Lehrer müssen „neues Lehren lernen“

Von: Madeleine Gullert
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Technik ja, aber richtig: Frajo Ligmann ist Medienkoordinator am Gymnasium in Würselen. Eine Laptop-Klasse war gescheitert, mit den iPads läuft das digitale Lernen gut – das Konzept wurde sogar ausgezeichnet. Foto: Georg Helmes

Würselen. Missglückte Projekte sind eigentlich nicht gerade etwas, worüber gern gesprochen wird. Zu Unrecht, findet Frajo Ligmann, der ganz offen sagt, dass eine im Jahr 2008 eingeführte Laptop-Klasse am Gymnasium in Würselen „grandios gescheitert“ ist.

Wie mit Technik also richtig umgehen? Um diese Frage zu beantworten, wurde Ligmann an das Gymnasium geholt. Er leitet nun federführend das Projekt iPad-Klasse. Aus den Problemen mit den Laptops habe man gelernt, so Medienkoordinator Ligmann.

Offensichtlich: Das seit 2015 laufende Projekt der Schule wurde Anfang des Jahres von Bundesbildungsministerin Johanna Wanka (CDU) mit dem Innovationspreis 2017 für digitale Bildung ausgezeichnet. „Digitales Bildungskonzept – vom Scheitern zum Erfolg“, so der Name. Eine Klasse der Jahrgangsstufe sieben ist eine iPad-Klasse, für die sich die Kinder und Lehrer bewerben können. Die Geräte sollen den Unterricht didaktisch unterstützen.

Herr Ligmann, die Laptop-Klasse war ein Flop, warum funktioniert die iPad-Klasse so gut?

Ligmann: Das Scheitern ist ja eigentlich spannender als der Erfolg, weil man daraus mehr lernt. Ich berichte an vielen Schulen über unsere Erfahrungen. Man muss über die Fehler reden, die gemacht wurden. Wir haben uns zwei Jahre lang sehr intensiv auf die iPad-Klasse vorbereitet, deshalb klappt jetzt alles so gut. Es ist wichtig, Technik überlegt einzusetzen. Viele Schulen bekommen vom Land „Projekt Gute Schule 2020“ viel Geld und kaufen wahllos Technik. Das ist ein Riesenfehler und führt nur zu Frustration bei den Lehrern – so wie es bei uns der Fall war.

Warum klappte das mit den Laptops denn nicht?

Ligmann: 2008 hatten wir sechs Laptopklassen, ohne dass ein Lehrer ein Konzept für den Unterricht mit diesem Hilfsmittel hatte. Die Laptops gingen schnell kaputt, schon allein der Akku hielt keinen Schultag durch. Die Tablets sind leichter, robuster, der Akku hält zehn Stunden. Tablets werden irgendwann normale Arbeitsgeräte an Schulen wie Taschenrechner werden. Ich bin sehr überzeugt von unserem jetzigen Weg. Aber auch wir hatten zunächst mit Widerständen zu kämpfen.

Was ist denn der neue Weg?

Ligmann: Weniger die Arbeit mit dem Gerät ist neu, sondern der Unterricht. Wir alle kennen den Frontalunterricht. . .

. . . den es ja laut Schulministerium gar nicht mehr geben soll, oder?

Ligmann: Den gibt es aber immer noch. Referendare lernen innovative Unterrichtsmethoden, aber nach spätestens vier Jahren im Schulbetrieb machen sie Unterricht wie alle um sie herum. Und das ist häufig Frontalunterricht. Das iPad ist ein guter Anlass, um darüber nachzudenken.

Inwiefern?

Ligmann: Früher gab es eine dominante Lehrerpersönlichkeit vor der Klasse, durch das Gerät entsteht eine andere Art der Kommunikation und Kooperation. Das haben wir mit den Kindern kultiviert.

In der iPad-Klasse nehmen die Schüler aber noch Stifte in die Hand?

Ligmann: Ja, natürlich. Das ist aber auch immer die erste Frage von Eltern, die fürchten, dass ihre Kinder die Handschrift verlernen könnten. Die Gefahr besteht nicht. Die Kinder schreiben noch. Wir haben uns auch von dem Gedanken verabschiedet, dass man Tausende Lern-Apps benötigt. Das ist der falsche Ansatz. Aber wenn Schüler früher die Mathehausaufgabe an die Tafel schreiben mussten – mit der Sorge, im Zweifel vor der ganzen Klasse die falsche Lösung anzuschreiben –, haben wir jetzt neue Möglichkeiten. Statt diesen furchtbar schlimmen Gang zu absolvieren, können die Kinder beispielsweise ihre Ergebnisse anonym über einen Beamer präsentieren. Wir können dann gemeinsam über die Lösung sprechen. Bei scheuen Kindern ist das hilfreich. Alle helfen, überlegen mit, aber keiner weiß, wer die Hilfe in Anspruch nehmen musste.

Verbessert das nebenbei noch das Klassenklima?

Ligmann: Ich finde es tatsächlich unglaublich, wie diese Klasse funktioniert. Es gibt eine sehr positive Energie, die Kinder agieren wunderbar miteinander. Sie stellen etwa Fragen in einem Klassenchat über mathematische Inhalte, helfen sich gegenseitig, und dabei lernen sie, dass man das Tablet nicht nur als Freizeitgerät für Spielereien, sondern als Arbeitsmittel nutzen kann. Das haben wir in den ersten Monaten konsequent eingeübt, und das funktioniert jetzt.

Wie definieren Sie die Aufgabe von Schule heutzutage?

Ligmann: Wir müssen unsere Kinder auf die gesellschaftliche und berufliche Zukunft vorbereiten. Wir haben in den vergangenen Jahrzehnten mit der Digitalisierung eine Entwicklung erlebt, die noch viel revolutionärer als die Industrialisierung ist. Wir können alle nur staunen, was in den letzten 20 Jahren über uns weggerollt ist – und diese Entwicklung wird noch weitergehen. Schule ist aber das sich am langsamsten entwickelnde System überhaupt. Wir diskutieren lieber, ob wir das Internet in der Schule zulassen, anstatt über das Wie zu reden. Dabei müsste das die zentrale Frage sein.

Ist das naiv?

Ligmann: Vielleicht. Man kann heute nicht ernsthaft glauben, dass Kinder Informationen in einem Fachbuch nachschlagen. Wer das glaubt, hat die Welt noch nicht verstanden. Kinder werden googlen. Und wenn Kinder nicht wissen, dass Google nicht zwangsläufig das sinnvollste Ergebnis oben anzeigt, sondern die Suchergebnisse nach unbekannten Algorithmen sortiert werden, hat man ein Problem. Kinder müssen lernen, reflektiert zu recherchieren, sonst lassen wir sie allein. Leider passiert das im Moment. Wer bringt denn Kindern den richtigen Umgang mit Suchmaschinen bei? Niemand! Und zwar vor allem, weil sich die Lehrer selbst nicht auskennen. Das wäre aber unser Bildungsauftrag.

Hängt man zu sehr dem Alten nach?

Ligmann: Ja, sogar in zweierlei Hinsicht: Zum einen in der Gestaltung von Lernprozessen, denn keine Lehrkraft hat selbst je Unterricht mit solchen Möglichkeiten erlebt, wie es unsere iPad-Klassen bieten. Hier müssen wir Mut machen auf die neuen Formen von individualisiertem Unterricht und die Angst vor dem Kontrollverlust nehmen. Und es gibt noch sehr unterschiedliche Bildungsauffassungen. Wir müssen definieren, was Bildung ist. Nach meiner Auffassung gehört zu einer Erziehung zur Mündigkeit zwingend die Kenntnis der digitalen Prozesse unserer Gesellschaft dazu, aber das ist eine schwierige Diskussion.

Ist das eine ähnlich leidige Diskussion wie die um ein Handyverbot an Schulen?

Ligmann: Ablenkung gab es schon immer: egal, ob man nun Zettel schrieb oder heute Whatsapp-Nachrichten. Die Bildungsforscherin Lisa Rosa aus Hamburg hat eine interessante Theorie: Sie sieht das Smartphone für Kinder als Kulturzugangsgerät. Auch wenn es für uns Erwachsene schwer zu verstehen ist. Aber auch hier stellen wir uns der Diskussion nicht, was Kultur heute ist. Stattdessen wollen wir das Handy aus der Schule raushalten, obwohl das Smartphone das Leben der Jugendlichen dominiert. Man könnte es sinnvoll in den Unterricht einbinden. Dafür braucht es Konzepte. Wie gesagt: In der iPad-Klasse bemerken die Kinder, wie vielfältig die Möglichkeiten sind. Da müssen wir hin.

Also als kleines Fazit unseres Gesprächs könnte man sagen, dass es vor allem darum geht, mit den neuen technischen Möglichkeiten den Unterricht zukunftsfähig zu machen?

Ligmann: Richtig, auch wenn wir uns davor scheuen. Die gute Schule der Zukunft sieht so aus, dass wir den Kindern ermöglichen, auf ihrem Weg in ihrem Tempo zum Ziel zu kommen. Das ist eine anspruchsvolle Aufgabe. Und das erreichen wir nicht, indem wir frontal etwas erklären. Wir haben Kinder vor uns, die nicht mehr so lernen wie noch vor 30 Jahren. Ich kann nicht mehr 25 Kinder im gleichen Tempo unterrichten, weil ich 25 unterschiedliche Menschen vor mir habe. Überall hört man das Gejammer über die sinkende Aufmerksamkeitsspanne der neuen Generation. Ja, das können wir bedauern, wir können aber auch darauf reagieren. Wir haben ganz heterogene Klassen, weil das Schulsystem weniger selektiv ist als noch vor 30 Jahren. Aber die Technik bietet uns tolle Möglichkeiten. Stichwort Inklusion: Es gibt tolle Programme für Kinder, die Hörprobleme haben. Das Problem ist, dass sich viele Lehrer den Jugendlichen in Sachen Technik unterlegen fühlen.

Sind die Lehrer also das Problem?

Ligmann: Wir sind in einer Kultur des Übergangs. Die Gruppe der Lehrer braucht dabei definitiv mehr Aufmerksamkeit. Sie müssen das neue Lehren erst mal lernen. Und es gibt auch Eltern, die sich die Schule als einen Schutzraum wünschen. Der Tenor: Kinder hätten Smartphones und Tablets zu Hause genug in der Hand zum Daddeln. Hier sollten wir als Schule auch Möglichkeiten aufzeigen, Ängste nehmen, aber die Eltern auch bei Maßnahmen unterstützen, die Kinder vor einem ungefilterten Zugang zum Internet zu schützen. Denn bei allen Chancen, die das Internet bietet, brauchen Kinder hier zunächst unseren Schutz und eine sorgfältige Anleitung zu einem sinnvollen Umgang mit dem Netz und auch mit der rasanten technischen Entwicklung.

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