Leben wie in einer Familie

Von: Maria Enders
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Nicht nur ein Weihnachtswunsch: Professor Liane Schirra-Weirich will eine Gesellschaft, in der alle Generationen gemeinsam miteinander älter werden. Foto: Andreas Herrmann
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Forschungsarbeiten zum Thema Familienentwicklung: Die Professorin kann auch ihre Studenten für das Thema begeistern. Foto: Andreas Herrmann

Region. Kaiser Augustus befahl den Menschen in seinem Reich, sich in Listen eintragen zu lassen. Bis heute ist diese Form der Datenerfassung wichtige Grundlage für die Zukunftsplanung. Wir werden älter, weniger, bunter und dementer. Professor Liane Schirra-Weirich bringt es gerne plakativ auf den Punkt.

Der demografische Wandel: Er steht ganz oben auf ihrer Liste. Und schnell kommt die Prorektorin für Forschung und Weiterbildung an der Katholischen Hochschule in Aachen und Köln in Fahrt. Nein, ein Grund zum Jammern und Wehklagen sei diese Entwicklung nicht. Dass dies aber so oft geschieht, regt sie auf. Die Dozentin, Jahrgang 1960, legt nach: „Mich stört, dass der demografische Wandel noch viel zu oft als Problem und viel zu wenig als Herausforderung gesehen wird.“

Natürlich gibt es bereits heute schon zahlreiche positive Beispiele. Die Soziologin nennt exemplarisch die Städteregion Aachen, Düren und auch die Kantone in Ostbelgien. Aber sie sagt auch: „Es ist wichtig, dass die Generationen miteinander und nicht nebeneinander leben.“ „Generationendurchmischte Gesellschaft“ heißt das in der soziologischen Fachsprache. Dafür tritt Liane Schirra-Weirich ein. Und sie bezeichnet es als persönlichen Gewinn, dass sie junge Menschen für den demografischen Wandel als „eine der größten Zukunftsaufgaben unserer Gesellschaft“ sensiblisieren kann. Sie setzt aber auch auf die Kraft der Einsicht. Zum Beispiel bei den Verantwortlichen in den Kommunen. „Da gibt es noch den einen oder anderen, der sagt: So lange das Problem der älter werdenden Gesellschaft nicht virulent ist, brauchen wir nichts zu tun.“ Das hält Liane Schirra-Weirich für skandalös. Sie wünscht sich, dass die Gestalter in den Kommunen besser hinschauen und hinhören. Wie sind die Wanderungsbewegungen zwischen Land und Stadt? Wieviele Häuser stehen teilweise leer, weil Ältere den Wohnraum nicht brauchen, während Familien dringend Wohnraum suchen?

Was wünschen sich die Bürger? Was finden sie gut? Was finden sie schlecht? Um diese Fragen sollten sich die Kommunalpolitiker viel mehr kümmern, sagt Liane Schirra-Weirich. Für die Praxis heißt das auch: „Kommunen sollten dafür sorgen, dass Häuser und Wohnungen nicht im großen Stil leer stehen.“ Dahinter steht die Absicht: Der ländliche Raum bleibt als Wohn- und Lebensraum auch für junge Familien attraktiv. Wohnen und leben auf dem Land – arbeiten in der Stadt. Die Kommunen müssten die Infrastrukturen dafür schaffen, sagt Liane Schirra-Weirich. Das verlange nicht viel Fantasie.

Statistische Daten könnten die Fantasie der Politiker beflügeln. Der Zensus und Mikrozensus liefern regelmäßig aktuelle Grundlagen. Das ist die Basis für die Zukunftsplanung. Die Zahlen des jüngsten Zensus vom Mai 2011 lassen sich vom Bund über die Länder, die Regierungsbezirke und die Kreise auch auf die Kommunen herunterrechnen. Statistiker betonen daher gerne den Wert solcher Datenerfassungen. Auch die sozialen Netzwerke haben dazu beigetragen, dass die Kritik an Volkszählungen verstummt.

Das war Anfang der 1980er Jahre noch anders. 1983 sollte in der Bundesrepublik eine Volkszählung stattfinden. Es gab eine Bürgerbewegung dagegen. Erst vier Jahre später konnte die Zählung doch stattfinden. Sechs Jahre zuvor – im Jahr 1981 – gab es in der DDR eine Zählung. Die Daten aus 1981 und 1987 waren in den darauffolgenden Jahrzehnten Planungsgrundlage für Politik und Verwaltung. Seit Mai 2011 haben wir nun verlässlichere Daten. Die Daten aus den örtlichen Melderegistern wurden zum Beispiel mit Angaben zu Beruf und Wohnort verknüpft. Mit deutscher Gründlichkeit wurde das Verfahren für den Zensus 2011 zwischen 2001 und 2003 umfassend getestet. Das Ergebnis: Die Daten aus den verschiedenen Registern konnten so zusammengeführt werden, dass auftretende Ungenauigkeiten statistisch bereinigt werden konnten. Das ist auf der offiziellen Seite der Statistischen Ämter zum Zensus 2011 nachzulesen – und damit amtlich geprüft und gesichert. Der Zensus fand in Deutschland übrigens nicht zufällig statt: Die EU hatte zuvor beschlossen, dass alle Mitgliedsländer regelmäßig eine Inventur machen sollen. Das wird nun alle zehn Jahre stattfinden. Die Amerikaner machen das seit 1789 bis heute. Sie haben keine Meldepflicht.

Die Volkszählung des Kaisers Augustus gilt als die Mutter der Volkszählungen. Nach anderen Überlieferungen gab es große Zählungen auch schon früher. Sie alle dienten bestimmten Zwecken: Es ging um Wehrdienst und Steuern. Deshalb wurden lange auch nur Männer gezählt. Erst im 18./19. Jahrhundert änderte sich das. Man erkannte den volkswirtschaftlichen Nutzen einer Volkszählung.

Liane Schirra-Weirich bleibt dennoch skeptisch: Sie möchte, dass nicht nur ano-nym Daten erhoben werden. Sie will genauer nachfragen, genauer vor Ort hinschauen. Ihr größter Wunsch ist: In unserer Gesellschaft sollen alle eine Gemeinschaft bilden. Alt, jung und bunt. Wie in einer großen Familie sollen alle zusammenleben. Friedlich und selbstverstänlich generationenübergreifend wie an Weihnachten. Ihre Töchter, 21, 24, 26, und 29 Jahre alt, schmücken den Baum. Es gibt einen Spaziergang mit Mutter und Vater, den Besuch der Christmette, dann die Bescherung. „Weihnachten ist ein schönes Familienfest“, sagt die Professorin. Und strahlt.

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