Maastricht - Leerstehende Häuser? Das ist eine Chance!

Leerstehende Häuser? Das ist eine Chance!

Von: Ines Kubat
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Untersuchungsobjekt Aachen-Nord: Die Studenten des Studiengangs Stad.Academie wollen alten, leerstehenden Baubestand nutzen und neu gestalten. Foto: Kistermann
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Koordiniert den inoffiziellen Studiengang Stad.Academie: Rebekka Straetmans.

Maastricht. Die Bürger werden immer älter und die Haushaltskassen der Städte und Kommunen immer leerer. Leerstand ist auch in zahlreichen Städten ein Problem: Vielerorts bleiben Gebäude ungenutzt, während an anderer Stelle munter neu gebaut wird.

Das will die Stad.Academie ändern. Dabei handelt es sich um einen neuen Maastrichter Studiengang, in dem Studenten einige Städte und Dörfer der Euregio besuchen, und vor Ort die Veränderungen in der Stadtentwicklung untersuchen. Ihre Erkenntnisse geben sie als Impulse an Politik und Stadtplaner weiter. Was aber genau hat sich in der Stadtentwicklung getan, und wie muss man laut Stad.Academie darauf reagieren? Darüber spricht im Interview mit unserer Zeitung Studienkoordinatorin Rebekka Straetmans.

Verlassene Gebäude, bröckelnder Putz, und kein Mensch auf den Straßen – ist das ein Zukunftsszenario der Stadtentwicklung, das Sie befürchten?

Straetmans: Nein, aber Stadtentwicklung findet anders statt als früher. Es ist nicht mehr so, dass sich Städte ausbreiten, weil es auf dem Reißbrett so geplant wurde. Stadtentwicklung geschieht mittlerweile immer mehr innerhalb der sozialen Strukturen. Die Bürger selbst werden aktiver, wenn es um Veränderung in ihrer Umgebung geht.

Aber es gibt doch immer noch sehr viele bewusst geplante Bezirke, die neu gebaut werden?

Straetmans: Ja, es gibt Neubauviertel. Und das ist an sich auch schön und gut. Aber gleichzeitig bleiben in den Städten viele Gebäude leer stehen.

Also verkommen die Innenstädte, wenn nur neu gebaut wird, während anderswo Gebäude und Geschäfte leer stehen?

Straetmans: Verkommen vielleicht nicht, aber man lässt häufig die Chancen außer Acht, die in den Städten schon vorhanden sind. Man muss sich auch immer nach dem Grund fragen, warum ein Neubaugebiet entsteht. Wer hat da wirklich etwas von? Denn es ist einfach nicht so, dass so viele Kinder geboren werden, dass wir uns vorstellen könnten, in fünf oder sechs Jahren nicht mehr genug Wohnungen für alle zu haben. Wir sind ja nicht gerade eine Babyboomer-Generation. Die Stad.Academie will aber keinen Zeigefinger erheben: Es ist gut, dass es Investoren für Neubaugebiete gibt, aber es muss auch gleichzeitig andere Methoden geben, die zu den tatsächlichen Bedürfnissen in einer Region passen.

Was sind diese „tatsächlichen Bedürfnisse“?

Straetmans: Durch den demografischen Wandel beispielsweise braucht es neue Formen des Wohnens, wie zum Beispiel „Mehrgenerationen-Wohnen“.

Leerstand ist nicht nur ein finanzielles Problem, sondern vermittelt auch ein negatives Lebensgefühl. Wenn ein Bezirk neu belebt und dadurch lebenswert wird, gibt das auch wirtschaftliche Impulse.

Straetmans: Ja genau. Deshalb sollte man auch gar nicht an den wirtschaftlichen Nutzen denken, wenn man anfängt, Leerstand und brachliegende Flächen zu verändern, sondern vielmehr an den Wert für die Bewohner, den es haben könnte.

Also ist es falsch, wenn Verwaltungen Städte planen und hoffen, dass dadurch ein wirtschaftlicher und sozialer Mehrwert entsteht?

Straetmans: Dieser Ansatz ist tatsächlich veraltet. Dass Verwaltungen die Stadt planen, ist wichtig - aber nicht nur! Und das scheint auch in der Politik anzukommen: Die Beteiligung der Anwohner ist als wichtig erkannt. Aber das bedeutet auch, dass man den Bürgern Vertrauen schenken muss.

Leute, die Bezirke umgestalten, nennen Sie Raumpioniere. Was hat man sich darunter vorzustellen?

Straetmans: Das sind Leute, die interessanterweise oftmals mit der Stadtplanung nichts zu tun haben. Ihre Aktivität entsteht vor allem aus eigenem Antrieb, weil sie sich denken: „Da steht was leer, da können wir doch was tun.“

Raumpioniere liefern also Ideen, wie man gemeinsam ein Viertel und insbesondere leerstehende Gebäude anders nutzen und dadurch aufwerten kann?

Straetmans: Richtig. Es sind Hausbesitzer oder Menschen, die Wohn- oder Arbeitsraum suchen, oder einfach kreative Ideen haben, Leerstand kurzzeitig oder dauerhaft zu nutzen. Sie arbeiten teilweise mit städtischen Gremien oder den Gebäude-Besitzern zusammen.

Gibt es solche Entwicklungen in anderen Städten? Können Sie ein Beispiel nennen?

Straetmans: Das „Gängeviertel“ in Hamburg wäre so ein Beispiel. Da sieht man, wie sich sehr viele Menschen zu einer Kooperation zusammengefunden haben, und dort nicht nur ein Haus selbstständig wiederherstellen, sondern gleich ein ganzes Viertel umgestalten. Den Raumpionieren dort geht es nicht darum, den Bezirk finanziell aufzuwerten, sondern eine Wohnsituation zu schaffen, die bezahlbar ist, und wo man wohnen und arbeiten kombinieren kann.

Was aber hat eine Stadt davon?

Straetmans: Man sieht an Projekten wie dem Gängeviertel, dass in erster Linie die Bewohner etwas davon haben, wenn ihr Viertel neu belebt wird. Aber auch die umliegenden Wohnungen gewinnen dadurch wieder an Wert – und dann letztendlich die ganze Stadt.

Kann eine Stadt so einen Prozess bewusst in Gang setzen?

Straetmans: Das Phänomen ist überall in Europa zu finden, aber es ist in jeder Stadt anders. Das macht es auch für die Politik so schwierig, weil man keine Formel oder Plan hat, die man in seine Stadt implementieren kann.

Aber gibt es ähnliche Tendenzen?

Straetmans: Ganz oft stellt man fest, dass die Raumpioniere gerade das Viertel verändern wollen, in dem sie wohnen oder arbeiten. Sie kennen das Potenzial, sprechen die Sprache der Menschen, die dort wohnen, und haben gleichzeitig einen Draht zur Politik.

Muss man also in der Stadtentwicklung insgesamt umdenken?

Straetmans: Wir denken schon. Jeder Einzelne bekommt für sein Leben wieder mehr Verantwortung. Wir können uns nicht mehr darauf verlassen, dass unser Staat ein Versorgungsstaat ist, jeder eine Rente bekommt und wir ein Dach über dem Kopf haben. Die Politik kann in Zukunft weniger Verantwortung für uns übernehmen, und das äußert sich auch in der Wohnsituation und im infrastrukturellen Bereich.

Was sagen Sie dann zu Großprojekten wie dem Aquis Plaza Shoppingcenter in Aachen.

Straetmans: Ja, das ist ein Beispiel dafür, wie herkömmliche Stadtplanung funktioniert. Solche Leuchtturmprojekte sind kurzfristig gedacht und auch sicherlich nicht gänzlich schlecht. Aber auf längerfristige Sicht stellt sich die Frage, inwiefern die Gesellschaft davon profitiert, und ob das Viertel wirklich aufgewertet wird. Das Gebiet war immer schwierig, aber hatte auch Potenzial, gerade weil es so nah an der Stadt liegt. Man hätte das ganz anders angehen können. Und da fragt man sich, wie vielen anderen kleineren Initiativen man dort für dieses Geld eine Chance hätte geben können.

Die Studenten der Stad.Academie sind Berufstätige aus verschiedenen Bereichen. Wie äußert sich das in der gemeinsamen Arbeit?

Straetmans: Die Studenten nehmen ihre Umgebung ganz unterschiedlich wahr und haben dementsprechende Ansätze. Die einen sagen, man muss sozial verbessern und planen ein Straßenfest. Die anderen sehen architektonische Barrieren, die man abbauen kann.

Jetzt mögen Kritiker sagen, dass ein Straßenfest nicht reicht, um ein Viertel weiterzuentwickeln, und dass es dazu eben doch Investoren braucht.

Straetmans: Ein Straßenfest kann dem Viertel einen Impuls geben, der den Bewohnern und den Investoren zeigt, dass es eine soziale Basis gibt. Nach dem gleichen Prinzip funktioniert auch die Methode der Zwischennutzung. Es geh ums Experimentieren.

Gibt es denn regionale Beispiele, die die Stad.Academie untersucht hat?

Straetmans: Ja, zum Beispiel waren wir in Heerlen-Vrieheide und Aachen-Nord. In einem anderen Modul haben wir zwei niederländische Dörfer untersucht: Grevenbicht und Obbicht. Sie liegen nur einen Kilometer voneinander entfernt, und haben trotzdem jeweils eine ganz eigene Identität. Jedes Dorf hat eine Schule, jedes eine Kirche – es wird aber beides nicht mehr ausreichend genutzt. Die Schulen verschwinden auf Dauer, weil es zu wenig Schüler gibt. Jetzt könnte man sagen, man schließt eine der beiden Schulen, und die Kinder gehen zur anderen. Stattdessen will die Gemeinde eine ganz neue Schule in die Mitte der zwei Dörfer bauen, weil man sich nicht einigen kann, wo die Kinder zur Schule gehen sollen.

Wie beurteilt die Stad.Academie diesen Umgang mit dem Problem?

Straetmans: Uns erschien es sehr fraglich, ob man eine neue Schule bauen sollte, wenn es bereits zwei Gebäude gibt. Wir haben darum erstmal die bautechnischen uns sozialen Strukturen der Dörfer untersucht, und sind dann zu dem Schluss gekommen, dass man auch hier wieder mit informellen Methoden der Gebietsentwicklung zu alternativen Lösungen kommen könnte, die weniger kostspielig sind. Es geht darum, mit den ‚neuen‘ Herangehensweisen Kompromiss-Lösungen zu finden und dabei alle Beteiligten mit einzubeziehen.

Und hat das Wirkung gezeigt?

Straetmans: Das ist noch nicht sicher. Erstmal wird noch auf herkömmliche Art geplant. Das Interessante jedoch ist, dass ein wichtiger Abgeordneter bei der Veranstaltung der Stad.Academie war, und sich anhörte, was wir gesagt haben. Natürlich können wir nicht auf einmal die Welt verbessern, aber wir geben neue Denkanstöße.

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