Legionellen: Experten sehen keine Gefahr durch Kühlturm

Von: Claudia Schweda
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„Das ist kondensiertes Wasser“: In den Wolken über dem Kraftwerk können nach Expertenangaben keine Legionellen enthalten sein.

Eschweiler. Legionellen in einem Kühlturm können den Menschen in der Umgebung schon Sorge bereiten. Die vom Turm wegziehenden Dampfschwaden sprechen doch offensichtlich für feuchtwarme Tröpfchen, die von dort wegtransportiert werden. Optimale Bedingungen für die gefährlichen lungengängigen Aerosole, in denen Legionellen für den Menschen so gefährlich werden, oder?

Nein, sagt einer, der sich als Ingenieur damit beschäftigt. Wie hoch auch immer die Legionellenbelastung des Kühlturms im Block F des Kraftwerks Weisweiler sei, im Dampf oben an der Kühlturmspitze werde sich diese Keimbelastung nicht finden, sagt Reiner Kryschi, Vorsitzender des Richtlinienausschusses beim Verein Deutscher Ingenieure (VDI) mit fester Stimme. Unter seiner Führung ist gerade die technische Richtlinie zu offenen Rückkühlwerken fertiggestellt worden. Sie sind dafür bekannt – wie im vorigen Jahr in Warstein – für eine Häufung von schweren Lungenentzündungen durch Legionelleninfektionen verantwortlich zu sein.

Kryschis sichere Überzeugung, dass von dem Dampf oben am Kühlturm in Bezug auf Legionellen keine Gefahr für die Menschen in der Umgebung ausgehen kann, fußt auf dem physikalischen Phänomen, das hinter der Wolkenbildung an der Turmspitze steckt: „Das ist kondensiertes Wasser, mehr nicht.“ Der gleiche Qualm erscheine, wenn man im Winter heiß duscht und dann das Fenster des Badezimmers öffnet; oder die Atemwolke an einem kalten Wintertag, die vor dem Mund erscheint.

Der Druck beim normalen Ausatmen genüge nicht, um ein Tröpfchen aus dem Körper zu schleudern. Dafür müsse ein kranker Mensch schon niesen oder husten. „Aber ein Kühlturm niest keine Keime aus.“ Es gebe keinen Druck von innen, um Tröpfchen mit Legionellen nach außen zu befördern. Ganz im Gegenteil: Die Schwerkraft sorge dafür, dass die Tröpfchen, die möglicherweise legionellenbelastet sind, im Kühlturm zu Boden sänken.

Dass diese Behauptung nicht von Messdaten untermauert ist, hat einen einfachen Grund: „Man kann Legionellen in Wasserdampf noch nicht messen“, sagt Kryschi. Entsprechend verwundert reagiert der Ingenieur auf die Ankündigung, genau das im Kühlturm des Blocks F in Weisweiler zu tun. Nach der erneuten Explosion der Legionellenwerte nach einer ersten Biozidbehandlung hatte RWE in der vorigen Woche ein Konzept zur Reduktion der Legionellenbelastung vorgelegt. Demnach soll neben erneuten Biozidbehandlungen nun auch die Belastung im Wasserdampf an der Kühlturmspitze gemessen werden, um sicherzustellen, „dass die Legionellen sich nicht über die Kühlturmschwaden vermehren und verbreiten“, hieß es in der Mitteilung der Bezirksregierung am Freitag vor einer Woche, als sie dem Konzept zugestimmt hatte.

Kryschi fragt sich, wie diese Messung vorgenommen werden soll. Bislang könne man die Legionellenbelastung im Trinkwasser, aber nicht in komplexen Medien wie etwa Wasserdampf bestimmten. In der Richtlinie zur Risikobeurteilung von legionellenhaltigen Lufttröpfchen, die im Entwurf vorliegt, heißt es vielsagend: „Ein Verfahren zum Nachweis von Legionellen in Luftproben in der Umgebung von Verdunstungskühlanlagen wird derzeit entwickelt.“ So schnell, sagt Kryschi, werde es dafür aber keine technische Umsetzung geben. Die Gefahr falscher Ergebnisse sei derzeit immens. Im Extremfall werde nach der Messung Entwarnung gegeben, obwohl Legionellen in hoher Konzentration vorhanden seien – und umgekehrt.

Naturzugkühltürme wie der im Kraftwerk Weisweiler sind bislang noch nie als Quelle einer Welle von schweren Lungenentzündungen durch Legionellenaufgefallen. Deswegen hatte der Gesetzgeber sich zunächst auf die offenen Rückkühlwerke konzen­triert, die immer wieder negativ aufgefallen waren. In ihrem Fall steht nun fest, dass sie regelmäßig kontrolliert und ab einem Wert von 1000 Legionellenkolonien pro 100 Milliliter abgeschaltet werden müssen. Wo dieser Gefahrenwert bei den Kühltürmen liegen soll, wird gerade diskutiert. Er wird wohl irgendwo zwischen 1000 und 10.000 Kolonien liegen.

Martin Exner, Direktor des Instituts für öffentliche Gesundheit in Bonn, plädiert für die obere Grenze. Auch aus seiner Sicht gibt es keinen Grund, Kühltürme für die Verursacher von Legionellosen zu halten. Die Benennung einer möglichen Gefahrengrenze sei dennoch wichtig. „Das gibt der Industrie die notwendige Orientierung für ihr Handeln“, sagt Exner. Und wohl auch den Aufsichtsbehörden. Die Landesregierung NRW jedenfalls hat ohne Richtlinie wenig Handhabe, den Weiterbetrieb des Weisweiler Kühlturms zu untersagen. Das wird sich im nächsten Jahr ändern: Dann soll die Verordnung, die einen verbindlichen Gefahrenwert nennt, im Rahmen des Bundesimmissionsschutzgesetzes kommen. Zuletzt waren in Weisweiler 275.000 Legionellenkolonien gemessen worden.

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