Aachen - Lehrerstreik: Interessenverband will Gleichstellung statt Prozente

Lehrerstreik: Interessenverband will Gleichstellung statt Prozente

Von: Madeleine Gullert
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Die Schere geht immer weiter auf: Uwe Turkiewicz (rechts) und seine Mitstreiter vom Schutzverband für angestellte Lehrerinnen und Lehrer (Schall) kämpfen für die Gleichstellung von allen Lehrern. Foto: Harald Krömer

Aachen. 5000 angestellte Lehrer in Nordrhein-Westfalen haben bei Warnstreiks in der vergangenen Woche ihren Unmut über ihre Bezahlung geäußert.

In ganz NRW sind laut Schulministerium knapp 33.000 Lehrer als angestellte Kräfte tätig, im Regierungsbezirk Köln sind es 7970. Sie verdienen weniger als ihre verbeamteten Kollegen, außerdem verdienen sie innerhalb der Gruppe der angestellten Lehrer auch nicht gleich viel, weil es keinen Tarifvertrag gibt. Für gleiche Bezahlung bei gleicher Arbeit und einen Tarifvertrag kämpft der Interessenverband Schall (Schutzverband für angestellte Lehrerinnen und Lehrer) schon seit Jahren. Wir sprachen mit Uwe Turkiewicz von Schall, der selbst an einer Hauptschule unterrichtet.

Herr Turkiewicz, Schall ist ein relativ kleiner Interessenverband. Was unterscheidet Sie von der Gewerkschaft GEW?

Turkiewicz: Wir haben etwa 1000 Mitglieder, die sehr engagiert sind. Wir sind also viel kleiner als etwa die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW). Wir sind auch nur Gewerkschaft im personalvertretungsrechtlichen Sinne. Viele unserer Mitglieder sind auch Mitglied in der GEW. Das ist auch gut so, schließlich muss man die Gewerkschaft von innen her reformieren. Die GEW hat ein großes Problem: Sie muss den Spagat schaffen, die Interessen ihrer angestellten und auch die ihrer verbeamteten Mitglieder zugleich zu vertreten. Weil sie überwiegend verbeamtete Mitglieder hat, fordert diese vor allem eine prozentuale Gehaltserhöhung für die Angestellten. Die wird nämlich eins zu eins auf die Gehälter der Beamten übertragen. Unser Verband ist unter anderem aus diesen Spannungen heraus entstanden.

Was ist denn so schlimm an der Forderung nach 5,5 Prozent mehr Lohn?

Turkiewicz: Es wird den Frust der angestellten Lehrer erhöhen, wenn bei den aktuellen Verhandlungen 5,5 Prozent erreicht würden, also eine reine Prozentzahl, und wir jedoch keinen Tarifvertrag bekommen. Das könnte auch dazu führen, dass in zwei Jahren noch weniger angestellte Lehrer streiken gehen. Sie würden sich fragen: Warum soll ich denn wieder auf die Straße gehen, damit der Beamte wieder mehr hat als ich? Es ist schon ein Paradoxon, dass die Beamten nicht streiken dürfen, aber den größeren Vorteil davon haben, weil andere für sie streiken. Die Streikenden wiederum werden für ihr Engagement auch noch bestraft, weil sie weniger davon haben und die Schere zwischen Löhnen und Gehältern noch größer wird. Das schürt nur Frust, und dann bleiben die Leute eben zu Hause.

Sehen Sie das als Hauptgrund für die im Verhältnis doch nicht besonders große Zahl an Streikteilnehmern?

Turkiewicz: Ja. Ein weiterer ist aber, dass viele Angestellte es sich überhaupt nicht leisten können, zu streiken. Alle Streikenden werden üblicherweise an das Landesamt für Besoldung gemeldet. Je nachdem wie viele Unterrichtsstunden sie gefehlt haben, wird Lohn einbehalten. Wenn ein nichtorganisierter Kollege am Warnstreiktag eigentlich die volle Stundenzahl hätte unterrichten müssen, dann hat er aus seinem eigenen Portemonnaie eine erhebliche Summe in seine Streikteilnahme investiert.

Aber mit den Prozenten hätten Sie ja trotzdem mehr Geld.

Turkiewicz: Wenn die Gewerkschaft die Prozente durchsetzt, dann hätten wir natürlich etwas gewonnen – aber die Schere zwischen Beamtengehältern und Angestelltenlöhnen würde weiter auseinandergehen. Das ist Grundkurs Prozentrechnung. Wenn das Ergebnis nur für die Tarifbeschäftigten gelten würde, dann würden 5,5 Prozent auch nicht ausreichen, um das Gefälle zwischen Löhnen und Gehältern anzugleichen. Wir fordern Gleichstellung statt Prozenten. Vor zwei Jahren wollte die Landesregierung die Tarifergebnisse nur für die Beamten unter A 12 umsetzen. Da haben die Beamten geklagt und auch gewonnen. Beamte können nicht von den Verhandlungen abgekoppelt werden. Das wird nie gehen.

Woran liegt das?

Turkiewicz: Das liegt an der Gesetzgebung. Die Beamten sitzen außerdem am längeren Hebel, sie haben eine große Lobby. Auch die Richter sind schließlich Beamte. Man muss aber sagen, dass viele der verbeamteten Lehrer auf der Seite der angestellten sind. Die Solidarität könnte aber noch besser sein. Wer will schon in einem Kollegium arbeiten, wo ein Drittel der Kollegen diskriminiert wird? Die Stimmung im Lehrerzimmer wird schlechter. Darunter leidet auch die Zusammenarbeit. Es ist schlimm, wenn man den selben Job macht, dafür aber schlechter bezahlt wird. Man fühlt sich nicht wertgeschätzt. An der bestehenden Ungerechtigkeit ist leider bis vor etwa zehn Jahren nicht gearbeitet worden. Erst durch die Gründung unseres Vereins haben wir Druck auf die anderen Verbände und Gewerkschaften ausgeübt. Viele unserer Forderungen werden heute von den Gewerkschaften und Verbänden eins zu eins übernommen. Dass das ursprüngliche Schall-Forderungen sind, wird dabei oft verschwiegen.

Was ist Ihnen denn in den aktuellen Verhandlungen das wichtigste Anliegen?

Turkiewicz: Mit der Forderung der GEW nach einer Lehrerentgeltordnung (Lego) bin ich zwar einverstanden, aber nicht mit der parallelen Eingruppierung. Die Nettolohnkluft bliebe damit erhalten. Lehrer müssen bundesweit einheitlich eingruppiert werden. Wir brauchen einen Tarifvertrag. Die Situation ist ja absurd: Es gibt ein paar Binnenschiffer im Duisburger Hafen, die einen eigenen Tarifvertrag haben, aber die bundesweit 200.000 angestellten Lehrer haben keinen.

Warum ist der Tarifvertrag denn so wichtig?

Turkiewicz: Damit es eine faire und gleichwertige Bezahlung der angestellten Lehrer bundesweit gibt. Es wird sehr unterschiedlich in den einzelnen Bundesländern bezahlt. Man könnte von Bezahlung nach Gutsherrenart sprechen. Außerdem würde ein Tarifvertrag auch die „Lehrerflucht“ beenden. Weil Nordrhein-Westfalen so wenig verbeamtet hat, sind viele Lehrer abgewandert. Ein Kollege beispielsweise hat es geschafft, mit 40 Jahren nach Hessen versetzt zu werden. Dort wurde er sofort verbeamtet und bekam von einem auf den anderen Tag 600 Euro netto mehr. Der pendelt nun aus der Nähe von Köln nach Kassel, weil sich das rechnet. Wenn der Kollege in einigen Jahren wieder nach NRW versetzt wird, kann er den Beamtenstatus mit zurücknehmen.

Wird der Beruf durch diese Zweiklassengesellschaft unattraktiv?

Turkiewicz: Ich gehe noch immer davon aus, dass der Pädagoge vom Herzblut her Pädagoge und die Bezahlung zweitrangig ist. Dass die Lehrer wirklich Lehrer sein wollen, weil sie das als Berufung sehen. Die werden sich davon nicht abschrecken lassen. Aber die Arbeitsbelastung ist schon sehr hoch. Viele Kollegen arbeiten mehr als 50 Stunden pro Woche und leisten einen großen Teil ihrer Korrekturarbeiten in der sogenannten unterrichtsfreien Zeit. Dieser Beruf rechtfertigt eine angemessene Bezahlung. Die verbeamteten Kollegen werden angemessen bezahlt. Der Netto-Verdienst der Tarifbeschäftigten ist aber bis zu 700 Euro niedriger – trotz gleicher Ausbildung und gleicher Tätigkeit. Die soziale Absicherung der Angestellten ist außerdem im Fall einer Erkrankung oder im Fall eines krankheitsbedingt vorzeitigen Ausscheidens aus dem Berufsleben wesentlich schlechter, als die komfortable Absicherung der Beamten. Es gibt zahlreiche angestellte Kollegen, die ihre normale Altersrente beziehen und dennoch von Altersarmut bedroht sind.

Ärgert Sie das?

Turkiewicz: Mich erzürnt es, dass die Arbeitgeber immer Argumente haben, warum man uns nicht mehr Geld geben kann. Das ist in Zeiten, wo die Steuereinnahmen überschwappen, besonders ärgerlich. Vor allem, wenn man sieht, dass es einem selbst von Jahr zu Jahr schlechte geht.

Wie merken Sie das?

Turkiewicz: Ich bin erst mit 35 Jahren in den Beruf gekommen, habe also schon wegen der „kurzen Arbeitsphase“ weniger in die Rentenkasse eingezahlt. Das hätte sich bei einer Verbeamtung nicht so negativ ausgewirkt. Das Land NRW hat mich jahrelang nicht gebraucht. Als es mich dann brauchte und unbefristet einstellte, war ich einige Monate zu alt und wurde nicht mehr verbeamtet. Ich habe mir von einem Rentenexperten ausrechnen lassen, dass ich etwa 1200 Euro Rente bekommen werde, davon geht dann noch meine Krankenversicherung ab. Damit bleibe ich wohl unter 1000 Euro. Da ist man kurz davor, beim Amt zum Aufstocker zu werden. Viele Kollegen in meinem Alter nimmt das sehr mit, sie haben die Rente vor Augen. Zu dem allgemeinen Frust durch die fehlende Wertschätzung kommt dann noch die Angst vor den finanziellen Unwägbarkeiten des Ruhestandes.

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