffen, gegrübelt, geglückt: Nahtlos fügt sich das bunte Pappstückchen in die leere Puzzle-Lücke. Für Millionen Menschen ist das knifflige Legespiel nichts als ein entspannender Zeitvertreib - für den Niederländer Geert Bekkering allerdings eine echte Wissenschaft.

Seit 25 Jahren sammelt der Biologe aus Enschede gemeinsam mit seiner Frau historische Puzzle-Spiele und darf sich Europas wohl einziger Puzzle-Forscher nennen. Einen Querschnitt durch seine Sammlung, in der sich insgesamt wohl 5000 Spiele aus vier Jahrhunderten stapeln, zeigt unter dem Titel „Gebt, Götter, mir Geduld!” von Sonntag an (bis 31. Januar 2010) das Clemens-Sels-Museum in Neuss.

Das älteste der rund 300 gezeigten Museums-Stücke stammt aus dem Jahr 1770, als der Gedanke des „lehrsamen Zeitvertreibs” populär wurde. Zwar vertrieb das Puzzle, dessen neudeutscher Name übrigens erst seit 1972 im Brockhaus-Lexikon genannt wird, schon zuvor in den noblen Salons die überflüssige Zeit. Der wirkliche Boom in Kinderzimmern setzte erst im Gefolge der aufklärerische Gedanken Rousseaus ein, wonach die Kindheit als behutsame Bildungsphase zu bewerten sei.

Allerlei zerlegte und zerstanzte Landkarten oder Tierbilder vermittelten von nun an per Legespiel Weltwissen an die Kleinen. Geheimrat Goethe notierte 1829 liebevoll über seinen Enkel: „Wölfchen spielte nach seiner Art, die zerschnittenen Bilder zusammensetzend.”

Die Großen mochten es gruselig: Bilderbögen von verheerenden Bränden oder mit Schlachten-Motiven wurden auf Pappe und Holz geklebt, zersägt oder zerstanzt. So gehörte das Spiel als populäre Druckgrafik plötzlich zur Geschichte der Massenmedien, die - noch recht betulich - die Lust auf Sensationen stillten. Selbst volkstümliche Literatur fand Eingang ins Puzzle. Ein eher komischer Vorläufer des Horrorfilms zeigt ein in viele Teile zerlegtes kopfloses Skelett im Schrank: „O, wer hätte das geglaubt, ein Gerippe sonder Haupt.”

Selbstverständlich spiegelt sich im Puzzle, das mit Märchen- und Brauchtumsmotiven („Der Osterhase”) zum betulich-biedermeierlichen Familienleben beiträgt, auch große und kleine Geschichte: Die Abenteuer eines französischen Kolonial-Offiziers enden glücklich vor dem Traualtar und 1915 zeigt das deutsche „Kriegs-Geduldsspiel” ein markiges Porträt des Schlachtenlenkers Hindenburg.

Auch mit dem modernen 3D-Puzzle, das es schon zu Uropas Zeiten als plastische Ritterburg gab, oder mit beidseitig zu entschlüsselnden Puzzels (Bekkering: „Gemein zersägt und absichtlich verwirrend, das ist nichts für normale Leute.”) ist für den Niederländer die Geschichte des Legespiels nicht vorbei. Ständig sammele er neue Daten mehr noch als alte Spiele und sei unter der E-mail-Adresse g.h.bekkering@home.nl dringend an Kontakten mit anderen Spielebesitzern interessiert, schildert der Puzzle-Experte.

Ein besonderes Ausstellungsstück, ein kompliziert zerlegter hölzerner „Scherenschnitt” zweier Kinder, hat sogar das Leben des Sammlers entscheidend beeinflusst. Vom künftigen Schwiegervater auf die Probe gestellt, durfte er erst nach Vollendung des superschwierigen Puzzles mit seiner heutigen Frau vor den Traualtar treten.

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