Lehrerverbände kritisieren Entscheidung des Schulministeriums

Von: Madeleine Gullert
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13 . 02 . 2015 , Berlin / Hohenschoenhausen : An der Schule Am Breiten Luch 19 werden 90 Fluechtlingskinder unterrichtet . Foto: Mary to the Board

Aachen. Lehrerverbände in Nordrhein-Westfalen begrüßen zwar, dass das Schulministerium mehr Lehrer einstellen will. Die 2625 neuen Lehrerstellen seien aber angesichts der steigenden Flüchtlings- und damit auch Schülerzahlen nicht ausreichend. „Das ist ein Beschwichtigungsversuch, der nicht aufgeht“, sagte Brigitte Balbach, Vorsitzende des Verbandes Lehrer NRW auf Anfrage unserer Zeitung. Zudem fehle ein landesweites Konzept.

Der Verband Bildung und Erziehung (VBE) sieht das ähnlich. Die zur Verfügung gestellten Stellen seien mehr als überfällig. Schon längst seien viele Flüchtlingskinder an den Schulen im Land, sagte Udo Beckmann, VBE-Bundesvorsitzender. Insgesamt erwartet das Land 40.000 Flüchtlingskinder an den Schulen. Sie können und müssen eine Schule besuchen, sobald sie Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes verlassen haben.

NRW-Schulministerin Sylvia Löhrmann (Grüne) hatte in dieser Woche angekündigt, aufgrund der anhaltenden Zuwanderung jetzt noch 2625 Lehrerstellen zu schaffen. Das Ministerium sprach allerdings von einer weitaus höheren Zahl. In diesen waren aber schon besetzte und eingeplante Stellen integriert.

„Das ist Politik“, sagte Peter Silbernagel, Vorsitzender des Philologenverbandes NRW. In diesem Jahr wurden etwa schon 300 Lehrer zur Sprachförderung eingestellt. Nun geht es um 900 Integrationsstellen, die laut Ministerium für eben solche Schulkräfte reserviert sind, die über die Qualifikation Deutsch als Fremdsprache verfügen. Insgesamt wird NRW in diesem Jahr also 1200 Lehrer zur Sprachförderung einstellen.

Die anderen 1725 Stellen sind keine spezifischen Stellen. Vielmehr ist mit der steigenden Schülerzahl der Lehrergrundbedarf erhöht. „Je nachdem, in welchen Schulen die Schüler sind, kommen entsprechend Stellenanteile hinzu“, erklärte Barbara Löcherbach, Sprecherin des Schulministeriums auf Anfrage.

Die neuen Stellen werden demnach besetzt, sobald der Landtag dem Nachtragshaushalt zugestimmt hat. Das könnte noch im Oktober der Fall sein. Im Stellenplan seien die zusätzlichen Stellen bis 2018 gesichert. Für die Lehrer habe dies aber keine Bedeutung. Es handele sich um unbefristete Stellen, sagte Löcherbach.

Zu wenig qualifizierte Lehrer?

Der Philologenverband in NRW wertet diese neuen Stellen als ein „positives Signal“. Sie könnten aber nur der Einstieg in eine hinreichende Personalpolitik sein. „Diese Zahlen lindern nur marginal den konkreten Lehrerbedarf an den Schulen“, sagte Silbernagel. „Die alte Lücke bleibt“, sagte auch Dorothea Schäfer, NRW-Vorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft.

Vor knapp einem Monat hatte Löhrmann mitgeteilt, dass 3500 Lehrer an den Schulen fehlten. Vor diesem Hintergrund sind die Integrationsstellen für Balbach nur „ein Tropfen auf dem heißen Stein“. Die Schulen kämpften nicht nur mit der Integration von Flüchtlingskindern, sondern auch mit der Inklusion. Das seien zwei Aufgaben, die eine gute personelle Ausstattung erforderlich mache – mit qualifiziertem Personal.

Doch genau dabei könnte es Probleme geben. Die Lehrerverbände fürchten nämlich, dass es für die 900 Stellen zur Sprachförderung nicht ausreichend geeignete Kandidaten gibt. „Wir werden diese Stellen gerade in der Sekundarstufe I nicht besetzen können“, fürchtet Beckmann. Für das Fach Deutsch als Fremdsprache oder Deutsch als Zweitsprache gebe es nicht ausreichend Personal auf dem Markt – obwohl viele Lehrer in NRW ohne Anstellung sind.

Natürlich könnten Lehrer sich fortbilden lassen, aber auch bei den Fortbildungen gebe es große Mängel, sagt Beckmann. „Da muss dringend nachgerüstet werden“, kritisiert der VBE-Vorsitzende. Eintägige Schulungen, die mitunter angeboten würden, reichten für einen qualifizierten Unterricht nicht aus.

Das sieht Balbach ähnlich. Die angebotenen Fortbildungsmöglichkeiten seien inhaltlich und auch zahlenmäßig völlig unzureichend. Und ihr Verband Lehrer NRW geht noch weiter. Balbach fordert eine Fortbildung im Bereich Deutsch als Zweitsprache für alle Lehrer, die Flüchtlingskinder unterrichten – und nicht nur für jene, die explizit die Sprachförderung übernehmen. „Davon sind wir weit entfernt.“ Gerade Lehrer, die länger im Dienst sind, kämen zu selten zum Zug bei den wenigen Fortbildungsplätzen.

Flüchtlingskinder werden in den Grundschulen mit den anderen Kindern gemeinsam unterrichtet. An weiterführenden Schulen gibt es Klassen für sogenannte Seiteneinsteiger, manchmal heißen sie auch Internationale Klassen. In diesen speziellen Klassen wird gezielt die Sprache gefördert. Die Kinder sollen nach zwei Jahren Regelklassen besuchen. Andere Kinder besuchen schnell Regelklassen, erhalten aber Förderunterricht in Deutsch.

Die Sprache sei nicht das einzige Problem, sagt Balbach. Neben den Lehrerstellen sei es deshalb wichtig, dass es mehr Schulsozialarbeiter und -psychologen für die Flüchtlinge an den Schulen gebe. Balbach: „Wenn die Integration von Flüchtlingskindern gelingen soll, erwarten wir mehr von der Schulministerin als ein paar wohlfeile Zahlen.“ Peter Silbernagel bekräftigte, dass er sich angesichts der vielen Herausforderungen an die Lehrer ein „deutlicheres Signal vom Ministerium erhofft“ hatte.

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